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Der Schweiz droht eine Versorgungslücke

Wegen des Widerstands in Muttenz ist die heimische Salzgewinnung gefährdet.

Gegner des Salzabbaus fürchten Lärm und Umweltschäden: Saldome 2 der Schweizer Salinen in Rheinfelden. Foto: Keystone
Gegner des Salzabbaus fürchten Lärm und Umweltschäden: Saldome 2 der Schweizer Salinen in Rheinfelden. Foto: Keystone

In der Baselbieter Gemeinde Muttenz wehrt sich die Bevölkerung gegen die Pläne, welche die Salzgewinnung für die nächsten 50 Jahre sicherstellen sollen. 6200 Personen fordern in einer Petition, einen Landstrich, der nur wenige Hundert Meter vom bisherigen Anbaugebiet gelegen ist, aus dem Konzessionsgebiet zu streichen. Die Kritiker befürchten Lärmimmissionen und Umweltschäden. Vor allem Bauern laufen Sturm, weil das Ackerland nach dem Salzabbau nie mehr so sein werde wie zuvor.

Sollten die Einsprecher vom Baselbieter Kantonsparlament entgegen der Empfehlung ihrer Kommission unterstützt werden und die auf 50 Jahre befristete Konzessionsverlängerung verweigern, dann droht der Schweiz ab dem Jahr 2025 eine riesige Salzlücke. «Der Ausfall würde dem Schweizer Bedarf von zehn Jahren entsprechen», warnt der Geschäftsführer der Schweizer Salinen, Urs Hofmeier. Die jährliche Produktion liegt je nach Bedarf zwischen 400'000 und 600'000 Tonnen, was einem jährlichen Umsatz von 60 bis 120 Millionen Franken entspricht.

4,5 Millionen Tonnen Salz würden dem Land plötzlich fehlen. Als Folge davon würde der Selbstversorgungsgrad auf die Hälfte sinken. «Ich rede nicht nur von Tafelsalz», sagt Hof­meier, «sondern ebenso von Auftausalz für den Strassenunterhalt im Winter, Regeneriersalz für Maschinen, aber auch von Salz für Tiere in der Landwirtschaft sowie Gewerbe- und Industriesalzen.»

Keine Schweizer Alternative

Nachdem die Salinen im letzten Frühjahr die Sondierbohrungen für das Muttenzer Projekt sistiert hatten, nahmen sie in diesem Monat die Erkundungsarbeiten wieder auf. Tatsächlich gibt es zur Salzgewinnung in der Rütihard keine inländische Alternative. Andere Standorte wie in Arisdorf BL oder Ajoie im Jura müssten während vieler Jahre erst noch entwickelt werden. «Von einem Tag auf den anderen lässt sich kein Salz gewinnen», sagt Hofmeier. Deshalb gebe es auch keinen Plan B.

In rund 300 Meter Tiefe sollen «wichtige Erkenntnisse zur lokalen Geologie und zu den Salzvorkommen» gewonnen werden, sagt Hofmeier. Die Bohrungen laufen im Dreischicht­betrieb während 24 Stunden an sieben Tagen die Woche, was die Dringlichkeit des Projekts unterstreicht.

Keine Probleme haben die Salinen mit der Landbesitzerin. Die Bürgergemeinde Muttenz steht hinter dem Projekt, nicht zuletzt weil sie davon kräftig profitiert. Während der Konzessionsdauer von 20 Jahren darf sie mit Einnahmen von rund 1 Million Franken rechnen.

Öffentlichkeitsarbeit vernachlässigt

Besitzerin der Salinen sind neben dem Fürstentum Liechtenstein die 26 Schweizer Kantone. Anders etwa als in Österreich ist der Handel mit Salz in der Schweiz nicht frei. Die Kantone verfügen über ein Monopol. Bis 1973 war sogar der Salz­verkauf über die Kantonsgrenze hinaus verboten.

Wohl auch als Folge dieses Monopols haben die Salinen über Jahre ihre Öffentlichkeitsarbeit vernachlässigt. «Wir erachteten viele unserer Leistungen als selbstverständlich», räumt Hofmeier heute ein. Er versucht deshalb, Verpasstes nachzuholen, und verweist auf den ökologischen Wert von heimischem Salz.

Rund die Hälfte des Salzes wird heute auf Eisenbahnwagen transportiert, um unscheinbare Bohrlöcher werden Wildbienen angesiedelt, 80 Prozent der Verpackungen bestehen inzwischen aus rezyklierbarem Material, und in den letzten zehn Jahren wurde in den Produktionsstätten der Wasserverbrauch um 40 Prozent gesenkt. Dank mobilen Silos werden eine halbe Million 25-Liter-Salzsäcke eingespart.

Ökologische Vorteile

In einer Studie, die nächste Woche vorgestellt wird, wird auch der ökologische Vorteil einheimischer Produktion nachgewiesen. Vor allem wegen der Transportwege vergrössert sich der CO2-Fussabdruck sonst massiv. 19 Kilogramm CO2 pro Tonne Salz in der Schweiz stehen 31 Kilogramm bei einer Produktion in Deutschland und 73 Kilogramm in Tunesien gegenüber.

Die Baselländer Gemeinde Muttenz stellt sich nicht zum ersten Mal gegen die heimische Salzgewinnung. Schon 1836, als Salzvorkommen festgestellt wurden, konnte man sich mit dem damaligen Salinenbesitzer nicht auf eine Entschädigung einigen. Der Unternehmer ging deshalb zur Nachbargemeinde Pratteln BL, um die Schweiz endgültig von Importen aus dem Ausland zu befreien.

Auch 183 Jahre später ist in Muttenz die Abneigung gegen das weisse Gold geblieben, obwohl 1968 der Salzabbau auf Gemeindegebiet doch noch starten konnte.

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