Das Wunder vom Osten

Ostdeutschland hat als Wirtschaftsstandort einen miesen Ruf. Aber es gibt auch leuchtende Orte wie Jena. Die Stadt blüht, zieht junge Menschen an und ist ein Paradies für Forscher.

Der aus dem Nebel ragende Jentower symbolisiert eine Stadt, die jünger, weltoffener und erfolgreicher ist als die meisten im Osten. Foto: Alamy

Der aus dem Nebel ragende Jentower symbolisiert eine Stadt, die jünger, weltoffener und erfolgreicher ist als die meisten im Osten. Foto: Alamy

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

In der Stadt wuselt es nur so von Studenten. In Trauben stecken sie die Köpfe zusammen, im Pulk radeln sie durch die Stadt. Die vielen Chinesinnen fallen besonders auf. Vor dem ehrwürdigen Hauptgebäude der Universität grüssen zwei alte Jenaer Säulenheilige: der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel und der Dichter Friedrich Schiller.

1558 gegründet, ist die Friedrich-Schiller-Universität nicht nur eine der ältesten und angesehensten in Deutschland. Seit drei Jahrhunderten ist sie auch der wichtigste Grund für den Erfolg der Stadt an der Saale. Sie zog von weit her fähige Köpfe an und förderte jene Offenheit im Geist und jene Öffnung auf die Welt, aus der nicht nur grosse Wissenschaft, sondern auch neue Industrien entstanden.

Es muss hier eine Art ­Hochpräzisionsgen geben. Jena hat das im Herzen, im ­ganzen Tal.Katrin Lauterbach, Sprecherin Jenoptik

Die thüringische Hauptstadt Erfurt glänzt mit einer prächtigen Altstadt, Weimar lebt vom Erbe Goethes, in Jena hingegen prägen junge Menschen das Stadtbild. Nach der Wende gab es mal Pläne, einen neuen Uni-Campus am Stadtrand zu errichten, aber davon sah man klugerweise schnell wieder ab. So bildet die Schiller-Universität mit ihren 20 000 Studenten heute den Kern der Stadt – über Nacht leer stehende Gebäude gab es nach dem Ende der DDR genug.

Fast jeder Dritte von Jenas 110'000 Einwohnern geht zur Schule, studiert, lehrt oder forscht. Die Internationalität wächst beständig. Unter den Studienanfängern sind heute mehr Frauen und Männer aus China als aus dem benachbarten Bayern. Jeder dritte Arbeitnehmer in Jena hat einen akademischen ­Abschluss – es ist die höchste Quote in ganz Deutschland.

Das Erbe von Carl Zeiss

Die andere Kraft, die die Stadt geprägt hat, findet sich ebenfalls mitten im Zentrum, in einem historischen Hochhaus unmittelbar neben dem neu geschaffenen Uni-Campus: Carl Zeiss. Zeiss gründete 1846 ein Unternehmen für optische Geräte; zusammen mit dem Physiker Ernst Abbe und dem Glasspezialisten Otto Schott schuf er innert vier Jahrzehnten ein Unternehmen von Weltruf.

In Jena gibt es Carl Zeiss heute gleich doppelt, mit 2200 beziehungsweise 1400 Mitarbeitern: einmal als Carl Zeiss Jena, eine Tochter des westdeutschen Konzerns Carl Zeiss, einmal als Jenoptik. Die Verdoppelung ist eine Folge der Geschichte. Am Ende des Zweiten Weltkriegs transportierten die US-Amerikaner erst die hellsten Köpfe von Carl Zeiss nach Baden-Württemberg ab und gründeten den Konzern dort neu. Im Osten wurde aus den Resten, die die Sowjets nicht deportiert hatten, das grösste und auch international erfolgreichste Industriekombinat der DDR: Carl Zeiss Jena, mit mehr als 60'000 Mitarbeitern.

Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde das Kombinat in Jena zerschlagen: West-Carl-Zeiss nahm sich alles, was es begehrte, und machte daraus ein neues Carl Zeiss Jena. Aus dem Rest wurde Jenoptik. Unter der Führung des früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth entwickelte sich auch Jenoptik schnell zum Erfolg. Viele erfindungsreiche Zeiss-Mitarbeiter machten sich zudem selbstständig und gründeten mittelständische Unternehmen, aus denen zahlreiche Weltmarktführer der Licht- oder Lasertechnik entstanden.

Der Weltruf von Zeiss und Jena rührt daher, dass seine Erfinder und Techniker die Geschichte des Sehens regelrecht revolutionierten. «Seit 1801 in Jena die UV-Strahlung entdeckt wurde, reihten sich die Entdeckungen und Erfindungen wie an einer Perlenschnur aneinander – bis heute», erklärt Timo Mappes, der fröhliche Direktor des Deutschen Optischen Museums, das nur ein paar Schritte von Jenoptik entfernt liegt.

Meilensteine waren die Erfindung eines neuartigen Mikroskops Ende der 1870er-Jahre, die in der Folge die ganze Mikrobiologie umstürzte. Und die Erfindung der modernen Brille Mitte der 1910er-Jahre, als man durch ein Glas erstmals bis zum Rand mit derselben Schärfe sehen konnte. Gleichzeitig stiftete Zeiss-Nachfolger Ernst Abbe soziale Einrichtungen für das Volk, beteiligte die Arbeiter am Unternehmen und baute der Universität viele Gebäude. «Das prägt eine Stadt und ihre Gesellschaft.»

Jena ist aber nicht nur die Wiege der modernen optischen Industrie, sondern geniesst bis heute den Ruf als «Optical Valley». Konzernsprecherin Katrin Lauterbach zeigt dem Besucher bei Jenoptik, wie man Licht erfolgreich zur Herstellung von Halbleitern oder in 3-D-Radarsensoren nutzt – oder mit Kunststoffen Licht lenkt. «Es muss hier eine Art Hochpräzisionsgen geben», meint sie. «Jena hat das im Herzen, im ganzen Tal.» Den Zeissianern, wie sich die Mitarbeiter selbst nennen, sagt man gern nach, dass sie sogar den Rasen im eigenen Garten mit der Nagelschere schneiden.

In Jena gibt es nicht wenige Familien, die schon in dritter oder vierter Generation bei Zeiss arbeiten. Die Industriekultur ist hier tief verwurzelt, viele Menschen verbinden mit ihr Identität und Stolz. Der Weltruf der deutschen Präzisionsindustrie wiederum hat viel mit ihrer optischen Industrie zu tun.

«Wissenschaften des Lebens»

Doch Jena ist längst nicht mehr nur in Optik oder Photonik Weltspitze. Im Süden der Stadt steht ein Forschungsgelände, um das sie halb Deutschland beneidet. Auf dem Beutenberg-Campus drängen sich neun grosse Forschungseinrichtungen von Universität und Instituten wie Max Planck oder Helmholtz, mit 3000 Mitarbeitern aus aller Welt.

Nur die Hälfte von ihnen forscht in der Physik, die andere in den «Wissenschaften des Lebens». Und kreuz und quer arbeiten die Institute zusammen. Der Chemiker Wilhelm Boland, ein freundlicher Mann mit weissem Bart, erklärt, dass die Vielfalt der Institute die grosse Stärke des Campus ausmache. «Vieles davon ist eher zufällig gewachsen, weil zur richtigen Zeit die richtigen Leute zusammenkamen.»

Wenn Boland vom Dach seines spiegelverglasten Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie hinunter auf den gegenüberliegenden Stadtrand blickt, sieht man Plattenbauten, die für eine ganz andere, weniger erfreuliche Geschichte von Jena stehen: Hier sind in den Neunzigerjahren die drei Neonazis aufgewachsen, die ein Jahrzehnt später als «Nationalsozialistischer Untergrund» mordend durch Deutschland zogen.

Nummer 1 Ostdeutschlands

Fragt man in Jena, ob der Ruch des Ostens, ein Hort von Neonazis und eine Hochburg der AfD zu sein, der Stadt schade, winken alle ab. Wenn überhaupt, würden Chemnitz, Halle oder Dresden mehr darunter leiden. «Vor 20 Jahren kam es manchmal vor», sagt Boland, «dass dunkelhäutige Forscher in Jena angepöbelt wurden. Das hat sich aber vollständig gelegt.»

Politisch ist Jena aber auch ein ostdeutsches Unikum. Bei der letzten Wahl ins städtische Parlament im Frühling lagen Linkspartei und Grüne an der Spitze, vor SPD, FDP und CDU. Die AfD kam nur auf 10 Prozent. Der junge Oberbürgermeister gehört der FDP an – das ist äusserst selten. So wird Jena vermutlich auch wählen, wenn am Sonntag der thürin­gische Landtag neu bestellt wird.

Die Politik hat hier bestimmt viel richtig gemacht. Aber mit der Universität und mit Zeiss waren die Startbedingungen auch einfach viel besser.Christian Gerlitz, Sozialdemokrate

«Es hat in Jena seit der Wende immer eine politische Mehrheit für Wandel und Weltoffenheit gegeben», erklärt Christian Gerlitz. Der 36-jährige Sozial­de­mokrat ist als Bürgermeister für die Entwicklung der Stadt verantwortlich. Wenn man ihn fragt, warum Jena so viel besser dasteht als etwa seine Geburtsstadt Gera, sagt er: «Die Politik hat hier bestimmt viel richtig gemacht. Aber mit der Universität und mit Zeiss waren die Startbedingungen auch einfach viel besser.»

Im deutschen Zukunftsatlas 2019, der Wirtschaftsstärke, Dynamik und Innovationskraft misst, belegt Jena den besten Platz aller ostdeutschen Städte, Berlin und Leipzig inklusive. Schon seit 2006 wächst die Stadt wieder, wirtschaftlich noch schneller als demografisch. «Mit jedem neuen Einwohner sind zwei neue Arbeitsplätze entstanden», sagt Gerlitz. Der anhaltende Erfolg verursacht Wachstumsschmerzen: Der Wohnraum im engen Tal ist teurer geworden, Bauland, Gewerberaum, Verkehrswege und Fachkräfte werden knapp. Aber das sind Sorgen, die andere ostdeutsche Städte gerne hätten.

Dennoch müsse man sich vor Selbstgefälligkeit hüten, warnen in Jena Leute, mit denen man spricht. Man dürfe nicht im eigenen Tal verharren, sondern müsse sich mit den Zentren der Welt vernetzen. Die neue Stadtregierung habe dies zum Glück erkannt und wieder neue Dynamik entfacht.

Zwei Grossprojekte mitten in Jena hebt Gerlitz hervor: Für 200 Millionen Euro baut das Land Thüringen am Inselplatz einen neuen Campus für die Universität. «Von ihrer Qualität hängt die Zukunft der Stadt entscheidend ab.» Und die baden-württembergische Carl Zeiss errichtet für 300 Millionen Euro einen futuristischen Technologie-Campus – exakt da, wo einst Schotts Glaswerke standen. «Dass sich ein Weltkonzern wie Zeiss auf seine Jenaer Wurzeln zurückbesinnt und hier neu baut, ist nicht nur ein langfristiges Bekenntnis», sagt Gerlitz. «Es ist auch ein Signal an die Welt.»

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