Weniger EU-Forschungsgelder

Mit dem alten Eurokurs budgetiert, nach dem neuen bezahlt: Die Schweizer Forschung leidet unter dem Kursanstieg des Frankens – doch die Folgen der Masseneinwanderungsinitiative dämpfen den Schock.

Bei Projekten, die direkt vom EU-Forschungsprogramm bezahlt werden, muss mit Einbussen von rund 20 Prozent gerechnet werden. Symbolbild: Barbara Jung

Bei Projekten, die direkt vom EU-Forschungsprogramm bezahlt werden, muss mit Einbussen von rund 20 Prozent gerechnet werden. Symbolbild: Barbara Jung

Martin Läubli@tagesanzeiger

Der Entscheid der Schweizer Nationalbank, den Mindestkurs des Schweizer Frankens nicht mehr zu stützen, trifft auch die Schweizer Forschung. Wer in den letzten Jahren von EU-Forschungsgeldern profitieren wollte, budgetierte grundsätzlich mit einem Wechselkurs von 1.20 Franken. Das ging bis zum 15. Januar gut. Doch nun muss bei Projekten, die direkt vom EU-Forschungsprogramm bezahlt werden, mit Einbussen von rund 20 Prozent gerechnet werden. «Jene Forschenden und KMU, die von der direkten EU-Finanzierung abhängig sind, trifft es nun besonders hart», sagt Martin Kern, Wissenschaftlicher Berater beim Staatssekretariat für Forschung, Bildung und Innovation (SBFI).

Betroffen sind unter anderem Fördergelder für exzellente Forschung an talentierte Nachwuchsforschende (ERC-Grants) und für die Ausbildung von Doktoranden. Hinzu kommen Abstriche bei der Finanzierung von Forschungsinfrastrukturen und innovativen Projekten wie zum Beispiel dem EU-Flagship «Human Brain» an der ETH Lausanne. Diese Projekte gehören zum Schwerpunkt «Wissenschaftsexzellenz» des aktuellen EU-Programms für Forschung und Innovation Horizon 2020.

Wie viele Millionen an Forschungsgeldern ausbleiben werden, darüber möchte bis dato noch niemand spekulieren. «Es muss erst abgewartet werden, auf welchem Kurs sich der Franken einpendeln wird», sagt Peter Erni, Direktor von Euresearch, dem Schweizer Informationsnetz für EU-Forschungsprogramme. Aus diesen Exzellenz-Projekten fliessen jährlich – je nach Anzahl und Qualität der Schweizer Gesuche – schätzungsweise 250 Millionen Franken von der EU in die Schweiz. Anderseits beteiligte sich die Schweiz im letzten Quartal 2014 mit ungefähr 34,4 Millionen Euro am Horizon-Programm «Wissenschafts–exzellenz». Verlierer des Wechselkurses sind jene Gesuchsteller, welche sich vor dem 15. Januar 2015 bei Horizon 2020 um eine Projektförderung beworben haben, die entsprechenden Gelder von der EU aber erst nach diesem Datum erhalten. «Es wird zu diskutieren sein, ob und wie die betroffenen Forschenden zusätzlich unterstützt werden können», sagt Martin Kern vom SBFI.

Universitäten sind gefordert

Der Entscheid der Nationalbank wird auch in Zukunft bei der Budgetierung von EU-Projekten Nachwirkungen zeigen. Denn wer künftig EU-Gelder zum Beispiel im Bereich der europäischen Nachwuchsförderung oder für die Doktorandenausbildung erhält, kann den Kursverlust von etwa 20 Prozent nicht durch eine Budgeterhöhung kompensieren. «Hier gibt es ein definiertes Maximum an Fördergeldern mit fixierten Pauschalbeträgen», sagt Maddalena Tognola vom Euresearch-Regionalbüro Bern. Die kantonalen Universitäten sind gefordert und müssen Mittel finden, um allfällige Kursverluste auffangen zu können. Man könne nicht einfach die Löhne für Doktoranden senken, sagt Tognola.

Die ETH Zürich greift in Härtefällen durch Kursverluste auf den Forschungsföderungsfonds zu, wie bei der Medienstelle zu erfahren ist. Die Forschungsaktivität bleibe auf alle Fälle auf dem gleich hohen Niveau gesichert. Aktuell beträgt der Umfang laufender mehrjähriger Forschungsprojekte im Eurobereich rund 100 Millionen Euro.

Trotzdem scheint im Gegensatz zur Wirtschaft die Stimmung in der Forschung gelassener zu sein. Am Cern will man zuerst beobachten, wie sich der Wechselkurs entwickelt, wie Barbara Warmbein von der Pressestelle erklärt. Das Budget und die Beiträge der Mitgliedsstaaten werden in Schweizer Franken berechnet. Möglich ist, dass die Mitgliedsstaaten in Zukunft einen höheren Beitrag zahlen müssen.

Hilfspaket vom Bund

«Es ist zu früh, um in Panik zu geraten», sagt auch Maddalena Tognola von Euresaerch. Die Lage ist nicht so prekär wie vor drei Jahren, als die Nationalbank den Mindestkurs von 1.20 Franken einführte. «Viele Projekte an der Universität Bern wurden vor 2011 zu einem Kurs von 1.30 bis 1.40 budgetiert», sagt Tognola. Die Universität Bern sprang damals ein und garantiert das Budget für alle Projekte, die bereits 2011 liefen und bis heute durch EU-Gelder finanziert werden. Zudem schnürte damals der Bund ein Hilfspaket, aus dem internationale Forschungsprojekte einen Zustupf von 43 Millionen Franken erhielten.

Die Lage ist auch aus einem anderen Grund weniger dramatisch als 2011. Die Schweiz ist seit dem 15. September 2014 offiziell ein teilassoziiertes Mitglied des EU-Forschungsprogrammes. Das heisst: Es erhalten nur noch Projekte des Schwerpunktes «Wissenschaftsexzellenz» direkte EU-Finanzierungen. Für Verbundprojekte jedoch, an denen Schweizer Universitäten, die ETH, Fachhochschulen, aber auch KMU als Forschungspartner teilnehmen, zahlt die EU keine Gelder mehr. Diese Vorhaben laufen unter dem sogenannten «Drittstaatmodus». Der Grund für diesen neuen Status: Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative in der Volksabstimmung am 9. Februar 2014 war die EU nicht mehr bereit, über eine Vollassoziierung der Schweiz zu verhandeln. Die EU-Kommission stellte dafür Bedingungen: Die Schweiz muss das Prinzip der Personenfreizügigkeit akzeptieren und auf Kroatien ausweiten. Das Abkommen der Teilassoziierung gilt bis Ende 2016.

Euro-Budget gilt

So kann die Schweiz zwar Projektanträge im «Drittstaatmodus» an die EU stellen, finanziert werden die von der EU-Kommission evaluierten und genehmigten Gesuche jedoch von der Schweiz. Das Besondere daran: Die eingereichten Forschungsprojekte müssen in Euro budgetiert sein. So stellt sich nun die Frage, welcher Wechselkurs für jene Projekte gilt, die bis Dezember 2014 eingereicht wurden. Für Maddalena Tognola von Euresearch sind die Regeln klar: «Nach der Guideline des SBFI gilt der Kurs beim Eingabetermin.» Das bedeutet, dass diese Projekte unter dem Kurs von 1.20 ausbezahlt werden und keine Verlust hinnehmen müssen. «Es handelt sich um etwa 250 Projekte, welche durch das SBFI finanziert werden müssen», sagt Euresearch-Direktor Peter Erni.

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