Schweizer stürmen deutsche Reisebüros

Schweizer Reisebüros kämpfen wegen der Frankenstärke um ihre Kunden – besonders in Grenznähe. Drüben reiben sich die deutschen Anbieter die Hände.

  • loading indicator
Olivia Raths@tagesanzeiger

Als der Euro Mitte Januar plötzlich absackte, nachdem die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs aufgehoben hatte, stürmten sie die Supermärkte im grenznahen Ausland: die Schweizer Einkaufstouristen. Doch der Einkaufstourismus hat nicht nur im Detailhandel Hochkonjunktur, sondern auch in den Reisebüros.

Das Konstanzer Reisebüro Urlaubsprofis 24 hat schon traditionell viele Schweizer Kunden bedient. Doch seit der Aufhebung der Eurountergrenze erlebt man dort einen Ansturm dieser Kundengruppe: «Im Januar gab es 60 bis 70 Prozent mehr Buchungen aus der Schweiz im Vergleich zum Vorjahresmonat», sagt Inhaber Dirk Herrmann auf Anfrage. «Wir sind völlig überrascht worden und kommen kaum nach mit dem Verarbeiten der Buchungen.» Momentan dauere das nicht einen bis zwei Tage, sondern bis zu sieben. Herrmann erwägt die Anstellung von zusätzlichem Personal, sollte es so weitergehen.

Leute müssen weggeschickt werden

Zwar hat Urlaubsprofis 24 wegen seiner Lage an der Konstanzer Einfallsachse weniger Laufkundschaft als die Reisebüros im Zentrum. Dennoch stehen so viele Leute vor Herrmanns Tür, dass er einige wieder wegschicken muss, weil er sie nicht vor Ladenschluss bedienen kann. Mit der Mehrheit der Kunden vereinbaren er und seine Angestellten deshalb Beratungstermine.

Wenn Schweizer nicht physisch im Reisebüro von Urlaubsprofis 24 buchen, tun sie dies per Hotline, die es auch mit Schweizer Telefonnummer und einer Schweizerdeutsch sprechenden Beraterin gibt. Ein kleinerer Teil der Kundschaft bucht zudem online. «Gebucht werden öfter komplexere und hochpreisige Reisen, die mehr Beratungsaufwand erfordern als Nur-Flug- und Pauschal-Arrangements», so Herrmann.

Auch andere grenznahe Reisebüros in Deutschland werden von Schweizern aufgesucht, wie die Schweizer Branchenzeitschrift «Travel Inside» berichtet. So etwa das Reisebüro Pomorin in Jestetten, das zudem an der Fespo in Zürich Ende Januar «markant mehr Buchungen» entgegennehmen konnte, wie Inhaber Manuel Pomorin zur Zeitschrift sagt.

Kundenbindung dank Mailings

Des einen Freud, des anderen Leid: Während sich deutsche Reisebüros in Schweiznähe die Hände reiben, kämpfen ihre Kollegen auf der anderen Seite der Grenze um ihre Kunden. Obwohl beim Reisebüro Travelshop in Basel seit der neuerlichen Frankenaufwertung keine Kunden abwandern, sei das Geschäft in Grenznähe «einen Tick intensiver und noch herausfordernder geworden», sagt Inhaber Christian Wagner auf Anfrage. Im Gegensatz zu 2011 habe die Reisebranche diesmal jedoch reagiert, indem viele Anbieter – auch das Reisebüro Travelshop – die Preise um 10 bis 15 Prozent gesenkt hätten. «Ein Stück weit ist das möglich, weil bestimmte Leistungen für den Kunden ohnehin aus dem Euroraum kommen», so Wagner. «Doch bei den Löhnen, die bei uns nun einmal höher sind als im Ausland, können wir nicht sparen.»

Wagner überlegt sich, wie im vergangenen Herbst seine Kunden direkt anzuschreiben, um sie wieder auf ihr Schweizer Reisebüro und dessen Beratungsqualität aufmerksam zu machen. «Damals zeigte es Wirkung, und die Buchungen nahmen zu.» Der Inhaber des Travelshop ist jedenfalls optimistisch: «Wir hatten schon so vieles – Sars, die Schweinegrippe, die Vulkanasche. Nun werden wir auch die neue Frankenstärke durchstehen.»

Lehren aus 2011 gezogen

Auch in anderen Grenzkantonen setzt der starke Franken den Reisebüros zu: René Bättig von RMR Reisen in Schaffhausen spricht in der Branchenzeitschrift «Travel Inside» von einer unerfreulichen Entwicklung. Hans Jörg Hagger vom Reisebüro Buchs im St. Galler Rheintal fügt hinzu: «Es braucht viele Erklärungen, um die Kunden hier zu halten.»

«In Grenznähe ist es generell schwieriger, die Kundschaft bei der Stange zu halten», sagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands (SRV). Nun habe die Branche aus dem Frankenschock von 2011 die Lehren gezogen: Damals seien die Preise nicht gesenkt worden und man habe zahlreiche Kunden an ausländische Reiseanbieter verloren. «Es war enorm schwierig, sie wieder zurückzugewinnen.» Kunz lobt die «gute Reaktion» vieler Reisebüros auf die aktuelle Frankenaufwertung, indem sie die Preise gesenkt hätten. Das gehe zwar zulasten der Marge, doch das Motto laute: «Lieber einige Monate kein Geld verdienen, als die Kunden zu verlieren.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt