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Thiam stürzt zu spät – oder gar nicht

Der Verwaltungsrat der CS entscheidet morgen über das Schicksal des Bankchefs. So oder so: Präsident Rohner hat ein grosses Problem.

MeinungJorgos Brouzos
Langes Sündenregister: Tidjane Thiam, CEO der Credit Suisse (l.), und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner. Foto: Urs Jaudas
Langes Sündenregister: Tidjane Thiam, CEO der Credit Suisse (l.), und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner. Foto: Urs Jaudas

Ein Routinetermin wird zum Schicksalstag für die Credit Suisse. Der Verwaltungsrat der zweitgrössten Schweizer Bank berät am Donnerstag das Jahresergebnis und wird dann auch darüber entscheiden, ob mit Tidjane Thiam noch der richtige Chef an der Spitze der Bank ist. Es dürfte kein einfaches Gespräch werden.

Das Sündenregister der Bank in den letzten Monaten ist lang. Iqbal Khan, der scheidende Chef der Vermögensverwaltung, wurde überwacht, dem ehemaligen Personalchef Peter Goerke nachgestellt und auch noch Greenpeace infiltriert. Darunter leidet nicht nur der Ruf des Instituts, es hat auch handfeste Konsequenzen für die Bank: Die Finanzmarktaufsicht untersucht die Vorgänge. Auch die Justiz ermittelt. An der Bilanzmedienkonferenz von nächster Woche und an der GV vom März droht daher der nächste öffentliche Spiessrutenlauf.

Nur wenige waren eingeweiht

Thiam selbst sieht das anders. Er betonte zuletzt stets, dass er nichts von den Überwachungsaufträgen wusste, und glaubt, die Probleme aus der Welt schaffen zu können. Die Bank kam bei ihrer internen Untersuchung zum Schluss, dass nur wenige Personen in die skandalösen Vorgänge eingeweiht waren. Als Sündenbock sieht sie Thiams einstige rechte Hand Pierre-Olivier Bouée.

Krise sieht anders aus: Ein lachender Thiam im Instagram-Post mit seiner Führungscrew. Foto: Instagram

Am Paradeplatz sind viele Stimmen zu hören, für die Thiam nicht mehr tragbar ist. Als oberster Chef trägt Thiam die Verantwortung für diese Entwicklung. Der so entstandene Imageschaden für die Bank ist zu gross. Niemand glaubt wirklich, dass er von den Überwachungsaufträgen nichts gewusst haben kann. Auch sei seine zentralistische Führungskultur zum Problem für die Bank geworden. Er vertraut auf wenige Eingeweihte, der Rest ist abgekoppelt und hat die Entscheide aus dem inneren Kreis nur abzunicken. Bereits wird hier über mögliche Nachfolger spekuliert.

«Ausserhalb des kleinen Zürich, ausserhalb des Paradeplatzes, verstehen wir diesen Krieg gegen den CEO nicht.»

David Herro von der Investmentgesellschaft Harris Associates

Doch es gibt noch eine andere Sicht. Diejenige der ausländischen Investoren. David Herro von Harris Associates, Vertreter des wichtigsten CS-Aktionärs, stärkte Thiam jüngst öffentlich den Rücken. «Ausserhalb des kleinen Zürich, ausserhalb des Paradeplatzes, verstehen wir diesen Krieg gegen den CEO nicht», so Herro gegenüber Bloomberg. Er sei mit der Leistung Thiams zufrieden und sehe keinen Grund, ihn abzusetzen. Thiam habe die Bank in den letzten Jahren erfolgreich saniert. Vielleicht habe die Kampagne gegen ihn ja mit Neid oder gar Vorurteilen gegenüber seiner Herkunft zu tun. Möglicherweise habe die Ablehnung einfach damit zu tun, dass Thiam nicht dem Bild des typischen Schweizer Bankers entspreche. Laut dem Online-Portal «The Market» soll Herro sogar Rohners Abwahl gefordert haben, falls er Thiam fallen lässt.

Rohner hat den richtigen Moment verpasst

Die wichtigen CS-Investoren Olayan aus Saudiarabien und der katarische Staatsfonds halten es dem Vernehmen nach meist so wie Harris. Damit dürften die wichtigsten Aktionäre der CS den Bankchef stützen. Sie äussern sich aber nicht öffentlich.

Offen bleibt ebenfalls, wie es der norwegische Staatsfonds und der US-Finanzkonzern Blackrock halten, die zwei anderen gewichtigen CS-Investoren. Beide haben jüngst angekündigt, dass sie bei ihren Firmen stärker auf ethische und ökologische Kriterien achten. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie wegen der Spionageaffäre bei der Bank einen Chefwechsel einfordern.

Würde Rohner Thiam jetzt stürzen, käme sein Entscheid zu spät.

Egal wie die Abstimmung am Donnerstag ausgeht: Der Schaden für die Bank ist angerichtet. Verwaltungsratspräsident Urs Rohner hat es verpasst, im richtigen Moment einzuschreiten. Die Skandale der vergangenen Monate sind die Folge einer ungesunden Firmenkultur. Sie lässt sich schwer ohne einen Chefwechsel ändern.

Doch würde Rohner Thiam jetzt stürzen, käme sein Entscheid zu spät. Im Oktober oder im Dezember, als die Überwachungsfälle öffentlich wurden, wäre seine Entlassung erklärbar gewesen. Doch sagte Rohner im Oktober dieser Zeitung, dass Thiam aus seiner Sicht noch lange Chef der CS bleiben solle. Nun hat er Thiam so lange gestützt, dass ein Umdenken jetzt nur schwer zu begründen wäre. Zudem dürfte er derzeit kaum eine längerfristige Nachfolgelösung präsentieren können. Damit bliebe einzig eine Übergangslösung an der Bankspitze. Eine Variante, die die CS länger lahmlegen könnte. Denn auch Rohner wird im nächsten Jahr abtreten. Dann endet seine Amtszeit.

Er dürfte daher versuchen, bis zum Ende seiner Amtsdauer durchzuhalten und seinem Nachfolger die Suche für einen neuen Bankchef zu überlassen. Doch droht viel Zeit zu vergehen, bis wieder Ruhe in die Bank einkehrt.

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