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Damit angeschlagene Personen im Job bleiben

Nicht nur die Invalidenversicherung ist bemüht, Personen mit gesundheitlichen Problemen im Arbeitsprozess zu behalten. Das gleiche Ansinnen hegt der Arbeitgeberverband, wohl aber aus anderen Gründen.

Seit 2012 konnten 75'000 Personen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung gezählt werden, welche dem Arbeitsmarkt erhalten blieben. (Symbolbild)
Seit 2012 konnten 75'000 Personen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung gezählt werden, welche dem Arbeitsmarkt erhalten blieben. (Symbolbild)
Keystone

Zwei grosse Potenziale hat Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann dazu eruiert, den herrschenden und vor allem drohenden Fachkräftemangel zu beheben: ältere Arbeitnehmer und Frauen.

Für Martin Kaiser vom Schweizerischen Arbeitgeberverband in Zürich existiert mindestens noch ein weiteres Reservoir, das es besser auszuschöpfen gilt: Behinderte. Oder präziser: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Verfassung gefährdet sind, den Arbeitsplatz zu verlieren und in die Abhängigkeit der Sozialwerke zu geraten, oder aber aufgrund einer Verbesserung ihrer gesundheitlichen Verfassung das Potenzial haben, wieder teilweise oder ganz im Arbeitsmarkt Tritt zu fassen.

Eingliederung vor Rente

«Ist dieses Potenzial nicht vernachlässigbar, Herr Kaiser?» Der Leiter des Ressorts Sozialpolitik und Sozialversicherungen verneint und unterstreicht seine Überzeugung mit Zahlen: Seit 2012 konnten 75'000 Personen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung gezählt werden, welche dem Arbeitsmarkt erhalten blieben. Allein im vergangenen Jahr waren es 20'119 Personen, wie die IV-Stellen-Konferenz erhoben hat. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Personen, die dank dem Case Management der Suva oder anderer Unfall- und Taggeldversicherer ihren Arbeitsplatz behalten konnten.

Diese 20'000 Personen kann man in Bezug stellen zur Anzahl Personen, die in einem Jahr in Rente gehen und deshalb dem Arbeitsmarkt abhandenkommen. 2014 waren es 50'000.

Bekanntlich ist insbesondere die Invalidenversicherung bemüht, Rentenbezüger in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Gleichzeitig investiert sie in die Früherkennung und schafft In­strumente, damit gefährdete Personen gar nicht in die IV abdriften oder wieder aus der Rente herausfinden. Ein solches ist zum Beispiel der Arbeitsversuch.

Doch während es der IV bei ihren Massnahmen ums Sparen geht, geht es dem Arbeitgeberverband um die Bekämpfung des Arbeitskräftemangels. Die Massnahmen sind ähnlich; nur das Ziel ist ein anderes.

Laut dem kürzlich abgetretenen langjährigen Präsidenten der IV-Stellen-Konferenz, Jean-Philipp Ruegger von der IV-Stelle Waadt, sind immer mehr Arbeitgeber bereit, den Betroffenen durch die Rückkehr in den Arbeitsprozess eine Perspektive zu bieten. Dazu beigetragen hat wohl auch der unter dem Patronat der Arbeitgeber stehende Verein Compasso, das Informationsportal für Arbeitgeber zu Fragen der beruflichen Integration von beeinträchtigten Personen. Compasso dient damit auch als Schnittstelle von Unternehmen, Betroffenen, IV, Suva, Vorsorgeeinrichtungen und Privatversicherungen. Martin Kaiser ist dessen Präsident.

Früherfassung statt IV

Das grosse Potenzial liegt laut dem Compasso-Präsidenten nicht in der Wiedereingliederung, sondern in der Prävention und der Früherfassung. Das zeigt auch die genannte Erhebung der IV-Stellen-Konferenz: Von den genannten 20?119 Personen blieben 10570 beim angestammten Arbeitsplatz, knapp 1800 konnten im gleichen Unternehmen umplatziert werden, und knapp 7000 Leute fanden einen Arbeitsplatz bei einem neuen Arbeitgeber.

Durchzogen sieht gemäss einer Medienmitteilung der IV-Stellen-Konferenz die Bilanz bei der Wiederein­gliederung von bisherigen Rentenbezügern aus. Nur gerade 774 Arbeitsvermittlungen konnten im vergangenen Jahr als Folge von Rentenrevisionen registriert werden.

Martin Kaiser ist nicht überrascht. Mit der Wiedereingliederung haben die verantwortlichen Stellen noch wenig Erfahrung. Dagegen seien die Instrumente für Früherkennung und Früherfassung mittlerweile vielerorts eingespielt.

Das Beispiel Post

Als positives Beispiel nennt Kaiser die Post. Trotz Abbau von Monopolen und erhöhtem wirtschaftlichem Druck engagiere sich der einstige Bundesbetrieb intensiv in der beruflichen Re­integration. Dank der Zusammenarbeit mit Institutionen des zweiten Arbeitsmarkts konnten in den letzten Jahren Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen in den allgemeinen Arbeitsprozess integriert werden.

Konzerne mit Tausenden von Mitarbeitern beschäftigen professionelle Mitarbeiter im Human Ressource Management, was man früher bescheiden Personalabteilung nannte. Sie ver­fügen über die Kapazität und das Know-how, Massnahmen für die Früherkennung von gesundheitlich angeschlagenen Menschen zu eruieren.

Die Kleinen im Visier

Doch rund 90 Prozent der Arbeitgeber in der Schweiz haben weniger als 15 Mitarbeiter. «Damit das Potenzial besser genutzt werden kann, ist es entscheidend, dass die KMU mitziehen können», meint Kaiser. Daher stelle Compasso insbesondere auch für kleinere Betriebe eine Reihe von praxisorientierten Instrumenten und gezielten Informationen zur Verfügung. «Das geht von Informationen über die konkrete Zusammenarbeit mit Ver­sicherungen und Checklisten zur Erkennung von psychischen Schwierigkeiten bis hin zu konkreten Praxisberichten, welche erfolgreiche Strategien aufzeigen», erklärt Martin Kaiser.

Viele Arbeitgeber seien interessiert, ihre Mitarbeitenden auch bei gesundheitlicher Be­einträchtigung zu behalten. Im Dschungel der Sozialversicherungen und der vielen Angebote von Case Management oder Job Coaching seien jedoch nicht wenige überfordert. «Eine gezielte Unterstützung ist für eine erfolgreiche berufliche Eingliederung entscheidend.»

Verbesserungsfähig ist laut Compasso-Präsident Martin Kaiser die Zusammenarbeit mit Ärzten. In den nächsten Monaten werde Compasso auch darauf vermehrt ein Auge werfen. «Der Bedarf ist auch bei der Ärzteschaft erkannt und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit vorhanden.» Gerade mit Blick auf die steigende Zahl an psychischen Erkrankungen spielten Hausärzte und Psychiater eine wichtige Rolle.

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