«Credit Suisse war praktisch von Beginn weg in der Defensive»

Interview

Scharfzüngig, präzis und extrem gut vorbereitet – so bewertet der in den USA lehrende Finanzprofessor Alfred Mettler den Auftritt von Senator Carl Levin. Und der Auftritt der Schweizer Banker?

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Angela Barandun@abarandun

Herr Mettler, was ist Ihr erster Eindruck von der Anhörung?
Senator Carl Levin war wie immer scharfzüngig, präzis und extrem gut vorbereitet. Nach dem Eröffnungsstatement war das Management der Credit Suisse praktisch von Beginn weg in der Defensive.

Hatten sie keinen guten Auftritt?
Doch. Ich finde, die CS-Vertreter haben sich den Umständen entsprechend gut geschlagen. Es war geschickt, dass sie zu viert gekommen sind – zwei Schweizer, zwei Amerikaner. Die Symbolik war wichtig. Ausserdem konnten sie sich den Ball so laufend zuspielen. Kein Einzelner kam zu sehr unter Druck – das allein ist schon eine Leistung. Man muss sich bewusst sein, wie extrem schwierig die Situation ist, in der sie sich befanden.

Dabei waren die Vorwürfe und die Äusserungen teils sehr heftig.
Das ist eine amerikanische Eigenheit: In solchen Situationen wird immer aus allen Rohren geschossen. Man wägt nicht ab, zeigt kein Verständnis. Und alles tönt total überzeugend – bis Sie dann die Gegenseite hören. Das amerikanische System funktioniert eben nur, wenn Sie beide Seiten hören.

Man vertritt also eine These – und blendet aus, was nicht ins Bild passt?
Es ist wie bei einer Gerichtsverhandlung. Der Ankläger unternimmt alles, um Sie zu überzeugen, dass der Angeklagte schuldig ist – und verschweigt die Fakten, die diesen entlasten würden. Der Verteidiger macht genau das Gegenteil. Wir Schweizer haben oft das Gefühl, jede Position müsste ausgewogen sein – und sind darum erstaunt. Aber bei einer solchen Anhörung entsteht die Ausgewogenheit erst dadurch, dass die Position der Senatoren auf die Argumente der Banker und diejenigen des Justizdepartements trifft.

Die Senatoren nahmen ja nicht nur die Schweiz und ihre Banker in die Mangel – sondern eben auch das eigene Justizdepartement.
Das ist zum Teil auch Parteigeplänkel. Der republikanische Senator Tom Coburn etwa kritisierte zwar, dass das Justizdepartement zu lasch war im Umgang mit den Schweizer Banken. Er sprach aber von einem Führungsproblem und spielte damit direkt auf den Mann. Justizminister Eric Holder ist den Republikanern schon länger ein Dorn im Auge.

Ist das alles? Oder geht es auch darum, Druck auf die laufenden Verhandlungen zwischen Banken und Justizdepartement aufzubauen?
Das halte ich für eher unwahrscheinlich. Was soll der Druck bewirken? Die USA brauchen die Kundendaten, um Steuergelder einzutreiben. Nur kann ihnen die Credit Suisse dabei nicht helfen: Das Bankgeheimnis hindert die Bank, Namen zu liefern. Gleichzeitig ist das Programm, das mit der Schweiz ausgehandelt worden ist, ein klarer Erfolg für die USA. Das dürfte dazu führen, dass die USA wohl am Ende doch die Namen fast aller Steuersünder erhalten werden.

Warum dann diese Anhörung?
Nebst der Unzufriedenheit mit den bisherigen Resultaten muss man bedenken, dass Carl Levin Ende Jahr zurücktritt. Er wollte das Thema wohl vor seinem Abgang einfach noch einmal aufs Tapet bringen – und Druck machen, damit die USA tatsächlich die Namen der Steuersünder erhalten.

Bedeutet das, dass noch weitere Schweizer Banker vor den Ausschuss zitiert werden?
Möglich wäre das schon, aber ich halte es für eher unwahrscheinlich. Ich sehe auch höchstens einen indirekten Zusammenhang zu den Verhandlungen, die das Justizministerium derzeit mit den 14 Banken führt, gegen die ermittelt wird.

Steht die Credit Suisse besser oder schlechter da als vor der Anhörung?
Garantiert nicht schlechter. Schliesslich kamen mit der Anhörung keine neuen Fakten ans Licht. Und vier Vertreter des Topmanagements der Bank haben klargemacht, dass sie künftig keine Steuerhinterziehung mehr akzeptieren.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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