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Angst um Chinas Wirtschaft

Einbrechende Ölpreise und stark fallende Aktienkurse zeugen von der Unsicherheit um das Coronavirus. Die Krise hat bereits jetzt Folgen für die Weltwirtschaft.

Markus Diem Meier
Beeindruckender Börseneinbruch: Ein Mann mit Schutzmaske vor der Börse in Shanghai. Foto: Reuters
Beeindruckender Börseneinbruch: Ein Mann mit Schutzmaske vor der Börse in Shanghai. Foto: Reuters

Die Börsen in China reagierten am Montagmorgen überaus heftig auf die Ausbreitung des Coronavirus im Land. Die Aktienbörsen den Landes verzeichneten Verluste zwischen 7,7 und 9 Prozent. Hauptgrund für diese Kursreaktion war der Umstand, dass die chinesischen Börsen seit dem 23. Januar am Montag in China zum ersten Mal wieder geöffnet waren. Geschlossen waren sie in der Zwischenzeit wegen des chinesischen Neujahrsfests – die Freitage wurden wegen der Verbreitung des Coronavirus verlängert.

Der Börseneinbruch ist umso beeindruckender, als die chinesischen Behörden eine ganze Reihe von Massnahmen ergriffen haben, um eine solche Entwicklung zu verhindern: Etwa mit der Ankündigung von massiven Geldeinschüssen durch die chinesische Notenbank, tieferen Zinsen und Massnahmen gegen die Spekulation auf sinkende Kurse.

Die Krankheit breitet sich weiter aus: Am Montag wurden bereits 17’390 Krankheitsfälle gemeldet, noch am Freitag waren es weniger als 10’000. 17’205 Krankheitsfälle meldete China, 11’177 allein aus der 11-Millionen-Metropole Wuhan. Verstorben sind bis zum Montag 361 Personen. Das betrifft ausserhalb von China bis zum Montag nur eine Person: einen Chinesen aus Wuhan, der in den Philippinen der Krankheit erlag.

Die SNB interveniert

Obwohl die Krankheit damit weiterhin fast ausschliesslich auf China beschränkt bleibt, hat sie bereits sichtbare Folgen für die ganze Weltwirtschaft. Für die Schweiz zeigen sie sich vor allem im Kurs des Frankens. Angesichts der mit der Krankheit verbundenen weltweiten Unsicherheit wird die Schweizer Währung wieder als sicherer Hafen für Geldanlagen gesucht. Wie schon in der vergangenen Woche notierte die Währung am Montag bei einem Kurs von deutlich unter 1.07 Franken pro Euro. So tief war der Eurokurs des Frankens zum letzten Mal vor rund drei Jahren. Ein billigerer Euro steht für eine Frankenaufwertung. Aufgewertet hat sich der Franken auch gegenüber dem Dollar.

Die am Montag von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) publizierten jüngsten Zahlen zu den Giroguthaben der Banken verweisen darauf, dass die SNB sich bereits mit Deviseninterventionen dem Aufwertungsdruck entgegenstemmt. Wenn die Nationalbank Devisen wie etwa Euro bei den Banken kauft, schreibt sie ihnen die dafür ausgegebenen Franken auf den Girokonten gut. Diese Guthaben der Banken auf SNB-Konten sind in den letzten drei Wochen um mehr als 4 Milliarden Franken angestiegen.

Für Einschätzungen zu den wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus wird immer wieder auf die Verbreitung des Sars-Virus in den Jahren 2002 und 2003 verwiesen, die damals auch von China ausging und letztlich zum grössten Teil auf dieses Land beschränkt blieb. Doch die wirtschaftliche Bedeutung Chinas ist seither enorm gewachsen. Laut Berechnungen von UBS-Ökonomen lag der Anteil von Chinas Wirtschaftsleistung an der Weltwirtschaft während der Sars-Epidemie bei 8,2 Prozent. Jetzt sind es knapp 20 Prozent. Ihr Anteil am Welthandel ist von damals 5 Prozent auf 13 Prozent gestiegen, jener an den Tourismusausgaben von 3 auf ebenfalls 20 Prozent, und der Anteil Chinas an der weltweiten Ölnachfrage hat sich von 6 Prozent auf 12 Prozent verdoppelt.

Geringeres Wachstum erwartet

Deshalb ist es wenig erstaunlich, dass die Sorgen um Chinas Wirtschaft die Ölpreise weltweit einbrechen liessen. Die Preise der führenden Sorten WTI und Brent sind seit einem Monat je um fast 20 Prozent gefallen. Das ist umso bemerkenswerter, als nach der Tötung des iranischen Generals Qassim Soleimani durch die USA noch stark steigende Ölpreise befürchtet wurden. Die Länder des Ölkartells Opec sind angesichts des Preiszerfalls bereits derart beunruhigt, dass sie rasch Förderbeschränkungen beschliessen wollen.

Gemäss einer Umfrage des «Wall Street Journal» rechnen Analysten damit, dass sich das Wirtschaftswachstum Chinas wegen der Krankheit im ersten Quartal 2020 von bisher erwarteten 5,9 Prozent (auf ein Jahr hochgerechnet) auf 4,9 Prozent verringern wird. Hält die Krise länger an, droht gemäss Analysten der US-Bank Goldman Sachs ein entsprechend geringeres Wachstum im ganzen Jahr. Schon jetzt ist Chinas Wachstum so gering wie seit 29 Jahren nicht mehr. Angesichts der Bedeutung von China für die Weltwirtschaft würde das weitere Schockwellen auch in anderen Regionen auslösen.

Zur Linderung der Lage kann China seine Staatsausgaben weiter erhöhen oder die staatlich kontrollierten Banken zu einer verstärkten Kreditvergabe anregen. Doch damit würde die Regierung das bereits grösste wirtschaftliche Problem des Landes weiter verschärfen: die gigantische Verschuldung innerhalb des Landes.

Geschwächt wurde die chinesische Wirtschaft und ihre zentrale Rolle im Räderwerk der globalen Wertschöpfungsketten bereits durch den Handelskrieg mit den USA. Trotz einem ersten Waffenstillstand zwischen den beiden Ländern sind die eingeführten Zölle in Kraft geblieben. Die Amerikaner haben bereits ausgeschlossen, sie wegen der Folgen des Coronavirus zu senken. Einen Hinweis auf die Sicht der US-Regierung lieferte Trumps Handelsminister Willbur Ross: In einem Interview mit Trumps Lieblingssender Fox News sah er für die USA Vorteile durch die Epidemie in China. Sie könne dazu führen, dass US-Firmen noch schneller Jobs zurück in die USA verlagern würden. Die Aussage zeugt von den Gräben in der Weltwirtschaft, auf die das Virus trifft.

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