Afrika, das neue Nähzimmer der Welt

Hintergrund

H&M will neu Kleider in Äthiopien produzieren. Auch andere Textilhändler haben afrikanische Länder jüngst neu entdeckt. Was steckt hinter dieser Entwicklung?

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Simon Knopf@SimonKnopf

Die schwedische Modekette H&M will einen Teil ihrer Textilien künftig in Afrika nähen lassen. Die Länder südlich der Sahara hätten ein «riesiges Potenzial», sagte H&M-Chef Karl-Johan Persson der Wirtschaftszeitung «Dagens Industri». In Äthiopien hatte der Konzern bereits letzten Sommer erste Testaufträge platziert. Mittlerweile hat H&M im ostafrikanischen Land «eine Produktion in kleinem Massstab» aufgebaut.

Laut dem Nachrichtenportal von Deutsche Welle will die schwedische Kette bis zu einer Million Kleidungsstücke pro Monat aus Äthiopien beziehen. Dem Land kommt die Ansiedlung von H&M mehr als gelegen. Die Wirtschaft des Staates wächst seit 2007 unaufhaltsam. Geht es nach der Regierung von Addis Abbeba, soll dies dank der Textilindustrie auch weiterhin so sein: in den kommenden zwei Jahren will Äthiopien Kleider im Wert von einer Milliarde US-Dollar exportieren.

Afrikanisches Textil-Revival?

Nebst H&M produziert bereits die britische Supermarktkette Tesco und der irische Kleiderdiscounter Primark in Äthiopien. Mehrere Faktoren machen das Land für den europäischen Markt zu einem attraktiven Produktionsstandort, so ein Branchenexperte gegenüber Deutsche Welle. Erstens lägen die Lohnkosten mittlerweile deutlich unter jenen in China. Zweitens sei das Land durch die Lage nahe am Meer gut angebunden. Die Lieferzeiten aus Äthiopien würden noch ein Drittel jener aus Fernost betragen. Drittens biete das Land die klimatischen Bedingungen, die künftig auch eine Baumwollproduktion möglich und somit teure Stoffimporte überflüssig machen könnten.

Die Textilproduktion hat in Äthiopien und zahlreichen anderen Ländern von Subsahara-Afrika eine lange Tradition. Vielerorts war der Wirtschaftszweig während der Kolonialzeit unterbunden worden. Seit einigen Jahren setzten aber manche Staaten grosse Hoffnungen darauf, dass die Branche als wirtschaftlicher und sozialer Motor dienen könnte.

Noch haben die Länder von Subsahara-Afrika gerade einmal ein Prozent der weltweiten Kleiderproduktion inne. Dennoch scheint die Branche in einigen Ländern bereits zu wachsen, was mitunter dem Agoa-Handelsabkommen (African Growth and Opportunities Act) mit den USA zu verdanken ist. Dieses ermöglicht afrikanischen Ländern und den USA einen vereinfachten Handel. Die Insel Mauritius etwa hat sich zum grössten Textilproduzenten der Region entwickelt. Das Land exportiert jährlich Kleidungsstücke im Wert von rund 800 Millionen US-Dollar. In Lesotho ist die Textilindustrie gemäss «Financial Times» zum grössten privaten Arbeitgeber geworden.

Äthiopien, das neue Bangladesh?

Gegenüber dem Branchenmagazin «Just Style» sagen Analysten Afrikas Textilindustrie denn auch langfristig ein Revival voraus. In China sei der Mindestlohn doppelt so hoch wie noch vor fünf Jahren. Man gehe deshalb davon aus, das Exportvolumen im Textilbereich werde in den kommenden Jahren um 50 Milliarden US-Dollar zurückgehen. Hier könnten die afrikanischen Produzenten also eine Lücke füllen.

Kritiker befürchten, dass etwa Äthiopien zum nächsten Bangladesh werden könnte: schlechte Arbeitsbedingungen, veraltete und gefährliche Produktionsstätten. Die «Financial Times» wiederum gibt zu bedenken, dass Lesotho seinen Textil-Boom primär ausländischen Investoren verdanke. Dies bedeute für das Land einen Balanceakt: Zwar wurden Arbeitsplätze geschaffen. Doch von den 38 Textilfabriken sind 21 Firmen aus Taiwan und zwei Firmen aus China. Zusätzlich wird Lesothos Markt von Billigprodukten aus China überschwemmt, was die einheimischen Ladenbesitzer in Bedrängnis bringt.

Neuer Markt für H&M

H&M überlegt sich derweil, nach weiteren möglichen Produzenten, etwa in Südafrika, Ausschau zu halten. Bisher liess das Unternehmen vor allem in Asien produzieren. Nach Angaben von Konzernchef Persson soll sich daran «auf kurze Sicht» auch nichts ändern. Langfristig könne es aber sehr wohl Verschiebungen bei den Produktionsländern geben. Dies hänge vor allem von der Entwicklung der Preise, der Qualität und der Produktionszeiten ab, sagte der H&M-Chef.

Auch für den Verkauf sieht Persson in Afrika «ein enormes Potenzial». 2015 will H&M seine ersten Filialen in Südafrika eröffnen. Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es bisher nur in Marokko und Ägypten H&M-Geschäfte.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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