Zmorge, Zmittag, Znacht gratis – und das steuerfrei?

Google, Facebook oder Twitter verpflegen ihre Mitarbeiter kostenlos. Nun interessieren sich plötzlich die US-Steuerbehörden dafür. Auch in Zürich war das ein Thema.

Nur gratis oder auch steuerpflichtig? Google ist bekannt für Gratiskantinen wie diese hier in Los Angeles.

Nur gratis oder auch steuerpflichtig? Google ist bekannt für Gratiskantinen wie diese hier in Los Angeles.

(Bild: Reuters Lucy Nicolson)

Angela Barandun@abarandun

Gratis essen zum Frühstück, über mittag und selbst am Abend – und dazwischen Kaffee, Kuchen und Knabberzeug. Zur Verfügung gestellt vom Arbeitgeber. So sieht der Alltag von Tausenden von Mitarbeitern von Technologiefirmen aus. Die Facebook-Angestellten am Konzernsitz in Menlo Park, Kalifornien, haben die Wahl zwischen zwei Cafés, einem Grillrestaurant, einer Pizzeria, einem Burrito- und einem Burger-Laden. Googles Menüpläne wiederum finden immer wieder Eingang in die Berichterstattung von Gourmetmagazinen – kredenzt werden Weidebeef mit Steinpilzkruste, Austern oder Entenleber, vorzugsweise aus biologischer Produktion.

Die Leistungen haben allerdings nicht nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen. Neuerdings interessiert sich auch die US-Steuerbehörde IRS für die Praxis. Sie hat sich die Besteuerung der «vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellten Mahlzeiten» auf ihre jährliche Prioritätenliste für das am 1. Juli angelaufene Fiskaljahr geschrieben. Ziel sei es, eine neue «Wegleitung» dazu zu veröffentlichen. Gegenüber dem «Wall Street Journal» wollte die Behörde sich zwar weder zum Inhalt noch zum Zeitplan äussern. Alles deutet aber darauf hin, dass sie es ernst meint: Laut der Zeitung hat die Steuerbehörde bereits in mehrere Fällen rückwirkend Abgaben für die Gratisessen eingefordert.

Was hat Google mit einer Ölplattform gemein?

Hintergrund ist ein Streit unter Juristen. Gemäss dem amerikanischen Steuerrecht gelten durch den Arbeitgeber vergünstigte oder kostenlos angebotene Mahlzeiten grundsätzlich als Lohnnebenleistung, die der Arbeitnehmer versteuern muss – ähnlich wie das Geschäftsauto, wenn er es privat nutzt. Ausgenommen ist die Verpflegung, wenn sie nicht als Teil der Entschädigung betrachtet werden kann, weil die Praxis vor allem dem Arbeitgeber dient.

Üblicherweise ist das etwa auf Ölplattformen, entlegenen Forschungsstationen oder Fischerbooten der Fall, wo die Arbeitnehmer den Arbeitsplatz nicht verlassen können. Auch ein Casino in Las Vegas setzte sich vor Gericht gegen die Steuerbehörden durch, weil es aufzeigen konnte, dass seine Angestellten aufgrund der strengen Sicherheitsvorkehrungen sich nicht innert nützlicher Frist auswärts verpflegen können.

Mehr Zusammenarbeit, sicherere Geschäftsgeheimnisse

Die Technologiefirmen stützen sich genau auf diese Klausel und argumentieren, dass es sich auch bei ihnen um eine geschäftliche Notwendigkeit handelt. Das Gratisessen fördere die Zusammenarbeit und führe dazu, dass die Mitarbeitenden mehr leisten. Ausserdem könne man so verhindern, dass die Leute von der Konkurrenz belauscht werden, wenn sie sich beim Essen über die Arbeit unterhalten, führen mehrere Steueranwälte ins Feld, die für die Internetfirmen tätig sind. Die Firmen selbst wollten sich dazu bislang nicht äussern.

Falls die Steuerbehörde ernst macht und die Gratisessen-Kultur der Technologiefirmen verbietet respektive einer Steuerpflicht unterwirft, müssten die Arbeitnehmenden künftig bis zu 30 Prozent des Werts einer solchen Mahlzeit dem Staat abliefern – theoretisch. Faktisch gehen Kenner davon aus, dass die Unternehmen ihre Angestellten mit höheren Löhnen für die zusätzlichen Abzüge kompensieren würden.

Schweiz: Erst Abzüge statt Zuschläge

Die Frage, wie mit solchen freiwilligen Leistungen des Arbeitgebers umzugehen ist, beschäftigt nicht nur die USA. In der Schweiz müssen sämtliche «Leistungen bzw. geldwerten Vorteile», die dem «Arbeitnehmer im Zusammenhang mit dem Arbeitsverhältnis zugeflossen sind», im Lohnausweis deklariert werden – so steht es in der seit 2010 gültigen Wegleitung. Beim Essen sieht das Schweizer Steuerrecht vor, dass ein Arbeitnehmer für die auswärtige Verpflegung bis zu 3200 Franken pro Jahr vom Einkommen abziehen kann. Kann er vergünstigt in der Kantine essen, beträgt der Abzug maximal 1600 Franken.

Ist das Essen gratis, fällt nicht nur der Abzug weg. Die kostenlose Verpflegung gilt als Naturalleistung, die dem Einkommen angerechnet werden muss. Der Richtwert für einen Erwachsenen mit Rundumverpflegung beim Arbeitgeber beträgt laut einem Merkblatt des Bundes 7200 Franken pro Jahr. Die Regeln wurden insbesondere für Angestellte im Gastgewerbe oder in der Landwirtschaft aufgestellt, die sich seit jeher am Arbeitsplatz verpflegen müssen.

Das Urteil der Schweizer Steuerbehörden

Im Fall von Google haben die Zürcher Steuerbehörden eine Einschätzung vorgenommen, die neben dem Gratisessen zahlreiche andere Lohnnebenleistungen beinhaltet – etwa das kostenlose Sportangebot oder die zur Verfügung gestellten Freizeitmöglichkeiten. Dieser Wert wird im Lohnausweis auf das eigentliche Einkommen draufgeschlagen und auf diesem Weg versteuert. Über die Höhe dieses Betrags wollte die Steuerverwaltung keine Auskunft geben. Allein aufgrund der Gratisverpflegung muss man aber wohl mindestens von einem hohen dreistelligen, eher aber von einem vierstelligen Betrag pro Monat ausgehen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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