«Wir raten von Wildfangcrevetten ab»

Corina Gyssler vom WWF Schweiz bringt Licht ins Dunkel: Was man nach dem Crevettenskandal noch essen darf und wieso Garnelen – ob Zucht oder Wildfang – grundsätzlich problematisch sind.

«Wir empfehlen grundsätzlich, bei Zucht nur Crevetten mit Biolabel zu kaufen»: Crevetten-Gericht.

«Wir empfehlen grundsätzlich, bei Zucht nur Crevetten mit Biolabel zu kaufen»: Crevetten-Gericht.

(Bild: Reuters Damir Sagoli)

Angela Barandun@abarandun

Ein neuer Bericht bringt Menschenhandel und Zwangsarbeit in der thailändischen Fischerei ans Licht. Als Konsument fragt man sich: Was darf man überhaupt noch essen?
Thailand ist bekannt für seine aggressiven Methoden in der Fischerei – nicht nur was den Umgang mit den Arbeitskräften betrifft, sondern auch mit der Natur. Die Gewässer vor Thailand sind bis an die Belastungsgrenze befischt, Schleppnetze verursachen jede Menge Beifang und zerstören den Lebensraum vieler Meerestiere. Darum raten wir aus ökologischen Gründen vom Kauf von Wildfangprodukten aus thailändischen Gewässern ab – ausser sie tragen das MSC-Label.

Allerdings ist nicht nur der Wildfang betroffen. Über den Beifang führt die Spur weiter zu den Fischzuchten. Sollte man also gar keine Meeresfrüchte mehr aus Thailand konsumieren?
Bei Fisch und Meeresfrüchten muss man je nach Art und Fangregion unterscheiden. Die konventionelle Crevettenzucht zum Beispiel ist immer problematisch – unabhängig davon, wo sie betrieben wird. Das hat mit dem unglaublichen Nahrungsmittelbedarf der Tiere zu tun. Für ein Kilo Crevetten müssen bis zu 4 Kilo Fischmehl verfüttert werden. Hinzu kommt, dass die Tiere oft auf zu engem Raum gehalten werden und Unmengen an Antibiotika und Medikamenten zum Einsatz kommen. Mit schrecklichen Auswirkungen etwa auf die Mangrovenwälder in Südostasien oder Lateinamerika. Darum empfehlen wir grundsätzlich, bei Zucht nur Crevetten mit Biolabel zu kaufen.

Wieso sind Biozuchten besser?
Bei Biozuchten dürfen nur Abfälle aus der Speisefischindustrie verwertet werden. Beifang zu verfüttern, ist verboten. Ausserdem dürfen Chemikalien und Antibiotika nur gezielt und in kleinen Mengen eingesetzt werden.

Sind asiatische Crevetten besser oder schlechter als lateinamerikanische oder solche aus kalten Gewässern?
In den tropischen Gewässern sind die Crevettenbestände generell überfischt. Darum raten wir hier von allen Wildfangprodukten ab, ausser sie sind MSC zertifiziert. Biozuchten aus Ecuador, Peru und Vietnam hingegen sind empfehlenswert. In kalten Gewässern ist das etwas anders. Es gibt zum Beispiel sogenannte Eismeergarnelen aus dem Nordostatlantik oder die Nordseegarnelen. Beide sind akzeptabel.

Im Ratgeber des WWF sind zum Beispiel Tigercrevetten aus Südostasien auf einer roten Liste. Der Zürcher Fischhändler Bianchi wirbt aber mit einer eigenen Produktion von Tiger Prawns in Vietnam, die nicht biozertifiziert ist. Die Tiere werden aber nicht zugefüttert, sondern ernähren sich vom nährstoffreichen Wasser, das bei Flut in die Mangrovenwälder gespült wird, und werden auch nicht mit Medikamenten behandelt. Ist das okay?
Das tönt vernünftig. Der Vorteil eines Labels ist, dass ein unabhängiger Dritter die Aussagen kontrolliert. Bianchi ist zusammen mit Migros, Coop und weiteren Fischhändlern in der WWF Seafood Group. Die Mitglieder haben sich verpflichtet, schrittweise auf eine nachhaltige Produktion umzustellen, und müssen Fische und Meeresfrüchte, die auf unserer roten Liste stehen, sofort aus ihrem Sortiment nehmen.

Bei Fertiggerichten mit Crevetten weiss man oft nicht, woher die Tiere stammen und unter welchen Bedingungen produziert wurde. Was raten Sie hier?
Ich würde grundsätzlich gar kein verarbeitetes Gericht kaufen. Fisch ist eine Delikatesse – und soll als solche wertgeschätzt werden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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