Wer braucht schon eine Smartwatch?

Analyse

Die ersten Handyuhren gab es schon vor über zehn Jahren. Funktioniert hat das bislang nicht. Firmen wie Samsung, Apple und Google wollen dies nun ändern. Doch das Killerargument fehlt nach wie vor.

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Angela Barandun@abarandun

Das Interesse scheint riesig – und die Perspektiven fantastisch. Der amerikanische Marktforscher ABI Research prophezeit, dass der Durchbruch der sogenannten Smartwatches, einem Mobilfunkgerät fürs Handgelenk, kurz bevorsteht. Dieses Jahr sollen 1,5 Millionen solcher Handyuhren verkauft werden. Nächstes Jahr rechnen die Marktforscher mit bis zu 8 Millionen und 2017 bereits mit 100 Millionen. Und die Käufer scheinen vorhanden: Gemäss einer Umfrage in Deutschland will jeder siebte «unbedingt» ein solches Gerät haben, das wären 11 Millionen.

Dabei ist das Konzept der intelligenten Uhr schon über dreissig Jahre alt. Japanische Uhrenhersteller wie Citizen oder Casio haben in den Siebzigerjahren Taschenrechner in ihre digitalen Uhren eingebaut. Ende der Achtziger versuchte es Casio sogar mit Sprachwörterbüchern und Blutdruckmessern. 2004 brachte Microsoft eine Uhr namens Spot auf den Markt, die den Wetterbericht, die Aktienkurse und die wichtigsten News anzeigte. Später arbeitete Microsoft zusammen mit Swatch an einem Projekt namens Paparazzi. Und der Uhrenhersteller Fossil bastelte zusammen mit Sony Ericsson an einem Modell.

Pebble sammelte innert Tagen 10 Millionen Dollar

Auch die moderne Version der Smartwatch gibt es schon länger. Im Westen ist vor allem ein Projekt namens Pebble bekannt. Es wurde im April 2012 über das Portal Kickstarter.com angekündigt, über das Jungunternehmer Geld sammeln. 100'000 Dollar hätten sie benötigt, innert weniger Tage hatten sie 10 Millionen zusammen. Mittlerweile wurden rund 300'000 Uhren verkauft. Allerdings scheint der Boom bereits wieder vorbei. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Produkte – aus Italien, Asien, den USA. Den Durchbruch hat keines geschafft.

Das soll nun eine neue Generation von Produkten ändern, die in den Startlöchern steht: Eben haben Samsung und Sony ihre neuen Produkte vorgestellt, ebenso der weniger bekannte Hersteller Qualcomm. Über die iWatch von Apple wird seit Wochen spekuliert, seit der Konzern die Marke hat eintragen lassen. Und selbst Google scheint an einer Handyuhr zu arbeiten: Der Internetkonzern hat kürzlich offiziell die Übernahme von Wimm bestätigt, einem Smartwatch-Spezialisten. Zuvor war über die Zusammenarbeit wochenlang spekuliert worden.

Noch in der Experimentierphase oder ein Nischenphänomen?

Ob das allerdings reicht, ist in der Branche umstritten. Die ersten Reaktionen auf die Samsung-Uhr namens Galaxy Gear waren verhalten. Kritiker argumentieren, dass die Smartwatches bislang nichts können, wozu nicht auch ein Handy in der Lage wäre. Sie machen das Leben weder einfacher, noch eröffnen sie grundsätzlich neue Möglichkeiten. Der einzige Grund, dafür mehrere Hundert Franken auszugeben, wäre wohl der, dass man das Handy nicht jedes Mal aus der Tasche nehmen muss. Ob das reicht?

Smartwatch-Fans hingegen sind überzeugt, dass die Kritiker einfach zu wenig Fantasie haben. Die aktuellen Geräte seien noch nicht ausgereift. Die Technik befinde sich in der Experimentierphase. Die sogenannte Killerapplikation müsse erst noch gefunden werden. Sie prophezeien der Handyuhr eine ähnliche Karriere wie dem Smartphone: Vor dem iPhone waren internetfähige Handys ein Nischenphänomen. Erst dank der richtigen Kombination aus Design und Benutzerfreundlichkeit setzten sie sich durch.

Trend zum Wearable Computing

Allerdings wirken selbst die Technologiefirmen nicht restlos überzeugt vom Potenzial der Smartwatch. Es scheint, als ginge es vor allem darum, nichts zu verpassen. Denn der Druck steigt, das nächste It-Produkt zu finden. Die Verkäufe von Smartphones und Tablets wachsen zwar nach wie vor, allerdings längst nicht mehr so schnell wie einst. Und die Verkäufe traditioneller PC sind seit Jahren rückläufig.

Zumindest in einem Punkt ist sich die Branche allerdings einig: Computer werden immer kleiner, damit immer tragbarer und darum künftig in immer mehr Dingen zu finden sein. Vom Trend des sogenannten Wearable Computing, der tragbaren Computer, sind Experten überzeugt. Nur: Ob das jetzt eine Brille sein wird wie Google Glass, ein Fitness-Armband wie das Fuelband von Nike und das Up von Jawbone oder aber eine Uhr wie die Samsung Galaxy Gear oder die Apple iWatch, das steht in den Sternen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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