Streik zu Weihnachten: Kommen die Amazon-Päckli rechtzeitig an?

Mitten im Weihnachtsgeschäft legen die Mitarbeitenden an drei deutschen Standorten die Arbeit nieder – inklusive jenem, der die Bestellungen aus der Schweiz abwickelt.

Erbost: Die Gewerkschaft Verdi und die Mitarbeitenden der Amazon-Logistikzentren fordern mehr Lohn.

Erbost: Die Gewerkschaft Verdi und die Mitarbeitenden der Amazon-Logistikzentren fordern mehr Lohn.

(Bild: Reuters)

Angela Barandun@abarandun

Bis jetzt waren es immer nur Bad Hersfeld und Leipzig. Dort wurde am 14. Mai das erste Mal gestreikt. Und seither immer wieder, zuletzt am 25. November. Heute, 8 Tage vor Heiligabend, wird erstmals ein dritter Standort bestreikt – in Graben. Und für morgen ist eine Protestaktion an einem vierten Standort geplant, in Werne. Und sogar vor der Firmenzentrale in Seattle soll eine Streikdelegation aus Deutschland aufmarschieren.

Die Gewerkschaft Verdi und die Mitarbeitenden der Amazon-Logistikzentren fordern mehr Lohn. Heute beträgt das Einstiegssalär bei Amazon Deutschland 9.55 Euro in der Stunde. Die Gewerkschaften verlangen etwa für den Standort Bad Hersfeld, an dem auch die Päckli für die Schweiz abgefertigt werden, mindestens 12.18 Euro. Amazon argumentiert, bereits heute mehr zu zahlen als die Konkurrenz bei Zalando (8.79 Euro) oder dem Versandhändler Otto (8.53 Euro). Die Gewerkschaft fordert, dass sich Amazon an den Tarifvertrag im Versandhandel hält. Amazon hingegen sieht sich selbst als Logistikunternehmen – und fühlt sich nicht an den Tarifvertrag gebunden.

Jeder Sechste arbeitete beim letzten Mal nicht

Der Streit schwelt seit Monaten, das auf Hochtouren laufende Weihnachtsgeschäft birgt aber neuen Sprengstoff. Zwar winkt Amazon auch dieses Mal ab: «Bei bisherigen Streiks, zu denen die Gewerkschaft Verdi aufgerufen hatte, hat die Mehrheit unserer Mitarbeiter regulär gearbeitet, um Kundenerwartungen zu erfüllen», sagt Sprecherin Anette Nachbar. Die Kunden – auch jene in der Schweiz – hätten von den Streiks nichts gespürt. Und dabei soll es auch bleiben.

Tatsächlich legten Ende November nur 1000 der 9000 Festangestellten an den beiden Standorten Bad Hersfeld und Leipzig die Arbeit nieder. Dieses Mal dürften es allerdings mehr werden. Am für die Schweiz wichtigen Standort Bad Hersfeld gibt es zwei Logistikzentren, dort erschien vor drei Wochen jeder sechste Mitarbeitende nicht. Heute morgen traten dort bislang 700 der 3500 Mitarbeitenden in den Ausstand. Um den Betrieb lahmzulegen, reicht das allerdings nicht. Zumal gerade in der Weihnachtszeit Tausende Temporäre bei Amazon arbeiten.

Amazon will notfalls auf Resteuropa ausweichen

Der Streik spaltet offenbar die Belegschaft. Davon berichten deutsche Zeitungen. Viele haben Angst davor, dass die Bestellungen der Kunden wegen der Streikdrohungen ausbleiben könnten – und plötzlich zu wenig Arbeit da ist. Das würde niemandem etwas bringen, sagt Christian Krähling, der die Mitarbeitenden in Bad Hersfeld vertritt, der «Süddeutschen Zeitung». Und auch die Gründe dafür, wieso sich viele nicht am Ausstand beteiligen wollen, sind für Krähling klar: «Für Wenigqualifizierte ist es eben schwierig, eine neue Stelle zu finden.»

Trotzdem hat Amazon Vorbereitungen getroffen, falls der Streik noch stärker um sich greift. «Wir arbeiten in den nächsten Tagen ganz besonders darauf hin, dass unsere Kunden gerade in der Weihnachtszeit den gewohnten Service und die beste Zuverlässigkeit ihrer Lieferungen bekommen», sagt Amazon-Sprecherin Nachbar. «Dafür nutzen wir unser gesamtes europäisches Logistiknetzwerk.» Der US-Gigant verfügt über 25 Logistikzentren in Europa, 9 davon befinden sich in Deutschland. Offenbar hat er genug Möglichkeiten, um dem Streik auszuweichen. Amazon verspricht: «Verzögerungen beim Versand der Ware sind nicht zu erwarten. Und die Weihnachts-Deadlines sind auch nicht in Gefahr.» Immerhin habe der Onlinehändler sogar im Winter 2011, als in den Wochen vor Weihnachten Eis und Schnee das Logistikgeschäft arg behindert hatten, alles rechtzeitig ausgeliefert.

Nur Digitec ist in der Schweiz grösser

Amazon liefert jedes Jahr Waren im Wert von 268 Millionen Franken in die Schweiz und ist damit der zweitwichtigste Onlinehändler. Grösser ist nur der zur Migros gehörende Elektronikhändler Digitec mit einem Umsatz von 510 Millionen Franken. Das geht aus den Zahlen des Beratungsunternehmens Carpathia für das Jahr 2012 hervor. Zalando schaffte es mit 160 Millionen Franken auf Platz 4.

Auch wenn es derzeit nicht nach einer Einigung bei Amazon aussieht, haben die Gewerkschaften dennoch viel erreicht: Dieses Jahr zahlt Amazon erstmals Weihnachtsgeld, wie das in Deutschland üblich ist. 400 bis 600 Euro erhalten die Mitarbeitenden. Ausserdem wurden diesen Sommer in allen Logistikzentren sogenannte Betriebsräte gegründet, die die Anliegen des Personals vertreten sollen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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