«Karriere und Kind geht nicht» – sagt die Vorzeigemanagerin

Laut Indra Nooyi, Chefin des Getränkegiganten Pepsico und Amerikas Vorzeigemanagerin, tun Frauen nur so, als könnten sie alles haben.

Zwei Töchter und 270'000 Mitarbeiter: Indra Nooyi. Foto: Urs Jaudas (AFP)

Zwei Töchter und 270'000 Mitarbeiter: Indra Nooyi. Foto: Urs Jaudas (AFP)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

«Ich bin mir nicht sicher, ob meine Töchter sagen würden, dass ich ihnen eine gute Mutter war.» Indra Nooyi blickte an einer Konferenz in Aspen, Colorado, auf ihre Karriere zurück – und zog eine strenge Bilanz. Die Chefin des amerikanischen Getränke- und Lebensmittelkonzerns Pepsico glaubt nicht, dass Frauen alles haben können; dass sich Karriere und Familie vereinbaren lassen. «Wir tun so, als könnten wir alles haben, aber es stimmt nicht.»

Ein klares Statement der 58-jährigen Managerin. Und eines, das sich auch als Antithese zu Sheryl Sandbergs Buch «Lean In» verstehen lässt. Sandberg ist Topmanagerin bei Facebook und hatte vergangenes Jahr die Frauen aufgefordert, den beruflichen Ehrgeiz nicht wegen einer Mutterschaft aufzugeben. Doch für Nooyi ist das Problem ein grundsätzliches: «Die biologische Uhr einer Frau und die Karriereuhr stehen in totalem Konflikt zueinander.»

Vier Stunden Schlaf pro Nacht

Offenherzig erzählte sie in dem halbstündigen Interview mit David Bradley, dem Herausgeber des Magazins «The Atlantic», wie das Dilemma der Vereinbarkeit ihren Alltag beherrschte. Nooyis beide Töchter sind heute erwachsen, doch als die jüngere in der Schule war, gingen die anderen Mütter jeden Mittwochmorgen auf Klassenbesuch. «Wie soll das gehen für eine berufstätige Mutter wie mich?», fragte sich Nooyi. Die meisten dieser Treffen habe sie verpasst, die Tochter machte ihr Vorwürfe. «Die ersten paar Male hat mich mein schlechtes Gewissen beinahe umgebracht», sagt Nooyi. Also behalf sie sich damit, dass sie von der Schule die Namen jener Mütter einforderte, die ebenfalls nicht zum Klassenbesuch erschienen. «Siehst du», sagte Nooyi zu ihrer Tochter, «wenigstens bin ich nicht die einzige schlechte Mutter.»

Indra Nooyi kann auf eine Bilderbuchkarriere zurückblicken: Sie wuchs in Südindien auf und zog mit 23 in die USA, wo sie an der renommierten Universität Yale die School of Management besuchte. Seit 20 Jahren ist sie bereits bei Pepsico, seit acht Jahren führt sie den Konzern als Chefin und Verwaltungsratspräsidentin. Ihr Unternehmen hat 270'000 Mitarbeiter und einen Umsatz von 60 Milliarden Dollar. Nooyi läuft angeblich manchmal barfuss durchs Büro und schläft meist nur vier Stunden pro Nacht. Auf der «Forbes»-Liste der mächtigsten Frauen liegt sie aktuell auf Platz 13.

Ihre Mutter gab sich davon meist unbeeindruckt. Als Nooyi eines Abends im Büro erfuhr, dass sie die neue Chefin von Pepsico wird, fuhr sie nach Hause, um ihrer Familie die guten Nachrichten zu erzählen – anstatt wie so oft bis um Mitternacht weiterzuarbeiten. Sie parkte in der Garage, ihre Mutter wartete schon oben an der Treppe. «Ich habe tolle Neuigkeiten», verkündete Nooyi. «Lass die Neuigkeiten kurz warten, kannst du bitte noch Milch kaufen gehen?», antwortete die Mutter. Nooyi wollte wissen, warum sie nicht ihren Ehemann oder die Haushaltshilfe darum gebeten hatte. Doch die Mutter bestand darauf. Zu Hause knallte Nooyi die Milch auf den Tisch: «Was für eine Mutter bist du?» Und die Mutter antwortete: «Du magst Chefin von Pepsico sein. Aber wenn du dieses Haus betrittst, bist du eine Ehefrau, eine Tochter, eine Schwiegertochter, eine Mutter. Diesen Platz kann niemand sonst ausfüllen. Also lass deine verdammte Krone in der Garage.»

Die Last der Mädchen

Der perfektionistische Anspruch der Mutter scheint in mehreren Erzählungen Nooyis durch. Eine problematische Haltung, findet Christina Virzí. Sie beschäftigt sich seit 10 Jahren mit dem Thema Frauen und Karriere und ist Managing-Partner der Headhunter-Firma The Female Factor. «Die Erziehung von Mädchen ist entscheidend», sagt Virzí. «Bringt man Mädchen bei, sie müssten sowohl in der Berufswelt als auch als Mutter extrem erfolgreich sein, gibt man ihnen eine grosse Last mit.»

Was Nooyi sage, habe Bestand. «Natürlich ist es belastend, die verschiedenen Rollen zu vereinbaren. Aber es geht eben doch», sagt Virzí, die selbst Mutter einer fünfjährigen Tochter ist. Entscheidend sei, dass man sich vom Anspruch löse, alles perfekt machen zu müssen. «Dieser psychologische Schalter muss umgelegt werden.» Denn in der Gesellschaft habe sich schon einiges getan: «Die Work-Life-Balance gehört heute für immer mehr Menschen zur Vorstellung einer gelungenen Karriere dazu.»

Trotzdem hält Virzí es für falsch, wenn Frauen mit Karriereambitionen Teilzeit arbeiten. «Die Führungspositionen gelten an den meisten Orten als 100- Prozent-Jobs, und es dauert wohl noch gute zehn Jahre, bevor sich daran etwas ändert, wenn überhaupt.»

Eine «nahtlose» Elternschaft

Indra Nooyi sagt, sie habe ihre Mutterschaft als 100-Prozent-Stelle und ihren Job bei Pepsico als 300-Prozent-Stelle erlebt. «Man muss das Umfeld im Büro und die Familie einbinden, sonst hat man keine Chance», sagte sie. Wenn ihre kleine Tochter in der Firma anrief und fragte, ob sie mit dem Nintendo spielen dürfe, war Nooyis Sekretärin deshalb bereits instruiert und fragte: «Hast du die Hausaufgaben gemacht? Hast du dein Zimmer aufgeräumt?» Nooyi nennt das «nahtlose Elternschaft». Und sagt, ihr Ehemann, der als Unternehmensberater arbeitet, habe wohl am meisten unter der Doppelbelastung gelitten.

Auch Virzí betont: «Männer stecken eigentlich im selben Dilemma wie Frauen.» Gesellschaftlich sei es einfach akzeptierter, dass Frauen über diesen Konflikt sprechen. «Aber wer sagt eigentlich, dass Männer alles haben?»

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