Ich will kein rosa Cocktailkleid!

Die Kleidervorschläge in Mail und Facebook sind lästig. Lassen sie sich vermeiden? Ein Selbstversuch.

Bye, bye Google: Es gibt auch Suchmaschinen, die Anfragen nicht speichern. Foto: Dominique Meienberg

Bye, bye Google: Es gibt auch Suchmaschinen, die Anfragen nicht speichern. Foto: Dominique Meienberg

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Ich möchte das Internet benutzen, ohne dass jemand mitkriegt, was ich anklicke. Ich bin nicht paranoid, habe keine abartigen Interessen. Ich glaube nicht, dass sich Kriminelle oder Geheimdienste besonders für mich interessieren. Aber ich brauche keine Kleidervorschläge auf Facebook. Und würde ich wirklich ein pinkfarbenes Cocktailkleid von Zalando wollen, hätte ich es auch gefunden. Dasselbe bei Amazon: Seitdem ich einmal ein Kinderbuch angeklickt habe, werde ich von «Apfelmäuschen» und «Paulinchen» verfolgt. Es stört mich, dass Unternehmen Daten über mein Verhalten sammeln und miteinander verknüpfen, um hinter meinem Rücken ein Profil von mir zu erstellen. Und dass sie diese Daten ohne meine Zustimmung teilweise auch noch an Dritte weitergeben.

Als Erstes deaktiviere ich darum in meinen Browser-Einstellungen die Cookies. Ein Cookie ist eine kleine Text­datei, die beim Besuch einer Website auf meinem Computer abgespeichert wird. Jedes Mal, wenn ich die Website aufrufe, erkennt diese meine Coo­kie-Nummer und erinnert sich, welche Sprache ich spreche oder welche Bücher ich das letzte Mal angeschaut habe. Cookies lassen sich deaktivieren, die Einstellungen dazu sind manchmal etwas versteckt, aber wer sich informiert, findet sie. Doch sobald ich mit blockierten Cookies weitersurfe, stosse ich auf ein Problem: Ich kann mich bei Onlineshops nicht mehr anmelden.

Hannes Lubich, Informatikprofessor an der Fachhochschule Nordwestschweiz, empfiehlt deshalb: Cookies nicht blockieren, sondern löschen, bevor man den Browser schliesst. Ich habe dadurch zwar einen Mehraufwand, aber die Seiten funktionieren wieder.

Abschied von Google

Als nächstes installiere ich einen Tracking-Blocker in meinem Browser. Tracking-Cookies werden von Firmen eingesetzt, um auf den von mir besuchten Websites Daten über mein Verhalten zu sammeln oder an Dritte weiterzugeben. Es gibt mehrere kostenlose Blocker, ich entscheide mich für Ghostery. Schon erscheint ein kleines Gespenst in meinem Browser-Fenster. So ausgerüstet, statte ich als Erstes der Website von «Spiegel online» einen Besuch ab. Ghostery blockiert sogleich vier versteckte Dienste, die im Hintergrund Daten übermittelten. Drei von ihnen interessieren sich aus Gründen der «Analytik» für mein Verhalten, der vierte gibt «Werbung» als Verwendungszweck an.

Einer der häufigsten Tracking-Dienste ist Google Analytics. Der Vorteil dabei für den Website-Betreiber: Er sieht via Statistik, was die Nutzer anklicken. Der Vorteil für die Firma Google: Sie kann nicht nur auf ihren eigenen, sondern auch auf Tausenden anderen Seiten Daten sammeln. Ich surfe weiter und staune: Auf beinahe jeder Website sind solche Tracking-Dienste installiert. Teilweise sind es sogar bis zu 40 verschiedene. Es gibt aber auch Seiten ohne diese «Spione» – Facebook und Google zum Beispiel.

«Logisch», sagt Hannes Lubich, «diese Firmen möchten unsere Daten ja nicht an Dritte weiterverkaufen, sondern selbst behalten und auswerten.»

Ich beschliesse, Google komplett zu meiden, und suche nach einer alternativen Suchmaschine – paradoxerweise nutze ich dazu ein letztes Mal Google. Ich finde die Firma DuckDuckGo: «Die Suchmaschine, die Sie nicht verfolgt.» Im Unterschied zu Google oder Bing, der Suchmaschine von Microsoft, verspricht DuckDuckGo, weder meine IP-Adresse noch meine Abfragen zu speichern. Die IP-Adresse ist jene Adresse, die meinen Computer – ähnlich einer Postadresse – identifiziert und den Datenaustausch ermöglicht. Auf DuckDuckGo kann ich auch nach Bildern und Videos suchen, allerdings nicht nach News. Dafür kann ich mich darauf verlassen, dass die Suchmaschine mich vorurteilsfrei behandelt und mir keine personalisierten Suchresultate anzeigt – wie Google dies tut.

Von der NSA als «Extremist» kategorisiert

Ich fühle mich gut ausgerüstet, bis ich lese, dass dateninteressierte Firmen bereits mit Mechanismen experimentieren, die ohne Cookies auskommen. Beim «Browser Fingerprinting» erstellt die Website, die ich besuche, ein detailliertes Protokoll der Systemeinstellungen meines Browsers: Welches Betriebssystem ich verwende, welche Bild­schirm­­auflösung – und welche Tracking-­Blocker. Daraus ergibt sich ein digitaler Fingerabdruck, der mich wiedererkennbar macht. IT-Experten raten deshalb, den Browser immer wieder zu wechseln.

Der Resignation nahe, erwäge ich, meine Identität einfach zu verschleiern. Eine Möglichkeit: das Surfen über das Netzwerk Tor (The Onion Router). Dabei werden die übertragenen Daten mehrfach verschlüsselt und über ständig wechselnde Zwischenstationen geleitet. Wer über das Tor-Netzwerk surft, ist langsamer unterwegs. Und wer selbst ­einen Tor-Server betreibt, macht sich verdächtig. So geschehen dem Erlanger Studenten Sebastian Hahn. Recherchen deutscher TV-Sender zeigten, dass er vom amerikanischen Geheimdienst NSA als «Extremist» kategorisiert und gezielt ausgespäht wurde. Doch nicht nur Hahn, auch alle Nutzer seines Tor-Servers wurden laut den Berichten von der NSA speziell markiert, und ihre Verbindungen wurden gespeichert – die NSA verdächtigt nicht nur Tor-Betreiber, sondern auch Hunderttausende Benutzer.

«Geschichte wiederholt sich»

«Weil die Mehrheit der Nutzer nichts verbirgt, fallen jene, die es tun, negativ auf», sagt Bruno Baeriswyl, der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich. Und Hannes Lubich weist darauf hin, dass sich die Geschichte wiederholt: Bevor in den 1830er-Jahren das Briefcouvert aufkam, habe man Briefe nur gefaltet. «Wer plötzlich einen verschlossenen Umschlag verwendete, zog den Verdacht der Geheimdienste auf sich; dasselbe geschieht heute im Internet.»

Angesichts der NSA-Methoden verzichte ich darauf, meine Identität durch Tor-Server zu verschleiern. Gebracht hat mir das vermutlich nichts. Denn für die NSA sind wohl nicht nur Tor-Benutzer potenzielle Extremisten. Sondern auch jene, die sich im Internet über Verschlüsselungstechniken informiert haben – so wie ich.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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