Held für die Mitarbeiter und Heiliger für das Volk

Interlaken

Ein Höhepunkt zum Ende des Wirtschaftsforums in Interlaken: Der 77-jährige Ratan Tata aus Indien, einer der einflussreichsten Unternehmer der Welt, hat in Interlaken Begeisterungsstürme ausgelöst.

«Dies ist ein bewegender Nachmittag für mich. Ich danke euch.» Am Wirtschaftsforum in Interlaken wird der indische Unternehmer Ratan Tata für sein Lebenswerk geehrt.

«Dies ist ein bewegender Nachmittag für mich. Ich danke euch.» Am Wirtschaftsforum in Interlaken wird der indische Unternehmer Ratan Tata für sein Lebenswerk geehrt.

(Bild: Markus Grunder)

Tobias Habegger@TobiasHabegger

Am Ende des Wirtschaftsforums (SEF) am späten Freitagnachmittag geht es im Auditorium in Interlaken ein bisschen zu und her wie nach einem Konzert oder nach einem Musical. Die 1350 Teilnehmer sind begeistert, denn der Gesprächsgast hat ihr Herz berührt. Der Applaus dauert eine Ewigkeit – nach und nach steht ein Besucher nach dem anderen vom Sitz auf. Auf der Bühne im Saal: Ratan Naval Tata, 77 Jahre alt, ein Inder aus Bombay und gemäss einer Wahl des «Fortune»- Magazins im Jahr 2007 einer der 25 einflussreichsten Unternehmer der Welt.

Der mächtige Mann auf der SEF-Bühne ist sichtlich gerührt, als er von Alt-Bundesrat Adolf Ogi zwei Bergkristalle und eine Auszeichnung für sein Lebenswerk entgegennimmt. Ratan Tata ist nachdenklich: «Wer einen Award für das Lebenswerk erhält, der weiss: Das Ende naht.» Ratan Tata ist dankbar: «Dies ist ein bewegender Nachmittag für mich. Ich danke euch.» Ratan Tata tankt Energie: «Superman hat in einem Film einen Kristall erhalten, der ihm Kraft gab. Auch mir wird der Stein Kraft geben.»

Ein indisches Märchen

Kraft. Und Power. Das benötigte auch sein Urgrossvater Jamset Nusserwan Tata, als er im Jahre 1868 eine heruntergekommene Ölmühle am Stadtrand von Bombay kaufte und diese in eine Baumwollspinnerei umwandeln liess. Es war der Beginn eines indischen Wirtschaftsmärchens. Die Nachkommen des Firmengründers haben in den darauf folgenden 145 Jahren aus der Baumwollfabrik ein weltumspannendes Imperium gemacht. Die Tatas haben das erste Wasserkraftwerk des Landes gebaut, das erste Stahlwerk ebenso und die erste naturwissenschaftliche Universität. Heute bauen die Firmen der Tata-Gruppe Lastwagen und Autos, sie pflanzen Tee an, verkaufen Strom, produzieren Saatgut, Uhren und Klimaanlagen. Und sie machen Software – unter anderem für die Postfinance.

In Indien kennt jedes Kind den Namen Tata. Denn die Menschen kommen nicht ohne deren Produkte aus. Und seit Ratan Naval Tata die Führung des Konzerns im Jahr 1991 übernommen hat, wurde daraus ein Weltkonzern. In den zwanzig Jahren unter seiner Regentschaft haben sich die Einnahmen um den Faktor achtzehn vergrössert. Zur Tata-Gruppe gehören heute 100 Firmen in 150 Ländern, die jährlich 103 Milliarden US-Dollar umsetzen. Eigentlich war Ratan Tata im Jahr 1991 nur deshalb aus Amerika, wo er Architektur und Bauingenieurwesen studiert hatte, nach Indien zurückgekehrt, weil seine Grossmutter krank war. Doch dann trat sein Onkel als Firmenchef ab und übergab ihm das Familienkonglomerat. «Die Firmengruppe hatte grosse Fähigkeiten», erzählt Ratan Tata am SEF. «Nur in die Zukunft blicken und Risiken übernehmen, das konnte sie nicht.» Erst unter seiner Ägide sei dies gelungen.

Die Helden dieser Story

Im Vorfeld des Gesprächs in Interlaken hatte SEF-Moderatorin Susanne Wille von einem Inder erfahren, dass Ratan Tata für die Menschen in der Heimat beinahe ein Heiliger ist. «Wie leben Sie mit dieser Aura?», wollte sie nun wissen. Mit seiner Antwort bewies Ratan Tata, weshalb er den Ruf eines bescheidenen Gentleman mit geschliffenen Umgangsformen und einer Obsession für Werte und Traditionen besitzt: «Ich hatte grosses Glück. Die Helden dieser Story sind die Mitarbeiter.»

Doch für seine Arbeiter ist auch der Chef ein Held: Im Jahr 2008 kamen bei Terroranschlägen auf das 105 Jahre alte Luxushotel Taj Mahal der Tata Group im Mumbay 37 Angestellte ums Leben. Die Löhne dieser Angestellten werden auf Anweisung von Ratan Tata weiterhin an deren Familien und Verwandte bezahlt. Und zwar so lange, bis die getöteten Mitarbeiter pensioniert worden wären. «Dank dem Geld können ihre Kinder weiterhin zur Schule gehen», erzählte Ratan Tata. «Es macht mich glücklich, so etwas zu tun.»

Weniger glücklich war er, als er die Führung der Tata-Gruppe nach seinem 75.Geburtstag abgab. «Es hat sich angefühlt, als hätte ich meine Familie verlassen», sagte er. Trotzdem habe er die Fäden zur Firma konsequent losgelassen. «Ich wollte verhindern, dass der Nachfolger ständig meinen Geist hinter seinem Nacken spürt.»

Berner Zeitung

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