Drei Szenarien, wie es im Handelskrieg weitergeht

Eine schnelle Einigung zwischen den USA und China ist höchst fraglich. Unter welchen Bedingungen sich der Konflikt dennoch entschärfen könnte.

Werden sie sich bald wieder annähern? Chinas Staatspräsident Xi Jinping (hinten) und US-Präsident Donald Trump. Foto: Reuters

Werden sie sich bald wieder annähern? Chinas Staatspräsident Xi Jinping (hinten) und US-Präsident Donald Trump. Foto: Reuters

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Der Handelskonflikt zwischen den USA und China ist in vollem Gang. Weltweit fragen sich Unternehmen: Wie lange hält er noch an? Nun wird umgesetzt, was bisher nur angedroht wurde. Es fängt an, wehzutun. Unternehmen überdenken fieberhaft ihre Lieferketten und diskutieren Strategien zur Risikobegrenzung. Sie spüren den Druck der USA wie auch Chinas. Manche Komponenten und Endprodukte überqueren gar zwei Mal die Grenze – und werden so doppelt besteuert. Wären die Zölle in einigen Wochen vorbei, könnte man sie wahrscheinlich aussitzen. Dauerten sie einige Monate, müsste man schmerzhafte Entscheidungen treffen. Hält der Handelskonflikt aber Jahre an, müssen so gut wie alle ihre Lieferketten neu aufstellen.

Die Kombination einer unberechenbaren US-Regierung und einer undurchsichtigen chinesischen Führung macht Vorhersagen schwierig, wie der Konflikt endet. Aber in diesem Spiel wurden ausreichend Karten auf den Tisch gelegt, dass nur noch wenige Szenarien denkbar sind. Drei davon sind die wahrscheinlichsten.

Szenario 1: Peking kapituliert

Die USA ziehen die Schrauben an, widersetzen sich dem politischen Druck zu Hause und fügen China über längere Zeit schweren Schaden zu. Schliesslich kapituliert Peking, da sich der Kampf als zu teuer herausstellt.

Anders als von vielen anfangs erwartet, ist ein amerikanischer Sieg überraschend plausibel geworden. Der Grund sind die wirtschaftlichen Trends, die die Entscheidungsträger in beiden Hauptstädten beschäftigen. In den USA ist die Wirtschaft stark, die Arbeitslosenrate niedrig, die Börse vom Handelskonflikt unbeeindruckt. Das Landesinnere, das einen Grossteil der chinesischen Vergeltung schlucken muss, scheint bereit, kurzfristig grosse Opfer zu bringen, um die jetzige Strategie zu stützen. China ist bisher kein grosses Thema im Wahlvolk. Die Gleichgültigkeit könnte anhalten, wenn Zölle die Inflation nicht stark anheizen und die Konsumenten höhere Preise nicht auf die Handelspolitik zurückführen.

Neue Zugeständnisse werden möglich

Gleichzeitig schwächt sich Chinas Wirtschaft weiter ab. Ein Schuldenberg muss abgetragen werden, ausländisches Kapital ist schwer anzulocken, und die Zölle belasten die Börse und die Währung. Peking ist politischem Druck zwar weniger ausgesetzt als Washington, aber auch dort ist man empfindlich für die Stimmung der Bürger. Wahrscheinlich wird der Schmerz des Handelskriegs in China stärker zu spüren sein. Daher könnte die Kampfeslust Pekings schliesslich vergehen.

Bilder: China wappnet sich für einen Handelskrieg

In diesem Szenario wird China akzeptieren, dass man die Verhandlungen ganz neu angehen muss, um die US-Seite zu besänftigen. Bisher nicht angebotene Zugeständnisse sind möglich. Dazu gehören besonders Chinas Modell der staatskapitalistischen Entwicklung und Steuerung der Wirtschaft sowie die einseitigen Restriktionen für Marktzugang und Investitionen. Auch werden bis anhin unvorstellbare Mechanismen möglich, um das amerikanische Handelsdefizit anzugehen.

All dies wirkt unwahrscheinlich. Aber nichts hält die USA momentan davon ab, die Zölle auf lange Sicht beizubehalten – und so schliesslich Peking einknicken zu lassen. In diesem Szenario würden sich die Beziehungen der Länder völlig ändern. Unternehmen des Privatsektors in beiden Ländern hätten am Ende viel zu feiern.

Szenario 2: Die Zölle bleiben

In diesem Szenario wird China niemals klein beigeben. Das ist ein Glücksfall für die Gruppe, die die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den USA und China radikal und permanent kappen will. Die Zollschranken werden zum langfristigen Phänomen.

Eine siegreiche Verhandlungslösung, in der China lange geforderte Reformen zusagt, würde die politische Mitte der USA feiern. Doch andere Spieler ziehen es wohl vor, gar keine Lösung zu erreichen. Diese Gruppe will insbesondere amerikanische Unternehmen durch anhaltenden Druck dazu bringen, kein Kapital mehr nach China zu senden, die Geschäfte dort abzubauen und Investitionen und Jobs zurück in die USA zu bringen. Diese Idee ist zwar nur schwer umzusetzen, doch die Zölle möglichst lange in Kraft zu lassen, ist wohl das effektivste Mittel, sodass US-Unternehmen sich für ihre Lieferketten nicht mehr auf China abstützen.

Schwer verdaulich für multinationale Konzerne

Derzeit bleibt dieses Szenario sehr wohl im Spiel, obwohl es für US-Unternehmensverbände, die meisten Manager multinationaler Konzerne und Wallstreet nur schwer verdaulich ist. Doch die Gruppe, die sich gegen die Zölle wendet – Verfechter eines freien Marktes, traditionelle Kapitalisten und Wirtschaftsglobalisten – hat im jetzigen populistischen Klima kaum Aufwind.

Bilder: US-Strafzölle sorgen weltweit für Kritik

Auch dieses Szenario würde die US-China-Beziehung fundamental verändern. Es wäre aber zum Nachteil der meisten amerikanischen und chinesischen Unternehmen.

Szenario 3: Die USA mässigen sich

Eine Abkühlung der US-Wirtschaft, möglicherweise angeführt von einer Korrektur an den Finanzmärkten angesichts schlechter Nachrichten vom Handelskrieg, mildert die amerikanische Position. Eine massvolle Verhandlungslösung ist wieder möglich.

Die ersten beiden Szenarien gehen davon aus, dass China unter wirtschaftlichem Handlungszwang steht. Ändert sich am jetzigen Zustand nichts, werden die USA nicht zurückkrebsen oder ihre Richtung anpassen. Anfang 2019 werden dann wohl alle chinesischen Exporte in die USA von neuen Zöllen betroffen sein. Das letzte Szenario ist das einzige, in der die US-Seite kapituliert.

Die Aufhebung zumindest einiger Zölle

Doch hierbei dürfen drei Faktoren nicht vergessen werden. Erstens erwarten die meisten Ökonomen nicht, dass sich die US-Wirtschaft in den nächsten achtzehn Monaten abschwächt. Zweitens zeigt der Grossteil der wirtschaftlichen Analysen keinen grossen Schaden an der US-Konjunktur durch Vergeltungsmassnahmen – egal, wie stark China zurückschlägt. Drittens würden selbst Konjunkturprobleme Washington wohl kaum dazu bringen, die Zölle ganz aufzuheben.

Ein Neuanfang mit Gesprächen in Kompromissbereitschaft ist aber – als Folge schlechter Wirtschaftsdaten und festgefahrener Verhandlungen – denkbar. Die USA würden weniger radikale Vorbedingungen akzeptieren. Das Ergebnis wären eine massvollere Einigung und die Aufhebung zumindest einiger Zölle. Ein Zeitrahmen für solch ein Resultat lässt sich nicht voraussagen, denn dafür wäre eine unerwartete Kehrtwende der US-Wirtschaft notwendig, oder die Zölle müssten auf die amerikanische Inflation und die Exporte schmerzvoller wirken, als es aussieht. Angesichts der starken US-Binnenwirtschaft ist das Szenario kurzfristig unwahrscheinlich.

Anders als in den ersten beiden Szenarien werden die Beziehungen China-USA sich nicht völlig wandeln, doch infolge der Verhandlungen könnte sich China reformieren und öffnen, was Unternehmen zugutekäme. Die globalen Wertschöpfungsketten könnten bestehen bleiben, auch wenn inzwischen die Lieferketten und die Profite der Unternehmen Schaden genommen haben.

Keine kurzfristige Lösung

Es lässt sich unmöglich sagen, welches Szenario am wahrscheinlichsten ist, doch keines erlaubt eine kurzfristige Lösung. US-Unternehmen sind unter Druck, folgenschwere Investitionsentscheidungen zu treffen: ob sie Lieferketten aus China verlagern wollen, ob und wie sie neue Kapazitäten anderswo aufbauen, ob sie sich auf eine Zukunft vorbereiten, in der sie den amerikanischen wie den chinesischen Markt durch Hintertüren beliefern müssen, um Zölle zu umgehen. Europäische und asiatische Konzerne, die in China und den USA stark aktiv sind, stehen vor den gleichen Entscheidungen. Für die Unternehmensplanung gibt es für die nächsten Monate keine Sicherheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass alles bald vorbei ist und man schmerzhafte Entscheidungen vermeiden kann, liegt wohl bei null.

Ethan Cramer-Flood ist Associate Director des China Center von The Conference Board.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 04.10.2018, 17:18 Uhr

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