«Die Schweiz ist keine Insel der Glückseligen»

Der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger spricht am Swiss Economic Forum über eine bargeldlose Welt, die Aufhebung des Mindestkurses in der Schweiz und die Rezepte für Griechenland.

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Stefan Schnyder@schnyderlopez
Tobias Habegger@TobiasHabegger

Herr Bofinger, wie viel Bargeld haben Sie dabei?
Peter Bofinger: Jetzt habe ich gerade relativ viele Schweizer Franken dabei. Diese habe ich vom letzten Urlaub her aufgehoben.

Sie haben auch in der Schweiz viele Leute überrascht mit Ihrer Forderung, das Bargeld abzuschaffen.
Ich wurde vom «Spiegel» gefragt, wie ich zum Bargeld stehe. Aus ökonomischer Sicht könnte man ohne Bargeld enorme Effizienzgewinne erzielen. Mein Modell wäre, dass man mit einer sogenannten Guthabenkarte bezahlt, so wie das heute fast jede Kantine anbietet. Das geht schnell. Und das Vorgehen wäre immer anonym. Die Hauptkritik war, dass die Bürger in einer Welt ohne Bargeld total überwacht werden könnten. Ich habe in den letzten Wochen gelernt, dass für die Menschen das Bargeld ein Teil ihrer persönlichen Freiheit ist.

Sie würden diese Forderung also nicht mehr stellen?
Ich würde sie zurückziehen. Wir sollten das Bedürfnis der Leute nach Bargeld respektieren. Das ist wichtiger als die Effizienz.

Waren Sie überrascht von den Reaktionen?
Ich persönlich wäre nie auf die Idee gekommen, das Bargeld als Teil meiner persönlichen Freiheit zu betrachten.

Haben die Leute nicht auch Angst davor, dass sie ohne Bargeld dem Staat und den Banken ausgeliefert sind, weil jede Transaktion einsehbar ist?
Wenn ich jetzt einmal dem Staat unterstellen würde, dass er die Menschen ausspioniert, dann findet dieser doch über das Internet ein Vielfaches an Informationen. Mich wundert es, dass viele Leute, die jetzt solche Ängste äussern, hemmungslos das Internet nutzen.

Sie beurteilen den Entscheid der Schweizerischen Nationalbank, den Mindestkurs aufzuheben, kritisch. Wieso?
Es geht hier um ein Abwägen der Risiken. Wenn die Nationalbank am Mindestkurs festgehalten hätte, hätte dies im schlimmsten Fall dazu geführt, dass die Schweiz ein De-facto-Mitglied des Eurowährungsraums geworden wäre.

Aus Schweizer Sicht wäre das kein sehr erfreuliches Szenario.
Das wäre für die Schweiz kein Unglück. Die Europäische Zentralbank ist im Grunde eine eher konservative Notenbank. Auch wenn das nicht so gesehen wird.

Sie befürchten, in der Schweiz könnte es zu einer Deindustrialisierung kommen. Doch die Schweizer Wirtschaft hat es immer wieder geschafft, sich auf einen stärker gewordenen Franken einzustellen.
Ja, das stimmt. Abe
r die aktuelle Lage ist von einer ganz anderen Qualität. Der Aufwertungsschock vom Januar ist mit früheren Entwicklungen nicht vergleichbar. Das sieht man, wenn man sich die längerfristige Entwicklung des Frankens zur D-Mark und zum Euro anschaut.

Aber in der Schweiz ist die Lust, sich an die Eurozone anzudocken, nicht sehr gross. Vor allem wenn man hört, dass Griechenland wieder einmal gerettet werden muss.
Die Schweiz ist ein stark exportabhängiges Land. Und da ist es eine Illusion, dass man geldpolitisch eine Insel der Glückseligen sein kann.

Die Verhandlungen für ein weiteres Rettungspaket für Griechenland laufen wieder auf Hochtouren. Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten?
Mein Eindruck ist, dass man auf beiden Seiten bemüht ist, aufeinander zuzugehen. Aufseiten der Euroländer hat man offenbar gemerkt, dass man Griechenland doch etwas mehr Spielraum gewähren muss. Und dass man keine so überzogenen Haushaltsüberschüsse verlangen darf. Der Fehler der früheren Programme war, dass man zu ambitionierte Sparmassnahmen verlangt hat.

Da sind Sie als Ökonom, der die Wichtigkeit der Nachfrage betont, auf der Linie der Regierung Tsipras?
Das verhandlungstaktische Vorgehen der griechischen Regierung fand auch ich nicht akzeptabel. Aber auf der anderen Seite waren die Vorgaben, die die Troika in Bezug auf die Haushaltsüberschüsse gemacht hat, zu ambitioniert. Es braucht einfach konservativere Annahmen. Diesbezüglich hat Premierminister Tsipras sicherlich einen Punkt.

Es gibt Stimmen, die fordern, dass Griechenland einen klaren Schuldenschnitt braucht, um aus der Misere herauszufinden. Was ist Ihre Meinung dazu?
Ich denke, es braucht keinen Schuldenschnitt. Man kann Griechenland auch entlasten, indem man die Laufzeiten der Kredite verlängert und dem Land bei den Zinsen entgegenkommt.

Sie sind der Ansicht, dass Griechenland unbedingt in der Eurozone bleiben soll. Wieso?
Für Griechenland hätte ein Austritt ein ziemliches Chaos zur Folge. Und für die Eurozone würde ein Austritt Griechenlands bedeuten, dass sie damit ihre Glaubwürdigkeit unwiderruflich verspielt hätte. Gerät in ein paar Jahren ein anderes Land in ähnliche Schwierigkeiten, würden sich alle Beteiligten daran erinnern, dass Griechenland letzten Endes ausgetreten ist.

Berner Zeitung

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