Denkblockaden im goldenen Käfig

Trifft die aktuelle Finanzkrise auch uns Normalverbraucher und führt dazu, dass wir uns leichtfertiger verschulden? Muss nicht sein, sagt Schuldenberater Mario Roncoroni. Die Schuldenfallen lauern diskreter.

Jürg Steiner@Guegi

Herr Roncoroni, die Rezessions-Panik ob der Finanzkrise greift auch auf die Schweizer Börse über. Gleichzeitig steht nun in Bern der Konsumtempel Westside offen, der die Leute zum hemmungslosen Geldausgeben animiert. Da kommt viel Arbeit auf Sie als Schuldenberater zu, oder?

Mario Roncoroni: Wir haben so oder so mehr als genug Arbeit. Aber ich hüte mich vor vorschneller Schwarzmalerei. Dass der Zusammenbruch internationaler Finanzimperien, den wir gerade erleben, die Leute hier vermehrt dazu treiben wird, in einen Konsumwahn zu flüchten und sich zu überschulden, würde zwar gut tönen. Aber seriöserweise kann ich einen solchen Zusammenhang weder bestätigen noch dementieren. Entsprechende Untersuchungen und Zahlen gibt es nicht.

Aber es ist doch eine Tatsache, dass sich das Schuldenproblem verschärft, namentlich bei Jugendlichen.

Vorsicht! Öffentliche Schuldendiskussionen werden gerne sehr moralisch geführt, was erleichtert wird durch den Umstand, dass es für die Schweiz keine umfassende Statistik dafür gibt, ob und wie stark die Schuldenproblematik zunimmt. Aus unserer Praxis kann ich nur sagen: Schulden sind kein Jugendproblem, sondern eines, das die ganze Bevölkerung betrifft. Die meisten Leute, die zu uns kommen und mit 50000 oder 60000 Franken überschuldet sind, sind zwischen 35 und 55 Jahre alt.

Wird das Schuldenproblem grösser gemacht, als es ist?

Keineswegs. Ich will das Thema nur vom moralischen Sound befreien, um den Blick für die Realität zu schärfen. Und die zeigt klar: Unsere Beratungsangebote sind völlig überlaufen. Aber entgegen häufig geäusserter, etwas oberflächlicher Gesellschaftskritik sind es in der Regel nicht einfach besinnungslose Konsumorgien, die die Leute in die Überschuldung befördern.

Sondern?

Zentral ist die Tatsache, dass die Leute heute weniger Vermögen haben. Die klassische Situation, mit der wir es zu tun haben, ist eine Familie mit einem relativ tiefen Einkommen, das zum Teil vielleicht noch aus einem prekären Arbeitsverhältnis – Arbeit auf Abruf – bestritten wird. Einen Teil der Konsumausgaben finanziert sich diese Familie über Konsumkredite – was kein Problem ist, wenn die Situation stabil ist. Aber es braucht nur ein Ereignis – Krankheit, Unfall oder, sehr häufig, eine Trennung –, und das Gleichgewicht ist dahin. Auf einmal zwei Haushalte zu finanzieren liegt nicht drin – weil keine Reserven vorhanden sind.

Was zeigt das?

Dass die Verschuldungsproblematik sehr viel zu tun hat mit kritischen privaten Ereignissen, mit der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen und mit sinkender Kaufkraft. Steigenden Strompreisen und immer teureren Krankenkassen zum Beispiel. In meinen Ferien in Frankreich ist mir aufgefallen, dass sinkende Kaufkraft dort viel breiter diskutiert wird als bei uns. Weil die betroffenen Bevölkerungskreise grösser sind. Das steht uns wohl noch bevor.

Vorderhand scheint uns nichts zu bremsen. Zehntausende stürmen das Freizeitzentrum Westside, bereit, über ihre Möglichkeiten Geld auszugeben.

Ich habe gar nichts gegen das Westside. Gäbe es das Westside nicht, wäre etwas anderes entstanden. Solche Zentren sind voll im Trend. Dabei sein kann aber nur, wer Geld ausgeben kann. Insofern handelt es sich dabei einfach um eine weitere Gelegenheit

Schulden anzuhäufen?

Vielleicht. Aber entscheidender für die Schuldenproblematik ist der zunehmende Einsatz von Kreditkarten. Sie sind auch ein Mittel, sich quasi unbemerkt zu verschulden. Man kann ja mit der Karte auch noch Geld ausgeben, wenn keines mehr auf dem Konto liegt. Und als Konsumenten sind wir derzeit hohem Druck ausgesetzt, uns möglichst mehrere Kreditkarten zuzulegen, die erst noch gratis sind. Da sehe ich schon neue Verschuldungsbilder auf uns zukommen.

Wie sehen die aus?

Eben habe ich eine amerikanische Studie gelesen, für die Leute beim Essen im Restaurant getestet wurden. Wer mit Kreditkarte bezahlte, speiste teurer. Für mich ist klar: Hat jemand mehrere Kreditkarten im Portemonnaie, die er überziehen kann, können in seinem Rücken sehr schnell erhebliche Schulden anwachsen – die zu Sätzen von 10 bis 15 Prozent verzinst werden müssen.

Eine Falle, die vor allem Jugendlichen droht?

Dieser Versuchung können alle Altersgruppen erliegen. Zweifellos – und das stelle ich auch bei meinen eigenen Töchtern fest – sind Jugendliche einem immensen Konsumdruck ausgesetzt. Ohne Ausgang, ohne Markenkleider, ohne Handy droht das Abseits. Auf der anderen Seite zeigen die wenigen Untersuchungen, die es gibt, dass die Beträge, mit denen die Jugendlichen – oft bei den Eltern – in der Kreide stehen, meist relativ klein sind.

Also kein Grund zur Sorge?

Das wäre der falsche Schluss. Jugendliche müssen eine wichtige Zielgruppe sein – auch, um langjährige Verschuldungskarrieren zu verhindern. In unserer Beratungspraxis erkennen wir, dass fehlende Bildung ein entscheidender Grund für Überschuldungsprobleme ist.

Fehlende Bildung?

Ja, und zwar fehlt Basiswissen: Die Leute wissen nicht, warum es wichtig ist, Krankenkassenprämien zu zahlen, warum man Steuern zahlt, wie man Steuererklärungen ausfüllt. Viele denken, dass sich das Problem löst, wenn man die Steuern einfach nicht zahlt. Aber das ist nicht so. Der Staat kommt zwar später als alle privaten Kreditgeber, um sein Geld einzutreiben. Aber er kommt bestimmt.

Wie würden Sie die Bildungslücke schliessen?

In der Schule. Nichts gegen Staatskunde oder Biologie. Aber für das praktische Leben halte ich es für wichtiger, dass man weiss, wie man ein privates Budget aufstellt, wie das Steuersystem funktioniert oder die Krankenversicherung. Wir arbeiten, im Auftrag des Kantons, an einem Präventionsprojekt. Wir würden zum Beispiel gerne die Garagisten dafür gewinnen, dass sie jugendlichen Autokäufern ein Merkblatt abgeben, auf dem steht, was es wirklich kostet, ein Auto zu haben.

Wird heute leichtfertiger Geld ausgegeben als früher?

Man spart nicht mehr, ehe man Geld ausgibt. Einen Leasingvertrag abzuschliessen macht heute niemandem mehr Bauchweh. Aber entscheidend dafür, dass jemand über seine Verhältnisse konsumiert, ist oft das Umfeld. Jeder fragt sich: Was ist das gute Leben? Die Leute um einen herum haben ein grosses Auto, einen teuren Flachbildschirm, machen schöne Ferien. Oft stellen wir fest, dass sich Leute mental in einer Art goldenem Käfig befinden. Sie können sich kein anderes Leben vorstellen als das, das sie sich nicht leisten können.

Schulden machen kann allerdings auch angenehm sein. Das tief verschuldete Ehepaar Franz und Elisabeth Zölch musste deswegen trotz üppigen Lohns während einiger Jahre keine Steuern zahlen.

Ich hüte mich auch hier, die Moralkeule zu schwingen. Das Steuerrecht erlaubt es, Schuldzinsen abzuziehen und so die Steuerrechnung zu optimieren. Punkt. Was mich schon ärgert, ist, dass Leute, die ihren Konsum relativ locker etwas drosseln könnten, davon profitieren, während sich unsere Klienten ihre Steuerraten vom Mund absparen müssen.

Das heisst: Es gibt schlechte Schulden und gute Schulden – zum Beispiel die Hypothekarschulden des Mittelstandes.

Das stimmt. In der Schweiz haben die Banken nicht unbesehen Hypothekarkredite für Hauskäufe gegeben. Kann jemand die Zinsen nicht mehr bezahlen, besteht in der Regel ein realer Gegenwert; das Haus kann verkauft werden. Aber in moralischen Schuldendiskussionen vergisst man schnell, dass gute Schulden auch zu schlechten werden können.

Weil die meisten Hausbesitzer ihre Hypothekarschulden nie zurückzahlen könnten?

Genau. Auch der Hausbesitzer kann in eine Notlage kommen, wenn die Bank von heute auf morgen die Hypothek kündigt und er keinen anderen Geldgeber findet.

Wenn Banken, wie jetzt in der Finanzkrise, in Schwierigkeiten kommen, werden oft Guthaben gesperrt. Ist es im Moment besser, bei Banken verschuldet zu sein, anstatt Guthaben zu haben?

Das glaube ich nicht. Geht eine Bank in die Knie, werden auch ihre Aktiven eingefordert. Das kann für Schuldner unangenehm werden. Und wissen Sie, die Leute, die sich mit Kalkül verschulden, um zu profitieren, gehören nicht zu unserer Klientel. Es gibt sicher Leute, die offenen Auges in den Konkurs gehen und dann wieder neu anfangen. Aber die Mehrheit derer, die überschuldet sind, ist überfordert und am Limit. Sie wären froh, es nicht mehr zu sein.

Der Autor: Jürg Steiner (juerg.steiner @bernerzeitung.ch) ist «Zeitpunkt»-Redaktor.

Berner Zeitung

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