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Konzertveranstalter und Corona«Wir überleben noch bis September»

Pleite ist derzeit noch niemand. Die Massnahmen des Bundes für Konzertveranstalter greifen noch. Doch schon in ein paar Monaten wird es prekär.

«Nähe ist unser Business», sagt Chrigu Stuber von der Mühle Hunziken. Hier ein Konzert von Fusion Square Garden im fernen Oktober 2019.
«Nähe ist unser Business», sagt Chrigu Stuber von der Mühle Hunziken. Hier ein Konzert von Fusion Square Garden im fernen Oktober 2019.
Foto: Martin Burkhalter

Noch. Es ist das entscheidende Wort. Jüre Hofer vom Bären Buchsi betonte es am Telefon, Daniela Eicher-Hulliger von der Kufa in Lyss und auch Chrigu Stuber von der Mühle Hunziken und Dave Naef vom Bierhübeli gebrauchten es in fast jedem Satz. Noch ist kein Konzertveranstalter Pleite.

Die Solidarität der Gäste und die Massnahmenpakete des Bundes greifen noch. Alle haben Kurzarbeit für sich und ihre Mitarbeiter angemeldet. Sie haben für verschobene Anlässe Ausfallsentschädigungen beantragt, können bei ihren Vermietern auf Nachlassstundung oder Mieterlass hoffen. Sie haben zum Teil noch kleinere finanzielle Polster. Das Bierhübeli hat gar einen Zustupf aus einer Epidemie-Versicherung erhalten. Und auch die Ersatzdaten für verschobene Konzerte im Herbst machen Hoffnung noch.

Hoffnung

Das Problem dieser Hoffnung ist jedoch, dass niemand weiss, wie so ein Konzertherbst aussehen könnte. Problematisch wird es, wenn etwa eine Begrenzung von maximal 50 oder 100 Leuten eingeführt werden sollte. Für grössere Betriebe rentiert es kaum, solche Konzerte durchzuführen. Ausser die Ticketpreise würden entsprechend angehoben. «Dann würden Konzerte aber zu etwas Elitärem», sagt Mühle-Tätschmeister Chrigu Stuber. «Das will doch niemand

«Ein Veranstaltungsverbot bis Frühling 2021 würde wohl keiner überleben, der die volle Miete oder Löhne zahlen muss.»

Chrigu Stuber, Mühle Hunziken, Rubigen

Rund 50 Anlässe mussten er und sein Team bis jetzt verschieben oder absagen. Rund 40 Lohnbezüger sind betroffen. «Wenn wir ab Herbst wieder zur Normalität zurückkehren könnten, kämen wir noch mit einem blauen Auge davon», sagt er, um gleich anzufügen: «Aber seien wir ehrlich: Letztlich leben Konzerte von Nähe und Emotionen, die Wahrung sozialer Distanz ist schwierig umzusetzen.»

Schwierig ist auch, dass der Herbst fast ausgebucht ist. In der Mühle Hunziken sind schon jetzt Wochen geplant, an denen jeden Abend ein Konzert stattfinden wird. Das Bedürfnis nach Konzerten wird aber nicht einfach so um ein Vielfaches wachsen. Noch profitieren die Veranstalter davon, dass kaum jemand sein bereits gekauftes Ticket zurückerstattet haben will. Was aber, wenn es länger dauert? «Ein Veranstaltungsverbot bis Frühling 2021 würde wohl keiner überleben, der die volle Miete oder Löhne zahlen muss», sagt Chrigu Stuber.

Planungssicherheit

Was Konzertveranstalter jetzt vor allem brauchen, sind klare Ansagen. Etwas, das ihnen derzeit niemand geben kann. Schon jetzt gebe es Manager und Booker, die für das Jahr 2020 nichts mehr planten, sagt Chrigu Stuber. Und auch etliche Schweizer Musikerinnen drängten schon auf ein Ersatzdatum für 2021. «Mein Wunsch ist, dass der Bundesrat sich auch international abspricht», sagt Stuber. «Wenn jedes europäische Land einen Sonderzug fährt, wird die Planung von internationalen Tourneen für alle sehr schwierig.»

Davon kann auch Dave Naef vom Bierhübeli ein Lied singen. 60 Konzerte mussten er und sein Team verschieben und 20 Partys absagen, die sonst existenzsicherndes Geld in die Kasse spülen. Das Bierhübeli lebt nur von seinen Anlässen, Subventionen bekommt es keine. «Was wir dringend brauchen, ist Planungssicherheit», sagt Dave Naef. «Wir sind kein Grossveranstalter. Wir können auf Bestimmungen reagieren und uns an Weisungen anpassen.»

«Wir brauchen eine Perspektive. Sonst wird es uns nicht mehr geben.»

Daniela Eicher-Hulliger, Kufa, Lyss

Darauf pocht auch Daniela Eicher-Hulliger von der Kufa Lyss. Sie hofft, dass es im Sommer mit kleinen Schritten in Richtung Normalität geht. Sie erarbeitet bereits Szenarien mit einem reduzierten Publikum. Rechnet, wie ein Konzert überhaupt noch rentieren könnte. Denn: «Finanziell überleben wir noch bis September. Wir brauchen eine Perspektive. Sonst wird es uns nicht mehr geben.»

Die Kufa erhält zwar Subventionen von Lyss, den umliegenden Gemeinden und vom Kanton. Jedoch erwirtschaftet der Kulturbetrieb rund 80 Prozent des Umsatzes selber. 170 Mitarbeitende sind vom Lockdown betroffen. Bis Ende Mai mussten Daniela Eicher-Hulliger und ihr Team 28 Anlässe ersatzlos absagen, 17 konnten sie verschieben. Dazu kommt, dass auch die Firmen ihre Anlässe absagen. Anlässe also, die seit jeher die Kultur querfinanzieren.

Anerkennung

In dieser Hinsicht wird auch der Bären Buchsi für sein sonst so erfolgreiches Konzept gerade doppelt bestraft. Die Gastronomie hilft dort das Kulturprogramm mitfinanzieren. Handkehrum sorgen die Konzerte für Gäste in der Beiz. Ein derzeit fataler Umstand, weil das eine ohne das andere nicht funktioniert.

Jüre Hofer, der als Einziger für das Kulturprogramm zuständig ist, plant derzeit zwar noch für den Herbst, sucht Ersatzdaten für die rund 20 Anlässe, die er seit März absagen musste. Aber so richtig zuversichtlich ist auch er nicht. «Ohne Ausfallentschädigung wird es den Kulturbetrieb im Bären in dieser Form nicht mehr geben», sagt er. «Luft haben wir noch für zwei, vielleicht drei Monate.» Er sei jetzt 62 Jahre alt und seit 40 Jahren im Geschäft. «Vielleicht ist der Moment gekommen, aufzuhören.» Die Pandemie sei für ihn ja auch ein Probelauf fürs Rentnerdasein.

«Niemand hat Interesse daran, dass die Kulturhäuser einfach so verschwinden. Es wird Lösungen geben. Da bin ich zuversichtlich.»

Dave Naef, Bierhübeli, Bern

«Wir waren die Ersten, und wir werden die Letzten seinAuch dieser Satz fiel bei jedem Telefonat. Und alle haben gelacht, als sie diesen Satz sagten. Es ist der antrainierte Galgenhumor. Als erfahrene Konzertveranstalter haben sie schon so manche Krise durchlebt, wissen, was es heisst, ums Überleben kämpfen zu müssen, um Anerkennung und, ja, immer wieder um das liebe Geld.

Deshalb können sie dieser Krise auch etwas Positives abgewinnen. «Es ist seltsam, aber es tut irgendwie gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Dass es allen gleich geht. Wir Veranstalter sind enger zusammengerückt. Wir kriegen Solidaritätsbekundungen aus allen Ecken», sagt Chrigu Stuber.

«Seit zwanzig Jahren arbeite ich in irgendeiner Art und Weise im Kulturbereich und musste die Leute immer wieder davon überzeugen, dass das, was ich mache, eine richtige Arbeit ist», sagt Daniela Eicher-Hulliger. «Die Leute merken jetzt, wie wichtig Kultur ist. Die Massnahmenpakete sind ein schönes Zeichen von aussen. Wir gingen nicht vergessen.»

Und Dave Naef sagt: «Niemand hat Interesse daran, dass die Kulturhäuser einfach so verschwinden. Es wird Lösungen geben. Da bin ich zuversichtlich.» Bei diesem Satz blieb das noch aus.