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Interview mit Ikea-Schweiz-Chefin«Wir spüren, dass viele Schweizer weniger Geld haben»

Jessica Anderen ist die Schweiz-Chefin der schwedischen Möbelkette. Sie erklärt, wieso sie einen Taxidienst einführt, die Preise von 250 Produkten senkt und Ikea in die Innenstädte muss.

Jessica Anderen will kleine Ladenformate in die Schweizer Städte bringen.
Jessica Anderen will kleine Ladenformate in die Schweizer Städte bringen.
Foto: Samuel Schalch

Frau Anderen, der Umsatz von Ikea Schweiz ist mit 1,15 Milliarden Franken in diesem Jahr um 0,7 Prozent gewachsen, und das trotz acht Wochen Lockdown. Haben Sie das erwartet?

Als der Lockdown kam, haben wir schnell reagiert und unsere Abholpunkte an den Ikea-Standorten zu einem Drive-in ausgeweitet. Der Kunde konnte trotz geschlossener Läden die bestellte Ware mit dem Auto abholen. So konnten wir gut 15 Prozent der Ausfälle kompensieren. Nach dem Lockdown hatten wir einen Verlust von 110 Millionen Franken. Ich war zwar optimistisch, als ich die Kunden wieder in die Läden strömen sah. Aber ich hätte nicht gedacht, dass wir das Niveau vom letzten Jahr erreichen würden.

Die Abholpunkte, das sogenannte Click and Collect, gab es bereits vor dem Lockdown. Was ist neu?

Vorher konnte man nicht direkt mit dem Auto vorfahren und die Ware einladen. Wir hatten zuvor nur Schliessfächer, die bei den Kunden nicht besonders gut ankamen. Doch auch die waren plötzlich alle voll. Auch jetzt werden sie noch rege genutzt. Die Nachfrage nach Click and Collect hat sich im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht.

Auch die Nachfrage im Onlineshop ist gestiegen. Von 9 Prozent am Gesamtumsatz macht dieser jetzt über 14 Prozent aus. Wie wird Ikea auf das veränderte Einkaufsverhalten reagieren?

Gut die Hälfte unserer Kunden möchte die Ware nach Hause geliefert bekommen. Zudem sehen wir, dass in Zürich 50 Prozent der Menschen kein Auto haben. Aber wir wollen auch Kunden, die kein Auto haben. Die Kunden sind preissensitiv, sie wollen zwar Service, aber zu einem günstigeren Preis. Wir haben vor einer Woche einen neuen Lieferdienst gestartet, der die Ware direkt vor die Haustür liefert, ausladen muss der Kunde sie allerdings selbst. Dafür sind die Liefergebühren tief.

Wie viel günstiger ist dieser Lieferdienst? Normalerweise kostet eine Lieferung bei Ikea um die 99 Franken.

Eine Lieferung kostet 49.95 Franken.

Wie steht es um das «Ikea-Taxi»?

Wir starten am 2. November mit einem Taxiservice mit Hybrid-Autos. Wir arbeiten dabei mit dem Start-up Lucka Box zusammen und fangen erst mal an den Standorten in Dietlikon und Spreitenbach an, um herauszufinden, ob die Leute so was auch wollen.

Wie funktioniert der Dienst?

Die Kunden werden mit ihren Einkäufen nach Hause gefahren. Je nach Strecke kostet der Service zwischen 39 und 99 Franken.

«Wir suchen speziell in Zürich nach Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten wollen.»

Sind Abholstationen in den Städten ein Thema?

Daran arbeiten wir gerade. Wir suchen speziell in Zürich nach Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten wollen. Wir müssen aber noch herausfinden, wo die besten Orte für diese Abholpunkte sind. Es gibt viele Menschen, die in unsere Geschäfte kommen, um sich inspirieren zu lassen, aber nicht daran interessiert sind, Ware mit nach Hause zu nehmen. Das ist ein Problem.

Wann gibt es die ersten Abholstationen in Zürich?

Im nächsten Jahr ist es so weit. Wir sind mit möglichen Partnern im Gespräch. Ikea muss in die Stadt.

In Madrid oder Berlin gibt es kleinere Ikea-Läden in den Stadtzentren. Wann kommt dieses Format in die Schweiz?

Wir müssen noch herausfinden, was der Schweizer Kunde möchte. Bisher sind wir noch nicht so weit. Aber wir müssen Wege finden, näher zu den Kunden zu kommen, das ist klar. Es gibt noch kein Datum, aber wir sind dran.

Die Ikea-Schweiz-Chefin hat während der Corona-Pandemie nicht nur die Preise von über 250 Produkten gesenkt, sondern auch ein Frühstück für 2.95 Franken eingeführt.
Die Ikea-Schweiz-Chefin hat während der Corona-Pandemie nicht nur die Preise von über 250 Produkten gesenkt, sondern auch ein Frühstück für 2.95 Franken eingeführt.
Foto: Samuel Schalch

Werden wir in den nächsten 12 Monaten einen solchen Laden in Zürich sehen?

Wahrscheinlich dauert es noch etwas länger.

Hat Ikea diese Entwicklung nicht völlig verschlafen? Einrichtungsgeschäfte wie Flying Tiger, Zara Home oder H&M Home sind bereits mitten in den Innenstädten. Ikea wartet ab.

Es geht nicht um Schnelligkeit, sondern darum, den Wünschen der Kunden zu entsprechen. Ich investiere lieber ein bisschen mehr Zeit, um am Ende das richtige Format zu finden.

Und wenn Sie das gefunden haben, expandieren Sie in alle Schweizer Städte?

In den nächsten eineinhalb Jahren konzentrieren wir uns auf Zürich.

Livique, das Möbelhaus von Coop, ist hier in Spreitenbach gleich um die Ecke. Nimmt Ihnen die Konkurrenz Kunden weg?

Auch Mömax hat vor kurzem ein paar Minuten zu Fuss von hier ein Geschäft eröffnet. Das ist gut für uns. Kunden aus der Region kommen hierher, wenn sie Möbel kaufen wollen. Nun können sie bei verschiedenen Anbietern vorbeischauen. Kaufen tun sie dann hoffentlich bei uns.

Haben Sie sich Mömax angeschaut?

Natürlich. Ich will wissen, was die Konkurrenz macht.

Und wie macht sie es?

Die haben auch schöne Möbel und viele Marken, aber ein anderes Angebot. Gekauft habe ich allerdings nichts.

«Wir haben als Reaktion auf die Covid-19-Krise seit September den Preis von über 250 Produkten reduziert.»

Spürt Ikea, dass in Zeiten von Covid viele Schweizer weniger Geld zur Verfügung haben?

Ja, das spüren wir. Wir verkaufen mehr Artikel in tieferen Preiskategorien. Und wir wissen, dass über 15 Prozent der Schweizer an der Armutsgrenze leben. Wir haben als Reaktion auf die Covid-19-Krise seit September den Preis von über 250 Produkten reduziert. Wir haben auch ein Bio-Frühstück für 2.95 Franken eingeführt. Ikea muss für Kunden, die unter finanziellem Druck stehen, die richtigen Produkte anbieten. Dazu gehört auch die günstige Lieferung bis zur Bordsteinkante statt vor die Haustür. Das Angebot gibt es erst seit einer Woche. Es ist aber schon sehr erfolgreich. Der Preis spielt in Zeiten von Covid-19 eine wichtigere Rolle.

Ikea nimmt auch gebrauchte Möbel für den Secondhand-Verkauf entgegen. Wie kommt das an?

Wir haben schon 2000 Möbelstücke zurückgenommen, und wir bezahlen je nach Zustand auch dafür. Das Programm werden wir forcieren. Anstelle eines Black Friday führen wir einen Buy-Back-Friday ein. Damit sollen noch mehr Kunden auf das Angebot aufmerksam werden. Der Markt mit gebrauchten Ikea-Möbeln ist gross. Klar, dass wir auch daran interessiert sind.

Während des Lockdown waren Backutensilien und Spielzeug sehr gefragt. Was kauften die Schweizerinnen und Schweizer in den letzten Wochen?

Alles, was mit Homeoffice zu tun hat, hebt ab. Das gilt auch für den Gartenbereich. Viele haben sich auf dem Balkon oder im Garten ihre persönliche Oase gebaut. Gefragt sind auch interaktive Lautsprecher und Beleuchtung für Smarthomes.

Lässt Ikea weiterhin nur Kunden mit Maske ins Geschäft, auch wenn sie ein medizinisches Attest haben, das sie von der Tragepflicht entbindet?

Ja, das gilt in allen Kantonen mit Maskenpflicht. Wir müssen unsere Mitarbeiter und Kundinnen schützen. Auch für die Mitarbeiter im Verkauf und im Büro haben wir eine Maskenpflicht eingeführt. Noch wichtiger sind aber Abstandsregeln und Hygienemassnahmen. Nur 200 unserer 2850 Mitarbeiter können überhaupt im Homeoffice arbeiten.

Hatten Sie unter den Angestellten viele Covid-19-Fälle?

Es waren sehr wenige Fälle, und ich hoffe, das bleibt so.

32 Kommentare
    Marina Zingg

    Die Aussage, dass die Leute weniger Geld haben und daher bei Ikea weniger einkaufen, ist eine umstrittene These. Vielleicht kann es auch sein, dass man auch bei andere Anbieter und reinschaut und Qualität, Produktion, Qualität und Langlebigkeit vergleicht.