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Viktor Giacobbo im Interview«Wir Satiriker waren noch nie so regierungstreu wie jetzt»

Der Schweizer Komiker Viktor Giacobbo spricht über die absurde WC-Papier-Hamsterei, seinen Umgang mit der Abschottung und weshalb jetzt zu viel gepredigt wird.

«Miteinander zu lachenist schöner als allein»: Viktor Giacobbo im Casinotheater Winterthur
«Miteinander zu lachenist schöner als allein»: Viktor Giacobbo im Casinotheater Winterthur
Foto: Mario Heller

Er wirkt gut gelaunt, Komiker Viktor Giacobbo, der das Interview wegen der Corona-Krise von zu Hause aus per Skype führen möchte. «Ich habe wenig Mühe damit, abgeschottet zu sein», sagt er, dem neuerdings um den Mund ein wohlgetrimmter Bart wächst. Wenn er mitbekomme, was Eltern mit schulpflichtigen Kindern zurzeit durchmachten, so müsse er sagen: «Ich war noch nie so froh, keine Kinder zu haben.»

Sie gehören mit 68 Jahren zur Risikogruppe. Haben Sie genug WC-Papier auf Lager?

Der WC-Papier-Rush ist der absurdeste Teil dieser Krise, man mag ja gar keine Witze mehr darüber machen. Vor zwei Tagen waren die WC-Papier-Gestelle in der Migros noch immer leer. Es wird schneller weggekauft als produziert.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Es ist mir zu blöd, mich damit zu beschäftigen.

Zu beobachten, wie die Leute in der Krise reagieren, ist aber doch interessant?

Auf jeden Fall. In vielen Kulturen wird der Hintern ja seit jeher mit Wasser gewaschen. Was auch sinnvoll und hygienisch ist. Wir, die Speerspitze der westlichen Zivilisation, verstreichen lieber die Scheisse mit trockenem Papier. Ich frage mich: Was denken die Leute im asiatisch-arabischen Raum über die WC-Papier-Hamsterei bei uns? Das muss doch für die wahnsinnig lustig sein! Das Kreuz als wichtigstes Symbol des christlichen Abendlands wird in einer Krise offenbar durch die WC-Rolle ersetzt.

Verlassen Sie Ihre vier Wände noch?

Ja. Ich gehe einkaufen, biken, und ich kenne drei Leute, die das Virus schon hatten und jetzt immun sind.

Diese Leute laden Sie nun ständig ein?

Nein, sie haben mich eingeladen. Obschon eigentlich keine Gefahr auf Ansteckung besteht, halten wir Distanz. Man muss gewisse Regeln nun einfach respektieren, fertig. Auch so banale Verrichtungen wie die Hände zu waschen, wenn man nach Hause kommt. Das habe ich zwar schon vorher gemacht, nun aber mache ich es als korrekter Staatsbürger. Allerdings gebe ich mir Mühe, nicht den ganzen Tag über diese Regeln nachzudenken und auch nicht ständig Corona-News zu lesen.

Es gibt gar keine anderen News mehr.

Aber es gibt Netflix. Und Bücher. Eben ist der dritte Band von Hilary Mantels Trilogie über Thomas Cromwell herausgekommen: «The Mirror & the Light», ein tausendseitiger spannender historischer Roman über die Tudor-Zeit.

«Vielleicht sorgt Corona für eine gewisse Gerechtigkeit und ruft uns zu: Okay, Boomer.»

Weil beim Coronavirus vor allem ältere Leute betroffen sind, redet man nun von «Altersdiskriminierung».

Und was ist die Frage?

Fühlen Sie sich diskriminiert?

Nein. Ich gehöre auch nicht zu den besonders Gefährdeten. Ich bin zwar alt, aber gesund, fühle mich fit. Wenn man aber so will, sind die vielgescholtenen weissen alten Männer durch Corona multidiskriminiert. Vielleicht sorgt da Corona für eine gewisse Gerechtigkeit und ruft uns zu: «Okay, Boomer.»

Sollten wir vielleicht sogar froh darüber sein, dass die Männer durch Corona stärker betroffen sind? Man stelle sich den Aufruhr vor, wenn es umgekehrt wäre.

Vielleicht ist Corona eine Verschwörung von jungen Frauen? Wir leben ja in einer Zeit von dubiosen Gerüchten und Verschwörungstheorien, was unterhaltsam ist, aber auch gefährlich. In Sachen Corona-Krise am gefährlichsten sind allerdings einige Staatschefs, zum Beispiel der Pausenclown von Weissrussland, Alexander Lukaschenko, Bolsonaro in Brasilien und Donald Trump in den USA.

Machen Sie sich Gedanken darüber, was Sie in der Sendung bringen würden, wenn Sie sie noch hätten?

Nein. Aber ich schaue andere Sendungen, die das sehr gut machen. Allen voran Trevor Noah, den ich grandios finde. Jetzt produziert er seine «Daily Show» von zu Hause aus. Er kommentiert das Geschehen, ist sehr Trump-kritisch, aber auf eine selbstironische Art. Noah ist noch immer ein Entertainer und nicht ein Prediger, so wie viele andere Satiriker in diesen Tagen.

Auch Trevor Noah ist sehr moralisch, weiss stets ganz genau, was richtig und was falsch ist.

Natürlich. Jeder, der Satire macht, hat einen moralischen beziehungsweise einen politischen Standpunkt. Die Frage ist, wie man diesen Standpunkt rüberbringt: ob auf eine unterhaltende oder eine belehrende Art. Leider tendiert meine Branche zurzeit stark zum Belehrenden.

Viele Komiker tun zurzeit tatsächlich so, als seien sie vom Bundesamt für Gesundheit angestellt. Sie fordern die Leute dazu auf, sich richtig zu verhalten. Ist das noch lustig?

Wenn ich jetzt noch einen Promi sehe, der mir per Instagram erklärt, wie ich die Hände waschen soll, frage ich mich, ob mein Publikum auch so dumm ist, dass es das immer noch nicht weiss. Am Anfang war das toll, dass auf allen Kanälen auf die Regeln hingewiesen wurde. Wir Satiriker waren noch nie so regierungstreu wie heute, ich eingeschlossen. Wir haben ja jetzt nicht gerade die übelste Regierung und vor allem haben wir die coole Epidemie-Ikone, Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit. Wegen seiner trockenen Überzeugungskraft kann man ihn gleich zum Bundesrat machen. Der könnte sagen: «Nehmt jetzt zur Kenntnis, die Erde ist eine Scheibe», und alle würden es ihm glauben. Nur Roger Köppel würde behaupten, er hätte das schon immer gewusst.

Wo liegt das Komik-Potenzial, wenn man so regierungstreu ist? Jene ins Lächerliche ziehen, die nicht zu hundert Prozent auf Linie sind?

Einige kann man nicht ins Lächerliche ziehen, weil sie dort schon sind. Man kann sich allerdings über die eigene Staatstreue lustig machen. Selbstironie gefällt mir besser, als wenn man einfach die Botschaft von Alain Berset wiederholt, auch wenn man mit dieser einverstanden ist.

Könnte man Daniel Koch auf lustige Art imitieren?

Klar. Kürzlich hat mir jemand geschrieben, vom Äusseren her sei ich geeignet dafür – wenn ich noch ein bisschen kahler und dünner werde. Ich bin sicher, die Koch-Imitationen werden bald kommen. Das ist auch gut so: Imitiert zu werden, ist ein Kompliment.

Die Komiksendungen im Fernsehen finden nun ohne Livepublikum statt, also auch ohne Lacher. Es fehlt etwas.

Das ist nur darum ein Problem, weil sich das Fernsehpublikum an die Lacher gewöhnt hat. Und zwar nicht an die normalen Lacher wie im Theater, sondern an die Fernsehlacher, die fast immer verstärkt sind. Bei «Giacobbo/Müller» haben wir uns bis am Schluss dagegen gewehrt, die Lacher künstlich einzuspielen. Damit waren wir unter den Late Night Shows aber die einzigen weit und breit.

Das rächt sich jetzt?

Ja, man vermisst die Lacher umso mehr. Auch bei Trevor Noah denke ich manchmal, wieso lacht jetzt keiner. Bis mir bewusst wird, er sitzt ja alleine in seiner Wohnung.

«Ich sehe keinen Anlass, weshalb wir uns an den jetzigen Zustand gewöhnen sollten.»

Könnten sich die Leute nun daran gewöhnen, dass es keine Lacher gibt und sie wieder selber merken müssen, wann etwas lustig ist?

Weshalb sollten sie? Wir freuen uns alle darauf, dass die Theater, Kinos und Fernsehstudios bald wieder mit Publikum gefüllt sind und wir gemeinsam lachen können. Miteinander zu lachen ist schöner als alleine, das gilt im Fernsehen wie im Theater oder auch privat. Ich sehe keinen Anlass, weshalb wir uns an den jetzigen Zustand gewöhnen sollten.

Leer ist zurzeit auch das Casinotheater Winterthur. Was haben Sie gedacht, als am 13. März der Bundesrat die Schliessung verordnete?

Wir hatten diesen Entscheid erwartet, deshalb waren wir vorbereitet. Damals wurden ja Veranstaltungen ab fünfzig Leuten verboten. Wir diskutierten kurz darüber, ob wir Vorstellungen für 50 Zuschauer durchführen und das Restaurant mit reduziertem Betrieb offen halten sollten. Diese Idee haben wir aber ziemlich schnell verworfen und das Haus ganz geschlossen – noch vor dem entsprechenden Bundesratsentscheid.

Man hört, das Casinotheater habe eine Pandemieversicherung wohl als eine der ganz wenigen Firmen der Schweiz. Wie kommt das?

Wir waren selber überrascht. Wahrscheinlich war dies von Anfang an in unserer Versicherungsdeckung drin, also seit 20 Jahren. Als wir letztes Jahr von der Axa zur Mobiliar gewechselt haben, wurde dieser Passus übernommen. Dank der Versicherung, der Kurzarbeit und unseren engagierten Aktionären und Freunden wird die Krise etwas abgefedert.

Sie könnten also noch lange durchhalten?

Was heisst durchhalten? Bis wir noch mehr Kredite aufnehmen müssen? Bis der Konkurs droht? Wir rechnen nun damit, dass wir möglichst bald den Betrieb langsam wieder hochfahren können. Anfangs vielleicht nur das Restaurant, später dann das Theater. Für unser unsubventioniertes Theater-Gastronomie-KMU ist es eine Katastrophe, auch wenn andere viel stärker betroffen sind, vor allem die selbstständigen Künstler, aber auch der Circus Knie.

Sie sind mit der Familie Knie befreundet, hatten Sie in den letzten Wochen Kontakt zu ihr?

Ja, ich war an einer Probe zum neuen, wieder grossartigen Programm unter andern mit Ursus & Nadeschkin. Nun gerät die ganze Tourneereihenfolge durcheinander. Die Knies wissen nicht, wann und wo sie beginnen können und ob der wichtige Sechseläutenplatz – wo der Circus sonst den ganzen Mai steht – zu einem späteren Zeitpunkt noch so verfügbar sein wird.

Könnte der Circus Knie den Ausfall einer ganzen Saison verkraften?

Das weiss ich nicht, das müssen Sie die Familie Knie fragen. Sicher wäre das sehr einschneidend.

Wenn man sieht, was der Lockdown für Ihre Branche auslöst die Einnahmen fallen vielerorts auf null –, hadert man da umso mehr mit den Entscheidungen des Bundesrats?

Nein, der Bundesrat ist ja nicht schuld – auch nicht die EU oder die Ausländer. Das verdammte Virus ist schuld. Natürlich kann ich es kaum erwarten, dass das alles endlich wieder hochgefahren wird. Aber nicht, weil die Politik dies so entscheidet, sondern weil der Verlauf der Epidemie es ermöglicht. Hierfür müssen wir uns auf die Wissenschaft verlassen.

Sie sind auch Aktionär und im Verwaltungsrat des Buchverlags Kein & Aber. Profitiert der in der Krise, weil die Leute mehr lesen und Bücher online bestellen?

Das haben wir am Anfang gehofft. Aber leider ist dies bisher nicht der Fall, wir sind nicht Kriegsgewinnler. Auch wenn der Verlag in guter Verfassung ist, leiden wir wie alle andern auch.

Durch Homeoffice, Kinderbetreuung, et cetera kommen die Leute noch weniger zum Lesen als sonst?

Für mich gilt das nicht. Ich lese viel, schreibe, kommuniziere digital und schaue Netflix. Man findet dort herausragende Serien wie «Better Call Saul» oder «Ozark». Hauptsache, man befreit sich zwischendurch vom pausenlosen Corona-News-Feed!