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«Wir reden miteinander, aber nicht über Politik»

Erstmals feiern Demokraten und Republikaner in der Schweiz die Wahlnacht zusammen. Alle sind froh, dass der Wahlkampf zu Ende ist. Eindrücke und Stimmen aus Genf.

Mit der US-Nationalhymne in die Wahlnacht: Azania Noah singt an der Wahlparty in Genf.
Mit der US-Nationalhymne in die Wahlnacht: Azania Noah singt an der Wahlparty in Genf.
Olivier Vogelsang
Gespanntes Warten auf erste Resultate in der Villa Sarrasin bei Genf.
Gespanntes Warten auf erste Resultate in der Villa Sarrasin bei Genf.
Olivier Vogelsang
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Olivier Vogelsang
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Gegen elf Uhr abends, der Lärm der Menge füllt den letzten Resten der Villa Sarasin mit Dezibel aus. Die Villa liegt einsam, still und kalt beim Genfer Flughafen unter einem bleichen Halbmond, aber innen ist keiner alleine, zur Einsamkeit fehlt der Platz. Die Leute schwatzen und trinken und lachen und drängen aneinander vorbei, derweil immer neue von aussen dazustossen. Blau, weiss und rot, die amerikanischen Farben, bestimmen die Dekoration. In abgedunkelten Räumen laufen auf dem Fernseher die Wahlen, noch schaut keiner hin.

Einen Moment lang wird es versuchsweise ruhig, wenigstens in der Eingangshalle. Azania Noah, eine afroamerikanische Sängerin, trägt das Einzige vor, worin sich die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner einig sind, in Genf, Switzerland und Paris, Texas und Washington, D.C: Sie sing die Nationalhymne. Und zwar mit Inbrunst, aber ohne Talent, ihre Stimme ist der patriotischen Anforderung nicht gewachsen, weshalb man froh ist, dass die amerikanische Hymne weniger lang ist als die amerikanische Verfassung.

Der gut gelaunte Republikaner

20’000 Amerikanerinnen und Amerikaner leben in der Schweiz, manche von ihnen in Genf, der Stadt der UNO und der vielen Nichtregierungsorganisationen und Privatbanken und anderen Unternehmer, wo Amerikaner gehäuft zu finden sind. Einer von ihnen ist Edward Karr, Finanzspezialist und Präsident der Republicans Overseas, Switzerland Chapter. Man kann ihn nicht mit einem Demokraten verwechseln. Er trägt eine rote Baseballmütze mit Trumps Slogan «Make Amerika Great Again», er hat Trump-Ansteckknöpfe und sogar Trump-Socken, die er unaufgefordert vorzeigt. Der Mann ist extrem gut gelaunt.

Wer Karr ob seiner Aufmachung für beschränkt hält, muss nur ein wenig mit ihm reden, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Karr formuliert präzis und wortreich, er argumentiert differenziert und räumt auch Fehler seines Kandidaten ein. «Sein Verhalten gegenüber den Latinos war ein schwerer Fehler, und er hat der republikanischen Partei grossen Schaden zugefügt.» Aber Donald Trump sei nun einmal der Kandidat seiner Partei, und darum unterstütze er ihn auch.

Mit seiner Haltung ist Karr in Genf eindeutig in der Minderheit. Würde er Trump auch dann noch unterstützen, wenn dieser die Wahl heute Nacht verliert? «Nein», sagt Karr, «aber ich bleibe natürlich Republikaner.» Und als solcher halte er es für dringend nötig, dass seine Partei ihre tiefen Risse repariere, Karr spricht von «deep soul searching». Das gälte im Übrigen für das ganze Land.

Die degoutierte Demokratin

Das sieht Ann-Shelton Aaron ähnlich, die Präsidentin von Democrats Abroad. Darum hat sie auch den kittenden Vorschlag eingebracht, die beiden Parteien sollten die Genfer Wahlnacht gemeinsam verbringen. «Was in unserer Heimat passiert, ist dermassen scheusslich», sagt sie, «dass wir hier versuchen müssen, einander näherzukommen.» Hat das denn geklappt, das Nächerkommmen? Sie lacht ein wenig. «Wir reden miteinander, aber nicht über Politik. Es ist keine Diskussion möglich, da die Politik zu einer Glaubensfrage geworden ist.» Viele Amerikaner, die sie kenne, hätten genug von den Wahlen, sie seien degoutiert und erschöpft. Dass Donald Trump mit einem solchen Vokabular, einer solchen Politik und einem solchen Programm dermassen viele Wähler erreicht hat, findet die Demokratin «insane», wahnsinnig. In der Schweiz habe Trump aber deutlich weniger Supporter als in Amerika.

Einen der besten hat er in Edward Karr, der Republikaner mit der roten Baseball-Kappe. «Ich denke wirklich, dass vieles bei ihm reine Rhetorik ist», sagt er, «und dass er anders reden wird, wenn er gewählt wird.» Bei Hillary Clinton wisse man genau, was man bekomme. Nämlich das, was er, Karr, nicht will.