Zum Hauptinhalt springen

Interview mit Levan Akin«Wir hatten Leibwächter am Set»

«And Then We Danced» handelt von schwulen Balletttänzern in Georgien. Regisseur Levan Akin erzählt, wie schwierig die Dreharbeiten waren.

Irakli (Bachi Valishvili, l.) verunsichert Merab (Levan Gelbakhiani, m.).
Irakli (Bachi Valishvili, l.) verunsichert Merab (Levan Gelbakhiani, m.).

Warum wählten Sie den georgischen Tanz, um die Zerrissenheit eines jungen Mannes zwischen Tradition und Moderne zu zeigen?

Tanz ist ein Weg, sich selber auszudrücken. Zudem kenne ich Tänzer mit genau dieser Zerrissenheit. Ein Tänzer wurde beispielsweise aus dem Ensemble geworfen, weil er schwul ist. Und wissen Sie was? Er spielt in meinem Film mit.

Oh, wer?

Das sag ich nicht. Zwar hat Georgien Gesetze, um LGBTQ-Menschen zu schützen. Wirkliche Unterstützung aber fehlt, der georgische Tanz ist machoid. Doch er fasziniert mich, weil er zugleich zärtlich und explosiv ist.

Stimmt es, dass Sie das Georgische Nationalballett um Hilfe für Ihren Film baten, dieses jedoch absagte, weil es um schwule Tänzer geht?

Leider ja. Es war schwierig, Tänzer zu finden. Auch der Choreograf hat uns nur unter der Bedingung geholfen, anonym zu bleiben. Er hatte Angst, andernfalls seinen Job zu verlieren. Wir hatten Leibwächter am Set, weil wir Drohungen erhielten.

In einer Szene heiratet Merabs Bruder, und da wird die Ehe vom Pfarrer als Institution zwischen Mann und Frau gelobt. Ist Ihr Film politisch?

Das Thema Homo-Ehe führt zu Spannungen. Wie könnte ich da nicht politisch sein? Aber ich schleudere das nicht allen ins Gesicht, ich will eher beiläufig für das Thema sensibilisieren.

Wie haben Ihre Eltern auf den Film reagiert?

Oh, sie haben kein Problem damit. Sie leben auch schon seit 50 Jahren in Schweden.

Gab es negative Reaktionen von Verwandten in Georgien?

Nicht direkt. Aber ich weiss, dass einige über den Film nicht glücklich sind. Egal, das kümmert mich nicht. Der Bruder der Hauptfigur etwa basiert auf Leuten aus meiner Familie. Aber nicht falsch verstehen, ich mag diese Figur sehr. Dieser Bruder zeigt, dass manchmal Unterstützung aus unerwarteter Ecke kommt. Ich könnte anfangen zu heulen, so rührend finde ich ihn. Aber ernsthaft: Die Figuren bedeuten mir wirklich viel – das ist mein erster persönlicher Film.

Sie sollen den Hauptdarsteller über Instagram gefunden haben.

Ich suchte junge Tänzer in Georgien und freundete mich mit ihnen auf Instagram an. So hat mir der Algorithmus den zeitgenössischen Tänzer Levan Gelbakhiani vorgeschlagen. Ich fand ihn sofort interessant und wollte ihn treffen. Doch er zögerte wegen des Themas, lehnte fünfmal ab, bis er endlich zusagte. Es ist seine erste Filmrolle und seine Besetzung ein Glücksfall.

Im Unterschied zu vielen Tanzfilmen sieht man bei Ihnen Ganzkörperaufnahmen.

Genau, meine Tänzer sind Tänzer. Die Proben und Drehtage waren hart für sie. Der georgische Tanz verlangt einem körperlich viel ab.

Hat sich Ihre Sicht auf Georgien durch den Film verändert?

Vor dem Film sah ich Georgien durch eine rosarote Brille. Erst nach längerem Aufenthalt dort begann ich auch die Probleme zu sehen. Mit dem Film habe ich Georgien dekonstruiert, nun muss ich das Land wieder rekonstruieren.