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Sommerserie «Grenzen»«Wir freuen uns, wenn das Publikum etwas schlecht erzogen ist»

Daniel Mittag macht mit der Band Knöppel Musik mit Texten hart an der Grenze. Nicht wirklich kindergerecht, aber eigentlich ganz harmlos, findet er.

Singt über Gewalt und Alkohol und das W-Wort: Daniel Mittag (Mitte) mit seiner Band Knöppel.
Singt über Gewalt und Alkohol und das W-Wort: Daniel Mittag (Mitte) mit seiner Band Knöppel.
Foto: zvg

Es ist eigentlich ganz einfach. «Wenn man mit Figg-Liedli Erfolg hat, beherrscht man schon mal ein Metier, und dann bleibt man dabei.» Das sagt Daniel Mittag, der bekannteste Vertreter des Genres in diesem Land. Seine Texte dürften sich für viele Hörer gerade noch hart an der Grenze oder schon klar unter der Gürtellinie bewegen. Hemmungen scheint er keine zu kennen.

Früher machte Daniel Mittag als Jack Stoiker Gitarrengeschrammel. Das sei eher ein Betriebsunfall gewesen, sagt er. Aber seine Lieder kamen beim Publikum gut an. Nun hat er seine eigentliche Bestimmung gefunden. Mit der Band Knöppel macht er rohen Punkrock mit Texten, in denen es um Gewalt, Sexualität, Alkohol, Fluchen, Fussball und den in der Ostschweiz offenbar verbreiteten Hass auf «Semf» geht.

Mittag kommt aus St. Gallen, wohnt seit vielen Jahren in Freiburg und arbeitet in Bern als Informatiker. Solche Themen seien in der Mundartmusik neu gewesen, «das war eine Marktnische». Das erste Knöppel-Album erschien 2016 und hiess «Hey Wichsers». Diese Begrüssungsformel aus dem Umfeld des Bassisten gefiel Mittag sehr. «Dieses Wichser-Ding war der Keim des Knöppel-Universums.» Quasi als Nebenprodukt resultierte dann auch noch eine Reihe Songs zu diesem Thema. Und so wurde zum Markenzeichen des Albums, dass das W-Wort in jedem der 18 Songs vorkommt.

«Patent Ochsner täten sich schwer»

Mit dem zweiten Album öffnete Daniel Mittag im Herbst 2019 ein neues Themenfeld. «Faszination Glied» lautet der Titel. «Es ist das prüdeste Wort für das primäre männliche Geschlechtsteil», sagt er. Im Punkrock sei das ein Widerspruch per se. Als Albumtitel klinge das museal, wie etwa «Faszination Briefmarke», und deshalb habe es gepasst. Und er fügt an: Aus dem Wort «Glied» sei dann auf dem Album noch so einiges gewachsen.

Die Songs heissen also «Vorne isch, wos Glied isch» oder «Figged nöd mit mim Glied», sind aber thematisch breiter gefächert, als es auf den ersten Blick scheint. Und manche Texte sind durchaus ernst. In «Immer voll i d’Eier» geht es um Mobbing auf dem Pausenplatz, in «Senkhode» um ein medizinisches Problem. Und «I tenk bim Wichse a’s Wichse» entpuppt sich als fachkundige Anleitung zur Parkettpflege.

Der Lieblingssong der ganzen Band auf der neuen Platte heisst «Penisniid». Das sei ein Thema, dem er sich schon lange einmal habe widmen wollen. Knöppel könnten eben gut einen Song dazu schreiben – im Gegensatz etwa zu Patent Ochsner. «Das heisst, sie könnten vielleicht schon, aber sie täten sich vermutlich schwer damit.»

«Etwas, was die Leute anspricht»

Knöppel haben Erfolg. Ihre Konzerte sind ausverkauft, das Publikum kennt ihre Texte auswendig. «Wir freuen uns schon, wenn das Publikum etwas schlecht erzogen ist und sich unzivilisiert benimmt», sagt Mittag. Vor drei Jahren wählte das Publikum des «Rock Special» auf SRF 3 ihren Song «Prada» zum besten Schweizer Rocksong aller Zeiten. Richtig ernst nimmt Mittag diese Auszeichnung allerdings nicht: Von Krokus stand nicht «Bedside Radio» zur Auswahl, Züri West waren gar nicht erst dabei.

Knöppel seien aber noch immer ein Fisch in einem sehr kleinen Tümpel – wenn auch ein grosser. «Ich merke schon, dass unsere Musik die Leute anspricht.» Es sind natürlich vor allem Männer, die Knöppel mögen – wobei die Frauenquote im alternativen Musikbereich ohnehin nicht gigantisch sei. «Aber auch Frauen geniessen es, mal den inneren Töffliclub von der Leine zu lassen.»

Mittag sieht sich nicht als Tabubrecher, im Gegenteil. Er, deutlich über 40, sei ziemlich harmoniebedürftig und habe nicht das Verlangen, mit blasphemischen Texten in die Schlagzeilen zu geraten. «Ich lasse den Leuten gerne ihren Frieden.» Der Punkrock sei politisch korrekt, in dieser Sparte seien Statussymbole ein No-go, Machismo wenig verbreitet. Daran halte er sich.

«Könnte etwas besser aufpassen»

Mittag findet seine Texte zwar «rüpelhaft, aber eigentlich total harmlos». Nicht wirklich kindergerecht zwar, aber auch nicht anzüglich. Er achtet darauf, dass er nicht zu explizit und zu präzise wird. Obschon: «Manchmal könnte ich vielleicht noch etwas besser aufpassen.» Seine eigenen Kinder hören seine Musik nicht, deren Freunde allerdings schon. Manchen seiner eigenen Bürokollegen sei das Gefluche in den Songs zu hart. «Aber die waren alle auch mal zwölf.»

Als problematisch sieht er nur das Thema Alkohol. Der Song «Schüga» von der ersten Platte ist eine Hymne an das «Schützengarten»-Bier und wurde in der Ostschweiz Kult. Da, sagt Mittag, müsse man sicher aufpassen, dass der Alkohol nicht allzu sehr glorifiziert werde, zumal es einfach sei, Songs darüber zu schreiben. Im Gegensatz dazu sei Masturbation gesundheitlich nach wie vor unbedenklich. Das Knöppel-Universum kann also weiter wachsen.