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Revolution im Eishockey«Wieso sollten wir Schweizer nicht
die Pioniere sein?»

Salär-Obergrenze nach nordamerikanischem Beispiel, totale Öffnung für Ausländer – fünf wichtige Player sagen, wie das Schweizer Eishockey umgestaltet werden soll.

Bereit für den grossen Wurf: HCD-Präsident und Wirtschaftsanwalt Gaudenz Domenig.
Bereit für den grossen Wurf: HCD-Präsident und Wirtschaftsanwalt Gaudenz Domenig.
Foto: Gian Ehrenzeller/Keystone

Die Corona-Krise hat im Schweizer Eishockey grundsätzliche Diskussionen ausgelöst. Viele Clubs streben eine Salär-Obergrenze pro Team an wie im nordamerikanischen Profisport. Wichtige Exponenten wie SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi fordern eine Aufhebung der Ausländerbeschränkung. Am Mittwoch werden die Themen an der ausserordentlichen Ligaversammlung diskutiert, am 27. August sollen die Beschlüsse gefasst werden. Das sagen wichtige Player:

Gaudenz Domenig, HCD-Präsident und Initiant Financial Fairplay

«Ich befürchte, die Corona-Krise erhöht das Ungleichgewicht im Schweizer Eishockey. Wir haben jetzt schon seit 20 Jahren nur vier Meister: Bern, ZSC, Lugano und Davos. Zudem müssen wir die Liga finanziell stabiler aufstellen. Es wurde viel investiert in Infrastruktur, jetzt müssen wir uns organisatorisch bewegen. Der Grundsatz ist einfach: Es gibt eine obere Limite für die Lohnsumme pro Team. Wer sie überschreitet, bezahlt einen Solidaritätsbeitrag. Wenn etwa die Grenze bei fünf Millionen Franken liegt und man sechs ausgibt, bezahlt man zusätzlich noch eine Million in einen Topf. Der HCD hat einen Vorschlag ausgearbeitet, den wir am Mittwoch präsentieren.

Organisatorisch ist das machbar, jeder Club stellt ja einen Lohnausweis für jeden Spieler aus. Und was zum Salär gehört, hat die Steuerverwaltung klar definiert. Die Idee ist, dass man für jede Partie die Lohnsumme der Spieler berechnet, die im Einsatz sind. Verletzte oder Abwesende zählen nicht. Und für jede Playoff-Runde muss man den Spielraum erhöhen. Eine Mindest-Lohnsumme finde ich nicht sinnvoll. Jeder Club muss ja schon im Lizenzverfahren nachweisen, dass er grundsätzlich in der Lage ist, ein National-League-Team zu finanzieren.

«Aus Schweden haben sich schon Interessenten gemeldet. Es ist denkbar, dass andere nachziehen.»

Gaudenz Domenig

Dass es rechtlich nicht ganz unproblematisch ist, gestehe ich ein. Aber als Ultima Ratio hätten wir noch die Möglichkeit, eine Ausnahmegenehmigung beim Bundesrat zu beantragen. Das Parlament hat ja inzwischen bei den Konditionen für die Darlehen bekräftigt, dass Clubs, die vom Bund unterstützt werden, die Lohnsummen um 20 Prozent senken müssen. Es ist Zeit für etwas Grundlegendes. Und wieso sollten wir Schweizer nicht die Pioniere sein? Aus Schweden haben sich schon Interessenten gemeldet. Es ist durchaus denkbar, dass andere Ligen in Europa nachziehen.»

Georges Müller, Spieleragent und Rechtsanwalt

Selbstverantwortung statt Regulierung: Der Zürcher Spieleragent und Anwalt Georges Müller.
Selbstverantwortung statt Regulierung: Der Zürcher Spieleragent und Anwalt Georges Müller.
Foto: Privatarchiv Georges Müller

«Ich bin generell kein Freund zu starker Regulierungen. Die Einführung eines Salary-Cap light wäre rechtlich heikel. Auch sonst sind zu viele Fragen offen. Wer sein Lohngefüge nicht im Griff hat, sollte andere Wege gehen. Die Selbstverantwortung muss im Vordergrund stehen.

Es gibt etliche Clubs, die einem Viertlinienspieler 300’000 Franken und mehr zahlen. Wann, wenn nicht jetzt, wollen die Clubs verstärkt auf junge Spieler setzen? Stattdessen wird erneut die Lockerung der Ausländerbeschränkung diskutiert. Eine solche Massnahme würde zum Bumerang und uns in der Aus- und Weiterbildung weiter zurückwerfen.

«Wann, wenn nicht jetzt, wollen die Clubs verstärkt auf junge Spieler setzen?»

Georges Müller

In diesem Zusammenhang ist wichtig zu erwähnen, dass die Abgrenzung zwischen Ausländern und ausländischen Spielern mit Schweizer Lizenz bestehen bleiben muss. Das Niveau in unseren Juniorenligen ist stark gesunken. Es sind unter anderen junge Letten, Tschechen, Italiener, Franzosen, Österreicher, die das Level einigermassen konkurrenzfähig halten. Hätten wir diese Spieler nicht, das Niveau wäre so tief, dass sich noch mehr Schweizer sehr früh mit einem Wechsel nach Nordamerika oder Schweden beschäftigen würden.

Nehmen wir als Beispiel den jungen Österreicher Marco Rossi: Sollte dieser den direkten Sprung in die NHL nicht schaffen und in der National League eingesetzt werden, er wäre eine grosse Bereicherung. Benjamin Baumgartner ist dies jetzt schon. Solche Spieler mit Ausländern gleichzustellen: Das wäre fatal für die Junioren und würde die Attraktivität unserer Ligen massiv schwächen.»

Marc Lüthi, Geschäftsführer SC Bern

Fertig Pflästerlipolitik! SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi will eine Revolution im Schweizer Eishockey forcieren.
Fertig Pflästerlipolitik! SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi will eine Revolution im Schweizer Eishockey forcieren.
Foto: Raphael Moser

«Pflästerlipolitik haben wir zur Genüge betrieben. Die National League braucht ein Paket aus Financial Fairplay und einer Lockerung der Ausländerbeschränkung.

Das Financial Fairplay orientiert sich am Vorschlag des HC Davos. Bei den Ausländern gilt: Mehr Angebot hat noch nie zu höheren Preisen geführt. Zudem spielen einige Teams bereits heute mit zehn und mehr Ausländern, wobei die meisten Lizenzschweizer sind. Diesen Status gilt es abzuschaffen. Ich bin für eine komplette Öffnung der Ausländer. Womit auch der verdienstvolle Spieler mit Schweizer Lizenz und italienischem Pass, der bei uns ausgebildet wurde und in der vierten Linie krampft, weiterhin seinen Platz hätte.

«Jene Clubs, die mehr Schweizer einsetzen, sollen mehr Geld aus dem Pott erhalten.»

Marc Lüthi

Vielleicht wird es auf einen Kompromiss hinauslaufen, der eine gewisse Anzahl Schweizer Spieler auf dem Matchblatt vorschreibt. Ein Team mit 20 Ausländern will keiner sehen. Diesbezüglich ist es ein spannender Gedanke, sich bei der Verteilung der Luxussteuer des Financial Fairplay an den eingesetzten Schweizern zu orientieren. Jene Clubs, die mehr Schweizer einsetzen, sollen mehr Geld aus dem Pott erhalten.

Klar ist: Junge Talente mit Wille und Biss werden weiterhin ihre Chance erhalten. Wenn wir über mehr Ausländer diskutieren, müssen wir ebenfalls definieren, wie wir künftig in die Nachwuchsbewegung investieren sollen. Generell gilt: Alles mit offenen Augen anschauen – verbunden mit dem Ziel, auf dem europäischen Markt kompetitiv zu bleiben und gleichzeitig die Kosten zu senken.»

Jonas Hiller, Ex-Torhüter und Präsident der Spielergewerkschaft

Fliegender Wechsel: Jonas Hiller ist vom Goalie zum Präsident der Spielergewerkschaft geworden.
Fliegender Wechsel: Jonas Hiller ist vom Goalie zum Präsident der Spielergewerkschaft geworden.
Foto: Christian Pfander

«Theoretisch hätten wir heute die ganze Lohndiskussion nicht, wenn sich alle General Manager nur das leisten würden, was sie sich leisten könnten. Gleichzeitig habe ich Verständnis für sie. Solange elf von zwölf Teams das Playoff als Ziel haben, stehen sie unter Druck.

Aber das Eishockeybusiness ist ein Arbeitsmarkt wie jeder andere. Am Schluss will jeder so viel Geld wie möglich verdienen, zumal eine Karriere nicht ewig dauert. Dass nun ein Salary-Cap eingeführt werden soll, beschäftigt die Spieler. Die meisten wären dafür, den freien Markt aufrechtzuerhalten. Doch nun wollen wir uns einmal den Vorschlag von Gaudenz Domenig anhören. Dann können wir auf Fakten basiert weiterdiskutieren.

«Wer die ganze Ausbildung hier absolviert hat, soll als Schweizer zählen.»

Jonas Hiller

Die schlechteste aller Massnahmen wäre, die Ausländerbeschränkung komplett aufzuheben. Dadurch könnten die Schweizer keine so gewichtige Rolle mehr einnehmen, was langfristig zu einem Problem für die Nationalmannschaft würde. Als unfair erachte ich zudem die Variante mit der Aufhebung der Lizenzschweizer. Wer die ganze Ausbildung hier absolviert hat, soll als Schweizer zählen. Im Gegensatz zu jenen Spielern, die einfach mal schnell eine Lizenz beantragt haben und dann während Jahren nie mehr hier waren.

Klar ist: Auch die Spieler wollen eine gesunde Liga. Wir haben in den letzten Wochen wegen der Corona-Krise viele Diskussionen geführt. Die Clubs haben uns ihre Situation offen dargelegt. Das schaffte Vertrauen, viele Spieler sind bereit, auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten. Weil man gemeinsam aus dieser Krise finden muss.»

Peter Zahner, CEO der ZSC Lions

Appelliert an die Eigenverantwortung: ZSC-CEO Peter Zahner ist gegen gravierende Einschnitte.
Appelliert an die Eigenverantwortung: ZSC-CEO Peter Zahner ist gegen gravierende Einschnitte.
Foto: Doris Fanconi

«Der Begriff Financial Fairplay suggeriert, dass bisher kein Fairplay herrschte. Das finde ich schon einmal heikel. Und der Vergleich mit Nordamerika, wo das Modell des Salary-Cap herkommt, ist schlicht nicht haltbar. Dort haben die Profisportarten ein geschlossenes System mit eigenen Regeln kreiert, um den Wettbewerb spannend zu halten. Wir brauchen das nicht, denn viel ausgeglichener als zuletzt kann unsere Liga gar nicht sein. Die Punktabstände waren so gering wie noch nie. Unsere Liga ist attraktiv, der Zuschauerschnitt der höchste in Europa.

«Kein Club wird gezwungen, zu hohe Löhne zu bezahlen. Man kann auch Nein sagen.»

Peter Zahner

Solch gravierende Einschnitte in der Unternehmensführung der Clubs wie das diskutierte Financial Fairplay sind meiner Meinung nach der völlig falsche Ansatz. Kein Club wird gezwungen, zu hohe Löhne zu bezahlen. Man kann auch Nein sagen. Jeder ist selber für seine Finanzen verantwortlich. Hier muss einfach Vernunft einkehren. Zudem finde ich nicht, dass das Schweizer Eishockey für die anderen Ligen den Pilotversuch machen soll, ob ein Salary-Cap in Europa funktioniert.

Auch in der praktischen Umsetzung habe ich grosse Bedenken. Du kannst die Clubs und die Spieler nicht zwingen, den Lohn offenzulegen. Und um die Lohnsumme laufend zu kontrollieren, müsste ich einen zusätzlichen Buchhalter anstellen. Man würde ein Administrativmonster schaffen.»