Wie viel Schutz für ältere Beschäftigte?

Auch bei der fünften Konferenz zum Thema finden die Sozialpartner keinen gemeinsamen Nenner.

Ein älterer Arbeiter in einer Metallbaufirma: Wer mit über 50 die Stelle verliert, hat mehr Mühe, einen neuen Job zu finden, als Jüngere. Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

Ein älterer Arbeiter in einer Metallbaufirma: Wer mit über 50 die Stelle verliert, hat mehr Mühe, einen neuen Job zu finden, als Jüngere. Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

Robert Mayer@tagesanzeiger

«Zielführend», «offen», «konstruktiv», «excellente» – die Teilnehmenden an der fünften Nationalen Konferenz zum Thema ältere Arbeitnehmende sind sich vor den Medien immerhin darin einig gewesen, dass das gestrige Treffen in Bern in guter Atmosphäre stattgefunden hat. Ja, es soll – unter erstmaliger Leitung von Bundesrat Guy Parmelin – entspannter zu- und hergegangen sein als bei vorausgegangenen Zusammenkünften, wie zwei Teilnehmer am Rande des Pressetermins sagten.

An Ergebnissen und Substanz blieb der jüngste Austausch zwischen Bund, Kantonen, Arbeitgebern, Gewerbeverband und Gewerkschaften aber erneut arm. Vor allem zur Enttäuschung der Arbeitnehmervertreter: Ihr Verlangen nach einem Kündigungsschutz für langjährige Mitarbeitende über 50 Jahre «hat leider wenig Anklang gefunden», sagte Vania Alleva, Vizepräsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Zwei andere Forderungen von Arbeitnehmerseite sollen jedoch weiterverfolgt werden: Einmal das Recht von Beschäftigten auf eine berufliche Standortbestimmung ab einem Alter von 45 und mehr – mit anschliessenden Weiterbildungsmassnahmen. Zum andern eine bessere soziale Absicherung von arbeitslosen älteren Menschen, um deren Abstieg in die Sozialhilfe zu verhindern. Adrian Wüthrich, Präsident des Arbeitnehmerdachverbandes Travailsuisse, macht sich deshalb stark für eine «Brückenrente» zugunsten ausgesteuerter Personen, die älter als 60 sind.

Arbeitsgruppe solls richten

Was aus den beiden gewerkschaftlichen Anliegen wird, darüber soll jetzt zuerst eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Nationalen Konferenz befinden. Sie hat sich darüber hinaus noch mit einem dritten Thema zu beschäftigen: Wie können ältere Arbeitslose von den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) besser unterstützt werden? «Da gibt es Optimierungspotenzial», betonte der Basler SP-Regierungsrat Christoph Brutschin. Leif Agnéus als Vertreter des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes räumte ein, dass «die Kapazitäten der RAV zu knapp sind».

Grafik: Situation älterer Beschäftigter auf dem Arbeitsmarkt

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe werden in die nächste, sechste Nationale Konferenz einfliessen; sie wird wohl erst gegen Ende 2020 stattfinden.

Der Grundkonflikt zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften mit Blick auf die Situation älterer Beschäftigter dürfte in dieser Zeit wohl kaum ausgeräumt werden. Aus Sicht der Patrons stellt die Arbeitslosigkeit von über 55-Jährigen hierzulande gar kein besonderes Problem dar. In der Tat ist der Anteil von Leuten mit einer Erwerbsarbeit in dieser Altersgruppe in den letzten 20 Jahren von 65 auf 73 Prozent gestiegen, wie Daten des Staatssekretariats für Wirtschaft zeigen. Unter den hoch entwickelten Ländern zählt die Schweizdamit zur Spitzengruppe bezüglich Erwerbsbeteiligung älterer Personen.

Drohende Altersarmut

Auch ist ihr Risiko, arbeitslos zu werden, bedeutend geringer als das jüngerer Beschäftigter. Es gibt aber eine Kehrseite: Verlieren 50-Jährige und ältere Beschäftigte ihre Stelle, so dauert es merklich länger als bei Jüngeren, bis sie zu einer Neueinstellung kommen. Ihre mittlere Suchdauer beträgt neun Monate – verglichen mit rund drei Monaten bei 15- bis 24-Jährigen –, und nicht wenige schaffen den Wiedereinstieg nicht mehr.

Zwischen 2016 und 2018 ist denn der Anteil der über 55-Jährigen an den Langzeitarbeitslosen – die länger als ein Jahr auf Stellensuche sind – deutlich von knapp 29 auf 34,5 Prozent geklettert. Dass die Gewerkschaften hier den Finger drauflegen, ist verständlich: Sind doch die betroffenen Leute trotz eines langen Erwerbslebens akut von Altersarmut bedroht.

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