Wie viel Kontrolle soll bei der Zeiterfassung noch sein?

Stets erreichbar zu sein, ist heute üblich. Das verändert die Arbeit. Die Swisscom sieht in flexiblen Arbeitsmodellen viele Vorteile. Die Gewerkschaften dagegen warnen, entgrenzte Arbeit mache krank.

Immer online und total flexibel: Neue Medien ermöglichen das Arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit, egal wo man sich befindet.

Immer online und total flexibel: Neue Medien ermöglichen das Arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit, egal wo man sich befindet.

(Bild: Fotolia)

Christoph Aebischer@cab1ane

«On oder off? Beides hat seine Zeit und seine Berechtigung. Und als moderne Arbeitgeber schreiben wir dir sicher nicht vor, wann du offline oder online bist.» So beginnt ein Eintrag im Swisscom-Intranet. Flexible Arbeitsmodelle seien heute im Wettstreit um Talente wichtig, sagt Mediensprecher Sepp Huber.

Die Kehrseite davon kennt die Firma auch. Vor bald zwei Jahren erschütterte die Firma und die Öffentlichkeit der Suizid ihres CEO Carsten Schloter. Kurze Zeit davor gab er in einem Interview zu, er könne kaum noch abschalten. Andere Gründe mögen ebenfalls eine Rolle gespielt haben, doch in der digitalen Welt, wo das Smartphone sämtliche Informationen stets griffbereit hält, verfliessen Arbeit und Freizeit zunehmend.

Bei der Swisscom ist man froh, wenn diese Realität nun bald auch im Arbeitsgesetz ihren Niederschlag findet. Läuft alles rund, soll bereits ab diesem November ein Teil der Angestellten die Arbeitszeit nicht mehr oder bloss noch summarisch erfassen müssen. Die Vernehmlassung zur geplanten Anpassung geht am Montag zu Ende (siehe Box). Die Chancen überwiegen nach Einschätzung der Swisscom.

Via Intranet versucht sie ihre 19'000Angestellten in der Schweiz für die Risiken zu sensibilisieren: «Du kannst deine Erreichbarkeit steuern. Und genau das erwartet Swisscom auch von dir: einen eigenverantwortlichen Umgang mit den Kommunikationsmitteln und deiner Erreichbarkeit.»

Gestresste Angestellte

Eine Umfrage der Gewerkschaft Syndicom bei Swisscom, UPC Cablecom, Sunrise und Salt versuchte herauszufinden, ob dies den Mitarbeitenden auch gelingt. Die Resultate der Studie «Entgrenzung der Arbeit», die im Februar publiziert worden sind, klingen nicht besonders ermutigend: 70 Prozent der 3500 Personen, die mitgemacht haben, fühlen sich überdurchschnittlich gestresst, fast die Hälfte beantwortet auch ausserhalb der Arbeitszeit E-Mails, SMS oder Anrufe. Über 60 Prozent gehen davon aus, dass dies der Arbeitgeber schätzt. Ebenfalls fast die Hälfte hat Mühe, in der Freizeit abzuschalten.

Angesichts dieser Resultate ist es für die Gewerkschaft ein Hohn, wenn Arbeitgeber bloss an die Eigenverantwortung appellieren. Sie schreibt von schädlicher «Arbeitshetze»: Die Vertrauensarbeitszeit könne zu Selbstausbeutung führen, und diese mache auf die Dauer krank.

Wichtige Rolle der Chefs

Swisscom-Sprecher Huber stellt diesem Befund die Ergebnisse der im Abstand von jeweils zwei Jahren durchgeführten Mitarbeiterbefragung entgegen: Die Zufriedenheit sei darin sogar noch gestiegen. Er vermutet, dass gerade auch flexible Arbeitsmodelle wie Homeoffice dazu beitragen. Es sei darum auch die Frage nach dem Absender der Studie zu stellen. Mit einem Appell an die Selbstdisziplin sei das Thema aber nicht erledigt, räumt Huber ein. «Wichtig ist, wie die Chefs mit der Thematik umgehen und wie sie selber auch Vorbild sind.»

Giorgio Pardini von Syndicom erzählte kürzlich, CEO Urs Schaeppi sei sonntags nicht erreichbar. So sei es nun nicht gerade, präzisiert Huber: «Er hat frei und wird nur in Notfällen kontaktiert. Urs Schaeppi achtet auch darauf, dass er nicht unnötig Hektik erzeugt, indem er am Wochenende oder nach Arbeitsschluss E-Mails mit breiten Verteilerlisten versendet.»

In einem internen Leitfaden hält die Swisscom ihre Vorstellungen für mobiles Arbeiten fest: Mitarbeitende sollen in den Ferien nicht erreichbar sein, in den Abwesenheitsassistenten gehören die Koordinaten der Stellvertretung und nicht die eigene Handynummer. Auch in der Freizeit besteht keine Verpflichtung zur Erreichbarkeit. In Notfällen, die eine Antwort des Mitarbeitenden erfordern, wird via SMS kommuniziert.

Einsicht fehlt zuweilen

Syndicom-Sprecher Bruno Schmucki hat den Eindruck, dass Swisscom die Risiken des flexiblen Arbeitens ernst nimmt. Entscheidend sei die Arbeitskultur: «Diese Debatte müssen wir jetzt führen.» Schon die Hälfte aller Arbeitnehmer arbeitet heute gemäss Statistiken mit flexiblen Modellen.

Was das für die Gesundheit bedeutet, ist jedoch nicht eindeutig geklärt. Oft wird das häufigere Auftreten des Burn-out-Syndroms damit in Zusammenhang gebracht. «Arbeitnehmer sind heute zunehmend selber dafür verantwortlich, dass sie sich am Arbeitsplatz nicht verbrennen», sagt Schmucki.

Diese Einsicht ist keineswegs überall vorhanden. Bei der Swisscom existiert eine Abteilung, die immun ist für Sensibilisierung, wie Syndicom erfahren musste. Laut Schmucki betrifft dies IT-Fachleute in der Projektentwicklung: «Je digitaler das Umfeld, desto anfälliger» seien die Mitarbeiter für die stete Erreichbarkeit, dies gelte in besonderem Masse in der «Computerfreak-Kultur». Die Arbeitgeber seien trotzdem nicht aus der Verantwortung entlassen. Ihre Vorstellungen dazu skizzieren die Gewerkschaften in ihrer Vernehmlassungsantwort.

Berner Zeitung

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