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Epidemien und KlimaveränderungWie Rom damals wirklich unterging

Die Pest und die «Spätantike Kleine Eiszeit» hätten einer ganzen Zivilisation das Ende gebracht, schreibt der Historiker Kyle Harper. Die Parallelen zu unserer Zeit sind frappant.

50’000 Zuschauer konnte das Kolosseum in Rom, das grösste Amphitheater der antiken Welt, fassen. Nach den Verheerungen der Seuche hätte die Bevölkerung kaum eine Kurve gefüllt. Heute, beziehungsweise ausserhalb der Corona-Zeit, besuchen schätzungsweise 15 Millionen Touristen die «ewige Stadt»
50’000 Zuschauer konnte das Kolosseum in Rom, das grösste Amphitheater der antiken Welt, fassen. Nach den Verheerungen der Seuche hätte die Bevölkerung kaum eine Kurve gefüllt. Heute, beziehungsweise ausserhalb der Corona-Zeit, besuchen schätzungsweise 15 Millionen Touristen die «ewige Stadt»
Getty Images

Das Coronavirus hat den Klimawandel von Platz eins in der Rangliste der Bedrohungen verdrängt, aber sicher nicht für immer. Das Buch eines amerikanischen Althistorikers verknüpft jetzt beide Themen auf eine fast unheimliche Weise. Das Römische Reich, schreibt Kyle Harper, Professor an der Universität von Oklahoma, ist untergegangen, weil klimatische Verschlechterungen mit verheerenden Pandemien zusammenwirkten. Auch wenn das Original des Werks bereits 2017 erschienen ist, liest man die jetzt unter dem Dan-Brown-haften Titel «Fatum» erschienene deutsche Ausgabe nicht, ohne unwillkürlich Analogien zur Aktualität zu ziehen.

Um 400 n. Chr. lebten in Rom rund 700’000 Menschen. Zehn Jahre später eroberten Alarichs Goten die Stadt, die über Jahrhunderte glänzender Mittelpunkt eines Weltreichs war und deren Ruinen uns noch heute beeindrucken. Zur Zeit Gregors des Grossen dann waren es noch höchstens 20’000, «sie hätten kaum eine Kurve im Kolosseum gefüllt», wie Harper schreibt. Wieso ein Imperium, das einen Grossteil der bekannten Welt nicht nur beherrschte, sondern auch auf eine bis dahin unbekannte Stufe der Zivilisation gehoben hatte, zusammenbrach und dem «finsteren Mittelalter» Platz machte, hat Historiker von jeher beschäftigt und eine Vielzahl von Erklärungen produziert. Überdehnung und Überlastung, Bürgerkriege, Germaneneinfälle sind die geläufigsten; auch der Aufstieg des Christentums. Moralisten sprachen gern von «spätrömischer Dekadenz».

Harper fügt zwei Ursachen hinzu, denen seine geisteswissenschaftlichen Kollegen bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben: Veränderung des Klimas und verheerende Epidemien. Beides sind «natürliche» Faktoren, und es sind neuere Forschungsergebnisse naturwissenschaftlicher Disziplinen, von denen Harpers komplexerer Ansatz profitiert.

Der Pestbazillus kam aus dem chinesischen Hochland

Die Untersuchungen von Baumringen oder Eisbohrkernen geben Aufschluss über die «Spätantike Kleine Eiszeit», Knochenvermessungen über den Gesundheitszustand des durchschnittlichen Römers. Und die Genforschung hat den Verursacher der «Justinianischen Pest» identifiziert, die ab 541 n. Chr. nahezu die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft hat. Es ist Yersinia pestis – jener Erreger, der Mitte des 14. Jahrhunderts als «Schwarzer Tod» noch einmal und genauso vernichtend zuschlug (benannt nach einem Schweizer, nach Alexandre Yersin, der ihn 1894 isolierte).

So harmlos das Tierchen aussieht: Als Träger des Pestflohs brachte die Ratte dem Römischen Reich Tod und Verderben.
So harmlos das Tierchen aussieht: Als Träger des Pestflohs brachte die Ratte dem Römischen Reich Tod und Verderben.
Foto: Oleg Kozlov

Der Pestbazillus stammt aus dem westchinesischen Hochland, ist von wild lebenden Nagetieren auf die Ratte als Zwischenwirt übergesprungen und über den Rattenfloh auf den Menschen, mit anschliessender fataler Mensch-zu-Mensch-Infektion und Todesraten von 80 bis 100 Prozent. Kyle Harper weist schlüssig nach, dass gerade das zivilisatorische Niveau des Römischen Reichs die Verbreitung begünstigte: Das Imperium war durch intensiven Handel verbunden, vor allem Getreide wurde über das Mittelmeer transportiert, und auf den Schiffen fuhren Ratten als blinde Passagiere mit. Die Bevölkerung lebte vielfach in Städten dicht aufeinander, unter verheerenden hygienischen Bedingungen.

Schon unter normalen Umständen waren die häufigsten Todesursachen in Rom ordinäre Infektionskrankheiten; Fieber, Durchfälle, Malaria. Sie blieben aber lokal oder regional begrenzt. «Die Ökologie des Imperiums hatte eine Infrastruktur aufgebaut, die auf eine Pandemie nur gewartet hatte», schreibt Harper. Eine solche suchte das Römische Reich bereits um 160 n. Chr. heim, die «Antoninische Pest» (Harper glaubt, es waren die Pocken) mit Millionen Toten, dann noch einmal um 250 n. Chr. die «Cyprianische Pest» (für Harper: Filoviren, zu denen auch Ebola gehört; beides muss aber Spekulation bleiben).

«Die Hunnen waren bewaffnete Klimaflüchtlinge zu Pferde.»

Beide Pandemien erschütterten das Reich, brachten es aber nicht zu Fall, seine «Resilienz» (Harper) war immer noch beträchtlich. Nach Krisen, Reformen und kurzem Aufschwung im 4. Jahrhundert war der Westteil 476 endgültig am Ende, aber Ostrom erlebte noch einmal eine späte Blüte. Bis eben die Pest kam und allein in der Hauptstadt Konstantinopel 300’000 von 500’000 Einwohnern tötete. Die Landwirtschaft lag darnieder, die Grenzen konnten nicht mehr verteidigt werden, apokalyptische Stimmung machte sich breit. Man sah das Ende der Welt gekommen.

Gravierende klimatische Veränderungen kamen dazu. Aufstieg und Glanz des römischen Imperiums seien günstigen Bedingungen zu verdanken gewesen, schreibt Harper: dem «römischen Klimaoptimum», einer warmen, feuchten Phase, die um 200 n. Chr. zu Ende ging und nach einer Übergangszeit mit vielen Turbulenzen ab 450 in die «Spätantike Kleine Eiszeit» mündete. Die Sonneneinstrahlung nahm deutlich ab, hinzu kam eine Reihe verheerender Vulkanausbrüche, die 536 zu einem «Jahr ohne Sommer» führten. Danach blieb es kühl.

Auch der letzte Faktor, den Harper anführt, ist klimatisch bedingt: Aufgrund einer schweren Dürre in Zentralasien drängten die Hunnen nach Westen und übten Druck auf die dort lebenden Völker aus, die in das römische Imperium einbrachen, etwa Goten und Vandalen. «Die Hunnen waren bewaffnete Klimaflüchtlinge zu Pferde», schreibt Harper, der seine Darstellung mit zahlreichen Grafiken und Tabellen untermauert (Anhang, Anmerkungen und Bibliografie umfassen 130 Seiten), aber auch gern zu reportagehaften Mitteln und knalligen Formulierungen greift, um das komplexe Geschehen anschaulich zu machen.

Die Klimaveränderungen, die das Leben ab dem 6. Jahrhundert drastisch erschwerten und mitverantwortlich waren für den zivilisatorischen Rückfall des frühen Mittelalters, waren nicht menschengemacht, anders als die globale Erwärmung in unseren Tagen. Umso bedenklicher sind die Folgen. Die Analogie zwischen der antiken «Globalisierung» und der unsrigen – mit weltweiter Arbeitsteilung, Reise- und Transportaktivitäten, als Voraussetzung für tödliche Pandemien: Die ist allerdings frappierend.

Kyle Harper: Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches. Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube. C. H. Beck, München 2020. 568 S., ca. 45 Fr.