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Interview über Hobby-Schatzsucher Wie «Indiana Jones»: Auf der Suche nach Gold riskieren sie ihr Leben

In Griechenland buddeln sie nach verschwundenen Reichtümern – und sterben auch mal dabei: Historiker Hagen Fleischer über Goldgräber, Raubschätze und Geheimdienstoperationen.

Vorbild Indiana Jones: In Griechenland hoffen zahlreiche Amateur-Schatzsucher auf den grossen Fund.
Vorbild Indiana Jones: In Griechenland hoffen zahlreiche Amateur-Schatzsucher auf den grossen Fund.
Foto: PD

Mai 2020, Loutraki, Griechenland. Vier Menschen sterben in einer Grotte durch die Abgase eines Generators. «Sie waren auf der Suche nach Goldmünzen», sagt der Bürgermeister der Region griechischen Medien. Juli 2020, ein Wald im Norden Athens. Drei Menschen sterben in einem Brunnen, wieder durch Abgase. «Sie suchten wohl nach einem Schatz», sagt der örtliche Bürgermeister.

Seit Jahrzehnten stacheln Gerüchte über verlorene Schätze in Griechenland Schatzsucher an, die – oft illegal und gefährlich unprofessionell – nach Gold und Geld buddeln. Der Historiker Hagen Fleischer, 76, ist ein Experte für griechische Geschichte, er meint: An den Schatzgeschichten ist mehr dran, als viele denken.

Herr Fleischer, wenn man in Griechenland einen alten vergrabenen Schatz finden will, hätten nicht Sie als Historiker die besten Chancen?

Hagen Fleischer: Ich muss Sie enttäuschen, ich habe bislang keinen gefunden, obwohl wir hier mitten im Nirgendwo ein Haus gebaut haben, 35 Kilometer ausserhalb von Athen. An die 80 Bäume habe ich hier gepflanzt und beim Graben hatte ich stets gehofft, zumindest mal eine kleine antike Scherbe zu finden – leider vergeblich. Die alten Hellenen hatten hier wohl bestenfalls einen Schafstall.

In Griechenland kursieren einige Geschichten über verlorene Reichtümer, denen Hobby-Schatzgräber hinterherjagen. Was ist dran an diesen Überlieferungen?

Meist steckt in ihnen schon ein wahrer Kern. Aber dann werden die Geschichten unter dem Mantel der Verschwiegenheit von einem Freund zum anderen, von einer Generation zur nächsten weitergegeben, jeweils Gerüchte eingewoben, und irgendwann verpufft dabei die historische Basis.

Auf welchen Quellen basieren die Geschichten denn?

Auf mündlicher Überlieferung und zum Teil auf historischen Fakten. Es wird berichtet, dass in der wechselvollen Geschichte des Landes bereits im Altertum etwa der Hofschatz des berühmten Königs Pyrrhus verschwunden ist. Er soll im Auftrag des Herrschers selbst vergraben worden sein. Nach dem Gold haben viele Schatzgräber gesucht.

«Es ist verblüffend, wie lange antike Relikte oft «überlebten»: selbst hölzerne, im Meer sogar ganze Schiffe.»

Und?

Es wurde nie gefunden. Auch in der byzantinischen und osmanischen Zeit haben die jeweils Besitzenden ihre ersparten oder geraubten Schätze für künftigen Gebrauch vergraben, etwa Ali Pascha von Ioannina seine «14 Wagenladungen», aber auch Piraten wie der in der Türkei bis heute als Nationalheld gefeierte griechischstämmige Korsar Barbarossa – nicht zu verwechseln mit unserem Barbarossa. Entweder sind diese Leute dann frühzeitig gestorben oder die Koordinaten der Verstecke waren ungenau oder sind verloren gegangen.

Warum wurden diese Schätze überhaupt vergraben?

Zur Vorsorge. Es waren ja unsichere Zeiten damals, Herrscher liefen auch Gefahr, gestürzt zu werden. Da war es besser, man hatte seine Schäfchen im Trockenen.

In welchem Zustand wären die Schätze heute, wenn man sie fände?

Gold, Edelsteine und Elfenbein verrotten ja nicht. Und überhaupt ist es verblüffend, wie lange antike Relikte oft «überlebten»: selbst hölzerne, im Meer sogar ganze Schiffe. Oder der bronzene «Mechanismus von Antikythera», ein sensationeller Computer-Vorläufer, der zwei Jahrtausende auf dem Meeresgrund schlummerte. In Amphoren aus der minoischen Periode Kretas fand man sogar Getreidekörner, die noch keimten, nachdem sie ausgesät wurden.

Einige Schätze sollen in Griechenland angeblich auch in der Weltkriegszeit verloren gegangen sein. 1941 hatten Wehrmacht und SS das Land eingenommen.

Ja, und hier wird es deutlich konkreter. Details habe ich in den britischen Akten gefunden. Die Special Operations Executive (SOE), eine nachrichtendienstliche Spezialeinheit während des Zweiten Weltkriegs, gegründet, um den deutschen Besatzern das Leben zur Hölle zu machen, hat zwischen 1942 und 1944 an die griechischen Widerstandsorganisationen 2,24 Millionen Goldpfund verteilt. Per Fallschirm wurden die Goldmünzen über den Gebieten der rivalisierenden Partisanengruppen abgeworfen. Oft gab es einen Wettbewerb, wer schneller rennen konnte zum vermuteten Abwurfort: die Partisanen und ihre britischen Verbindungsoffiziere – oder die deutschen Besatzer, die den Feindflug geortet hatten.

Klingt fast wie ein «Indiana Jones»-Film.

Eine ganze Menge Geld ist dabei natürlich auch versickert. Und dann gibt es da noch die unrühmliche Rolle, die Landsleute von uns spielten: Die Nazis haben damals nämlich einen Teil ihres Raubgoldes, zumeist jüdischer Provenienz, an «Vertrauensleute» verteilt oder für eigene Zwecke auf die Seite geschafft. Auch nach diesen Schätzen wird heute noch gesucht.

Bitte erzählen Sie.

Ein bekannter Fall ist der Kriegsverwaltungsrat Max Merten, immerhin Rechtsanwalt in Westberlin nach dem Krieg, dessen Prozessakten ich eingesehen habe. Er war im Krieg administrativ an der Deportation der Juden aus Nordgriechenland beteiligt, und es gab auch substanzielle Vermutungen, dass er bei der Verteilung der eingesackten Goldmengen mitmischte.

Gold, das den Juden abgeknöpft worden war.

Richtig. Merten und andere Nazi-Organisationen hatten den Juden Freistellung von der Deportation in Aussicht gestellt gegen Zahlung eines hohen goldenen Lösegelds. Deswegen haben die grossen jüdischen Gemeinden in Saloniki und Athen immense Summen aufgebracht. Die meisten Juden wurden wenige Monate später dennoch nach Auschwitz deportiert. Und Teile des trügerischen «Lösegelds» verschwanden.

Was geschah mit Merten nach dem Krieg?

Er wurde im April 1957 bei einem Griechenlandbesuch verhaftet, womit er aufgrund seiner Beziehungen zu ehemaligen Kollaborateuren nicht gerechnet hatte, obwohl er doch recht viel Dreck am Stecken hatte. Wahrscheinlich war er eingereist, um sein Raubgut einzukassieren. Er war dann zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Ein griechischer Zellengenosse hat danach berichtet, dass Merten Beteiligungen versprochen habe, wenn er helfe, dessen Schatz zu heben. Weil Merten sehr früh verstarb, konnte aber nichts davon verifiziert werden. Natürlich ist bei solchen Geschichten immer viel Hörensagen dabei, auch Angeberei.

Und der Goldschatz?

Zur Jahrtausendwende wurde deswegen noch eine gigantische amphibische Suchoperation vor der Peloponnes-Küste organisiert. Die jüdische Gemeinde Griechenlands hat sogar den noch zu findenden – und bislang weiterhin nicht gefundenen – Schatz im Voraus versichert!

Bei den meisten Suchaktionen handelt es sich aber leider nicht um offiziell geplante, archäologische Operationen, sondern um private, oft illegale Schatzjagden.

Das ist durchaus problematisch. Allein schon durch die unsystematische Buddelei gibt es einen immensen Schaden für die wissenschaftliche Archäologie, weil die geschichtlichen Zusammenhänge und deren Einordnung oft unwiederbringlich verloren gehen. Und wenn diese Amateure etwas finden, ist das in den meisten Fällen ja Raubgut. Das müssten sie also abliefern, auch wenn es da von Land zu Land Unterschiede gibt.

«Es gibt zahlreiche Foren und Shops für ‹Gold Hunters›.»

Und es ist gefährlich: Kürzlich erst sind wieder Schatzsucher verunglückt. Ist der Schatzkult in Griechenland besonders ausgeprägt?

Der Schatzkult ist ein uraltes und kein typisch griechisches Phänomen. Ich erinnere an den Verkaufsboom von Metalldetektoren und die verstärkte Buddelwut ansonsten braver Bundesbürger nach dem Fund der Nebra-Himmelsscheibe aus der Bronzezeit ...

... eine goldverzierte Bronzeplatte, die Raubgräber 1999 auf dem Mittelberg nahe der Stadt Nebra in Sachsen-Anhalt fanden und die als die älteste bekannte Darstellung des Himmels gilt.

Unter Hinweis darauf brachte vor einigen Monaten eine grosse deutsche Illustrierte einen Aufmacher: «Die elf besten Metalldetektoren im Vergleich – für professionelle Schatzsucher und interessierte Einsteiger». Es gibt zahlreiche Foren und Shops für «Gold Hunters».

Schätze haben die Menschen schon immer fasziniert.

Und Goldgier ist allen Völkern gemeinsam, das beweist eine köstlich makabre Episode: Auf einen Bericht im Bonner General-Anzeiger 1953, in Griechenland werde nach einem Schatz gesucht, den marodierende Wehrmachtsoffiziere vor ihrem Abzug für bessere Zeiten vergraben hätten, intervenierte unverzüglich das Bundesfinanzministerium – das Dokument liegt mir vor – beim Auswärtigen Amt, es solle durch die Botschaft oder anderweitig eruieren lassen, «ob es sich bei den vergrabenen Goldmünzen um deutsches Reichsvermögen handelt und in welcher Weise dieses nachgewiesen werden kann». Dabei konnte sich das ja nur um Raubgut handeln.

Haben Schatzsucher bei Ihnen eigentlich schon mal Rat eingeholt?

Bislang noch nicht. Ich würde natürlich Provision verlangen (lacht).

Wo würden Sie denn anfangen zu suchen?

Erst mal nach eventuell noch lebenden Zeitzeugen. Es gab ja bei Merten und ähnlichen Gestalten stets auch Mitwisser und Helfer. Den Spaten selber anzusetzen, das ist mir zu ungenau – und meine Muskelkraft und Ausdauer sind mittlerweile doch im Schwinden.