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Das Singen und die SeucheWie gefährlich sind Chöre?

Gemeinsames Singen könnte hochansteckend sein: In einem Chor erkrankten 102 der 130 Mitglieder an Covid-19 – vier Menschen starben. Schweizer Laiensänger und Profis sind besorgt.

In der Berliner Domkantorei haben sich sechzig von achtzig Sängerinnen und Sängern mit dem Coronavirus angesteckt.
In der Berliner Domkantorei haben sich sechzig von achtzig Sängerinnen und Sängern mit dem Coronavirus angesteckt.
Foto: Boris Streubel

Es sind schlimme Geschichten, die derzeit die Runde machen in der Schweizer Chorszene. Sie handeln zum Beispiel von jenem Amsterdamer Laienchor, in dem nach einer Aufführung von Bachs «Johannes-Passion» im März 102 der 130 Mitglieder an Covid-19 erkrankten; ein Sänger und drei Partner von Chormitgliedern starben. Ähnliches passierte in der Berliner Domkantorei, in der 60 von 80 Sängern erkrankten. Auch im französischen Hombourg-Haut, im bayrischen Hohenberg oder im luzernischen Buttisholz steckten sich Chorsänger an.

Wie gefährlich also ist gemeinsames Singen? Diese Frage stellen sich derzeit auch Wissenschaftler. Sie interessieren sich dabei vor allem für Aerosoledas sind jene Kleinstpartikel, die im Unterschied zu den Tröpfchen nicht nach kurzer Distanz zu Boden fallen, sondern als «Atemnebel» in der Luft bleiben. Noch ist nicht restlos geklärt, welche Rolle sie spielen bei der Übertragung des Virus. Aber es könnte eine entscheidende sein: Amerikanische Forscher haben in Laborversuchen nachgewiesen, dass virenhaltige Aerosole bis zu drei Stunden infektiös bleiben.

Trifft das zu, wären Chorproben in geschlossenen Räumen selbst dann heikel, wenn die Abstandsregeln eingehalten werden. Vielleicht sogar deutlich heikler als andere Gruppenaktivitäten: Denn manche Experten vermuten, dass das tiefe Einatmen beim Singen die Ansteckung erleichtern könnte.

Proben vor stummen Mikrofonen

Andreas Reize, der den Zürcher Bach-Chor und den Knabenchor der Solothurner Kathedrale leitet, überlegt sich deshalb schon mal, ob man nicht auch draussen proben könnte: «Zumindest in Solothurn hätten wir einen geeigneten Platz dafür, das wäre also durchaus eine Option.»

Flexibilität heisst das Zauberwort, man hat sich schon daran gewöhnt in den letzten Wochen. Viele Chöre haben trotz Lockdown weiter geprobt und dabei die digitalen Möglichkeiten ausgelotet. Noch sind diese begrenzt, «aber bis zur nächsten Krise wird sich das bestimmt ändern,» sagt Andreas Reize in einem Anflug von Galgenhumor. Bei ihm und vielen anderen sehen die Chorproben im Moment so aus: Der Chorleiter spielt die Begleitung, die Sänger singen zu Hausemit stummgestellten Mikrofonen, weil die Technik gemeinsames Singen nicht erlaubt.

Eine einsame Sache. Und damit das Gegenteil jenes Gemeinschaftserlebnisses, das für viele Chorsänger so wichtig ist; nicht nur musikalisch, sondern auch sozial. Zwar wird bei diesen Zoom-Proben auch erzählt, gefragt, diskutiert. Aber den Solothurner Buben fehlt der Töggelikasten im Probelokal. Und den erwachsenen Chorsängern das gemeinsame Bier danach.

Vorsicht ist besser als Reue

Auch damit beschäftigen sich die Wissenschaftler: Denn noch ist nicht geklärt, ob die Massenansteckungen in den Chören tatsächlich auf das Singen zurückzuführen sind – oder eher auf allzu herzliche Begrüssungen. Selbst der Fall des Skagit Valley Chorale aus der Gegend von Washington gibt keinen Aufschluss. 53 von 60 Sängern sind dort erkrankt, trotz Desinfektionsmittel und dem bewussten Verzicht auf «hugs and kisses». Den Beweis, dass tatsächlich das Singen problematisch ist, können sie dennoch nicht liefern; denn sie haben in der Pause Guetzli geteilt.

Aber ob es nun die Guetzli waren oder doch der Gesang, die befragten Schweizer Chorleiter sind sich einig: Vorsicht ist besser als Reue. Annedore Neufeld, die die Basler Münsterkantorei und den Oratorienchor Kreuzlingen dirigiert, hat zwar leer geschluckt, als sie das Schutzkonzept des Schweizer Bühnenverbands gelesen hat: «10 m2 Platz pro Sänger, das ist schon eine sehr radikale Umstellung.» Aber riskieren will sie nichts, «es braucht halt Geduld jetzt».

Es kann nicht sein, dass wir die älteren Sänger jetzt draussen lassen und nur mit den Jungen weitermachen.

Andreas Reize, Chorleiter

Erst recht, weil in vielen der 707 registrierten Schweizer Chöre ältere Menschen mitsingen. In manchen Kirchenchören sind die über 65-Jährigen praktisch unter sich, aber auch in durchmischten Ensembles ist das Alter ein Thema. Im Zürcher Bach-Chor etwa sind die Jüngsten Mitte zwanzig, die Ältesten über siebzig Jahre altein Bandbreite, die weder am Arbeitsplatz noch im Fussballclub vorkommt. Diese Durchmischung sei «eine tolle Sache», sagt Andreas Reize: «Es kann nicht sein, dass wir die älteren Sänger jetzt draussen lassen und nur mit den Jungen weitermachen.»

Aber selbst wenn sich ein Probenmodus finden lässtfür João Tiago Santos, Chorleiter beim Gemischten Chor Bern und bei der Kantorei Illnau-Effretikon, stellt sich noch eine weitere Frage: «Was für Konzerte werden überhaupt noch möglich sein?» In Einzelfällen liessen sich sicher originelle Lösungen finden, «aber für die grosse Mehrheit der nicht professionellen Chöre wird es schwierig sein, in distanzierten Formationen aufzutreten». Nähe hilft nun mal beim Singen.

Auch in Sachen Begleitung wird man sich den Umständen anpassen müssen. Umfangreiche Instrumentalensembles wird Santos in nächster Zeit wohl nicht einsetzen, aus gesundheitlichen Gründen, aber auch aus finanziellen: «Solange wir nicht wissen, ob das Publikum wieder in die Konzerte kommt, engagieren viele Chöre wohl eher nur einen PianistenDas hat Folgen für das ganze Schweizer Musikleben: «All die Freelance-Musiker, die zumindest teilweise von der Chorbegleitung leben, verdienen dann deutlich weniger.»

Grossprojekte müssen wohl warten

Es hat auch Folgen fürs Repertoire: Annedore Neufelds Münsterkantorei etwa sollte zur Eröffnung des Basler Stadtcasinos im August Dvoraks «Te Deum» aufführen, «das braucht ein Orchester und achtzig Leute im Chor, in drastisch reduzierter Besetzung hat das keinen Sinn». Gut möglich also, dass sie derzeit für ein Werk probt, das nicht realisiert werden kann; vor Frühling 2021 rechnet Neufeld «eher nicht» mit grossen Projekten.

Aber kleinere: Darauf hoffen alle. Andreas Reize kann mit dem Solothurner Knabenchor bereits diese Woche wieder mit den Proben beginnen, streng nach den Richtlinien, die das Bundesamt für Gesundheit und der Kanton Solothurn vorgeben; «die Jungs gehen ja auch wieder in die Schule». Und Annedore Neufeld überlegt sich, wie sie ab Juni mit Vierergruppen üben könnte: «Ich würde mit den Proben dann halt nicht erst am Abend, sondern schon am Nachmittag anfangen.» Den Mehraufwand würde sie gerne leisten, «es wäre eine gute Art, die Krise für intensive musikalische Arbeit zu nutzen».

Am 27. Mai wird der Bundesrat entscheiden, ob das möglich sein wird. Falls ja, liegt der Ball bei den Sängerinnen und Sängern. Wollen sie möglichst rasch wieder starten – oder haben sie Angst? Eine Zürcher Choristin bringt es auf den Punkt: «Beides.»