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Kolumne von Milo RauWie eine Pornofirma im Vatikan

Die weltberühmte Wirtschaftsuniversität St. Gallen hat eine erstaunliche Verdrängungsleistung.

Hier kommt auf jeden eingeschriebenen Studenten ein halbes Dutzend Wirtschaftsethiker: Blick von oben auf die Universität St. Gallen, HSG.
Hier kommt auf jeden eingeschriebenen Studenten ein halbes Dutzend Wirtschaftsethiker: Blick von oben auf die Universität St. Gallen, HSG.
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Die Ostschweiz ist die Heimat des Mittelwegs. Der viel verspottete St. Galler Dialekt klingt bekanntlich völlig undefinierbar, man weiss nicht, ist er österreichisch, süddeutsch oder doch schon helvetisch? Sogar die Alpen sind hier im Nordosten der Schweiz so unentschieden, dass ein völlig verweichlichter Stadtmensch wie ich sie entspannt besteigen kann. Nicht verwunderlich, kommt die Wischiwaschi-Partei CVP in meinem Heimatkanton bei Wahlen auf über 25 Prozent – was auf nationaler Ebene seit den 50ern nicht mehr der Fall war.

Das vermutlich typischste Beispiel aber für den entspannten Janus-Charakter St. Gallens ist unsere weltberühmte Wirtschaftsuniversität. Hier wird seit vielen Jahrzehnten jene Manager-Elite ausgebildet, die den Planeten durch die konsequente Implementierung des sogenannten Neoliberalismus an den Rand des Kollapses gebracht hat. Keine Firma von Indien bis Dubai, die nicht auf dem St. Galler Rosenberg zu Tode geschrumpft wurde. Doch obwohl das Schicksal von Dutzenden von Volkswirtschaften in Sichtweite des Alpsteins besiegelt wurde, ist das keinem St. Galler bewusst.

In St. Gallen kommt auf jeden eingeschriebenen Studenten ein halbes Dutzend Wirtschaftsethiker.

Denn die Universität St. Gallen gleicht einer Pornofirma im Vatikan: Egal, was ihr Curriculum tatsächlich beinhaltet, es ist unter so vielen Lorbeerblättern verborgen, dass man sich nie sicher sein kann, ob man sich den ganzen ökonomischen Hardcore nur einbildet. Denn in St. Gallen kommt auf jeden eingeschriebenen Studenten ein halbes Dutzend Wirtschaftsethiker. Jedes nur im Ansatz fiese Hayek-Proseminar wird sogleich unter einer kapitalismuskritischen Debatten-Reihe begraben.

Für uns St. Galler ist diese erstaunliche Verdrängungsleistung Alltag. Weshalb es auch für Entgeisterung sorgte, als der St. Galler Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann vor etwas mehr als zehn Jahren vor dem Deutschen Bundestag in Bezug auf das damals noch bestehende Bankgeheimnis verkündete, die Schweiz habe «kein Unrechtsempfinden». Es war, als würde das Mitglied einer Putzkolonne seinen Arbeitgeber mit Müll übergiessen. Der Mann war doch Wirtschaftsethiker! Genau dieses Unrechtsempfinden, wo gefährlicherweise aufkeimend, sollte er doch kurieren! Thielemann wurde nach einem Shitstorm aus der Universität hinauskomplimentiert.

Doch jenseits der Universität St. Gallen reichte das «Unrechtsempfinden» eben doch aus. Das Bankgeheimnis – das die Schweiz unter anderem zum Hafen für Nazi-Fluchtgelder gemacht hatte – fiel nicht lange nach Thielemanns Ausflug in den Bundestag. Mit der Konzernverantwortungsinitiative findet heute eine vielleicht sogar noch epochalere Entscheidung statt: Schweizer Firmen sollen endlich auch für im Ausland begangene Verbrechen haftbar gemacht werden können.

Und obwohl, wie nicht anders zu erwarten, mit Karin Keller-Sutter die engagierteste Gegnerin der Initiative aus St. Gallen kommt: Ihr Erfolg ist wohl kaum mehr aufzuhalten. Aber sicher ist sicher: Gehen Sie an die nächste Urne, auch wenn sie zufällig in der Ostschweiz steht! Stimmen Sie Ja!