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Klassik live in BernWie ein kleines Orchester den Berner Restriktionen trotzt

Spielen trotz widriger Umstände: Das Berner Barockensemble Les Passions de l’Ame lud am Samstag zu einem halben Dutzend Minikonzerten in der französischen Kirche.

Mozart für 15 Personen: Les Passions de l’Ame, Berns Orchester für Alte Musik, in der französischen Kirche.
Mozart für 15 Personen: Les Passions de l’Ame, Berns Orchester für Alte Musik, in der französischen Kirche.
Foto: Manuel Zingg

Eigentlich gibt es im ganzen Kanton seit über einem Monat keine Konzerte mehr. Und wenn es vielleicht doch eins gab, dann wurde es heimlich gespielt, denn bei Konzerten vor Publikum bewegt man sich in diesem Kanton in einer halb illegalen Zone. Schon nur Orte gibt es keine. Konzertlokale, Theater, Museen, alles zu, geschlossen bis mindestens 14. Dezember. Dazu die Personenbeschränkung, maximal 15 Gäste darf ein offizieller Anlass haben.

Doch Moment, es gibt die Kirchen. Sie bleiben offen, auch wenn keine Gottesdienste mehr stattfinden. Und da Les Passions de l’Ame, das Berner Orchester für Alte Musik um die Geigerin Meret Lüthi, oft in Kirchen spielt, macht es das auch diesmal. Schauplatz ist die französische Kirche in Bern, ein imposantes Bauwerk, in dem normalerweise Hunderte Leute Platz haben.

An diesem Tag tröpfeln nur 15 ein. Sie desinfizieren ausgiebig die Hände und werden gebeten, möglichst weit voneinander entfernt Platz zu nehmen. Auf jeder zweiten Bank sitzen ein oder zwei Zuschauer. Es ist kalt, man behält die wärmende Jacke an. Als ein anderer Gast dieselbe Bank wählt und mit einem Abstand von etwa drei Metern Platz nimmt, fühlt man sich schon fast in seiner Privatsphäre bedroht.

Entweder Haydn. Oder Mozart. Oder Beethoven

Angekündigt ist das Wiener Dreigestirn Haydn, Mozart und Beethoven. Nur, dass es sich zu entscheiden gilt: Jeder Gast darf nur eines der drei Werke hören, die als Gesamtes eigentlich ein Konzert wären. Das Orchester spielt zwei Durchgänge. So können nacheinander 90 Personen zuhören. Und weil die rare Möglichkeit so begehrt ist, haben die Musikerinnen und Musiker kurzerhand beschlossen, dass auch die Proben am Mittag öffentlich sind und für je 15 Gäste geöffnet werden.

Der Platznachbar wurde mittlerweile von einem Aufseher gebeten, eine andere Bank zu wählen. Ein kurzes Murren folgt. Es wirkt sofort lächerlich, als die ersten Töne erklingen. Als ob man bei 15 Personen in einer riesigen Kirche von irgendeinem Platz aus nicht gut hören oder sehen könnte.

Das Orchester hält Abstand

Orchesterleiterin und Geigerin Meret Lüthi trägt als Einzige keine Maske. Als Dirigentin darf sie das, sie muss Kommandos geben. Und sie hätte mit Haydns «Divertimento Echo» kein passenderes Werk zur Eröffnung wählen können. Das Stück ist für zwei Räume komponiert; während drei Streicher auf der Bühne stehen, antworten ihnen drei aus einem Hinterraum der Kirche. Trotz Abstand in Kontakt bleiben: Es ist eine Devise, die nicht nur für das Orchester gilt. Als ob Haydn ein Werk für die mehr als 250 Jahre später folgende Epidemie geschrieben hätte.

Und es ist beglückend zu merken, wie der Kontakt trotz der Entfernung klappt, wie die versteckten Streicher im Hinterkämmerchen auf die drei auf der Bühne reagieren, wie die beiden getrennten Kleinformationen ineinander übergehen, einander antworten, sich fragen und herausfordern.

Obwohl der Blickkontakt fehlt. Und obwohl das Publikum so verteilt sitzt, dass das Echo bei jedem und jeder um Nuancen verschoben eintrifft. Ja, alle 15 Zuschauerinnen und Zuschauer erhalten so ihr eigenes, nicht austauschbares Hörerlebnis. Ein Privileg, das nicht viele haben.

«Diese Art von Konzert ist sehr aufwendig. Finanziell lohnt sich das nicht.»

Carmen Inniger, Geschäftsführerin Les Passions de l’Ame

Nach 17 Minuten ist es zu Ende. Die Gäste werden gebeten, die Kirche durch den Seitenausgang zu verlassen. Dort gibt es einen Kollektentopf. Beim Haupteingang warten schon die nächsten Konzertgängerinnen und -gänger auf ihr Werk, Mozart steht an. «Diese Art von Konzert ist sehr aufwendig», sagt denn auch Geschäftsleiterin Carmen Inniger. «Finanziell lohnt sich das nicht.» Man wolle aber ein Zeichen setzen. «Die Leute brauchen Kultur.»

Das Orchester Les Passions de l’Ame spielt Mozarts Klavierkonzert in C-Dur; am Piano Solist Kristian Bezuidenhout, vorne links Meret Lüthi.
Das Orchester Les Passions de l’Ame spielt Mozarts Klavierkonzert in C-Dur; am Piano Solist Kristian Bezuidenhout, vorne links Meret Lüthi.
Foto: Manuel Zingg

Das zeigt sich, als die nächsten 15 eintrudeln. Es bleibt ruhig, die Geschwätzigkeit, die sonst vor Konzerten herrscht, fehlt. Es ist eine konzentrierte Ruhe, die übergeht in beseeltes Kopfwiegen, als das Orchester Mozarts Klavierkonzert in C-Dur in einer überarbeiteten Version spielt. Im Original wäre es für 35 Musiker komponiert. Doch die Spielfreude, die Eloquenz und Präzision, die Meret Lüthi, ihr Ensemble und Solist Kristian Bezuidenhout an den Tag legen, ist schlichtweg ansteckend.

Spätestens in jenem Moment wird einem bewusst, wie sehr dieser Teil des Lebens fehlt. Und wie verständlich auch der leise Frust der Kulturschaffenden ist. Hier sitzen 15 Personen mit Mundschutz mit grossem Abstand, während draussen die Strassen voll sind von Leuten, die doch irgendwie den Samstagabend feiern wollen.