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60 Jahre AntibabypilleWie die Pille die Psyche beeinflusst

Die synthetischen Hormone des Verhütungsmittels wirken auch im Gehirn. Das hat weitreichende Folgen.

So sahen die ersten Pillen der Sechzigerjahre aus. Heute sind zahlreiche Präparate auf dem Markt mit unterschiedlichen synthetischen Hormonen.
So sahen die ersten Pillen der Sechzigerjahre aus. Heute sind zahlreiche Präparate auf dem Markt mit unterschiedlichen synthetischen Hormonen.
Foto: Getty Images

Viele Nutzerinnen machen sich kaum Gedanken darüber, wie die Antibabypille neben der Verhütung noch wirkt. Dabei könnten die synthetischen Hormone das Leben der Frauen entscheidend beeinflussen, schreibt die US-Psychologin Sarah Hill von der Texas Christian University in einem aufsehenerregenden Buch.

Die Forscherin beschäftigt sich damit, wie die Pille das Gehirn beeinflusst, das heisst beispielsweise, wie Frauen auf Stress reagieren, wie gut sie lernen können, ob sie depressiv werden oder Angstzustände bekommen – und sogar, ob die Pille die Wahl ihrer Partner mitbestimmt. Psychologische und neurowissenschaftliche Studien zeigen erste Hinweise auf derartige Veränderungen.

Wie finden Männer und Frauen zusammen?

Männer spüren offenbar, wenn Frauen ihren Eisprung haben, also fruchtbar sind. Das haben verschiedene Experimente gezeigt, im Labor – oder in einem Stripclub. Dort bekamen Tänzerinnen während ihrer fruchtbaren Tage pro Stunde 70 Dollar Trinkgeld, während ihrer Menstruation 35 Dollar und diejenigen, die hormonell verhüteten, im Schnitt 37 Dollar.

Männer scheinen zu sehen, hören und riechen, wenn Frauen fruchtbar sind – unbewusst. So fanden Versuchsteilnehmer tanzende oder gehende Frauen in Videoclips attraktiver, wenn diese in der fruchtbaren Phase waren, im Vergleich zu Frauen in der Phase nach dem Eisprung. Das scheint sich auch beim Aussehen der Frauen, der Stimme und ihrem Körpergeruch widerzuspiegeln. Schnupperten die Kerle an T-Shirts, die Frauen in der fruchtbaren Phase getragen hatten, stieg ihr Testosteronspiegel und ihr Interesse an Sex.

Auch Frauen scheinen ihre Partner ähnlich auszuwählen. So stehen sie während ihrer fruchtbaren Phase eher auf maskuline Typen mit kantigem Kinn, tiefer Stimme und selbstbewusstem Gang. «Östrogen liebt Testosteron», fasst Hill es zusammen. Hingegen fühlen sich Frauen in der Phase nach dem Eisprung eher zu «Versorgertypen» hingezogen, also Männern, die sich potenziell um die Kinder kümmern würden.

Was passiert, wenn Frauen die Pille nehmen?

Ohne Pille dominieren sehr vereinfacht zwei Sexualhormone den weiblichen Zyklus: das Östrogen in der ersten Zyklusphase bis zum Eisprung und das Progesteron in in der zweiten Phase bis zur Menstruation.

Dabei fühlen sich die Frauen in dem vom Östrogen dominierten Zeitfenster vor dem Eisprung «besonders sexy» und flirten auch mehr, wie Hill schreibt.

Die synthetischen Sexualhormone in der Pille, die sogenannten Progestine, verhindern den Eisprung. Deshalb befinden sich Frauen, die hormonell verhüten, konstant in der zweiten Zyklusphase, also in der Phase, in der sie sich eher zu «Versorgertypen» hingezogen fühlen.

Was sind die Auswirkungen?

Eine Frau könnte, wenn sie die Pille nimmt, also einen Mann zum Partner wählen, den sie mit ihrem natürlichen Zyklus nicht so anziehend gefunden hätte, so die These. Das in Europa und Nordamerika verbreitetste Verhütungsmittel könnte demnach sogar einen Einfluss auf die Scheidungsrate haben, mutmasst Hill. Die Wissenschaftlerin räumt allerdings ein, dass die Studienergebnisse dazu noch nicht eindeutig sind.

Dennoch empfiehlt sie Frauen, die während der Pilleneinnahme ihren Traummann gefunden zu haben glauben, vor einer festen Bindung einige Monate auf die synthetischen Hormone zu verzichten als Beziehungstest.

Wie wirkt die Pille auf das Gehirn?

Hormone sind Substanzen, die zahlreiche Körperfunktionen regeln, und zwar in Wechselwirkungen. Sie werden beispielsweise im Gehirn ausgeschüttet, beeinflussen die Eierstöcke, die daraufhin Östrogen bilden, das wiederum Signale ans Gehirn gibt.

Diese und weitere Wechselwirkungen könnten die Pillenhormone stören, die nicht identisch mit den natürlichen Sexualhormonen sind. Erste Hinweise dafür gebe es beispielsweise bei der Stressreaktion, führt Hill an. So hatten Frauen, die hormonell verhüteten, bei einem Stresstest, bei dem sie vor Publikum rückwärts rechnen mussten, deutlich geringere Cortisolwerte im Vergleich zu Frauen mit natürlichem Zyklus. Cortisol ist ein Stresshormon.

Auch in weiteren Stresstests schnitten die Frauen mit Pille anders ab. Beunruhigend findet Hill, dass die Muster bei der Stressantwort von Frauen, die die Pille nehmen, ähnlich sind wie bei Menschen mit chronischem Stress. Wie genau die Pillenhormone auf die Stressantwort wirken, ist noch nicht bekannt, ebenso wenig, was das für die Frauen bedeutet. Eine Sorge wäre ein Einfluss auf die psychische Gesundheit.

Führt die Pille zu Depressionen und Suiziden?

Diese Frage wurde vor wenigen Jahren durch Studien aus Dänemark neu befeuert. Die Forscher aus dem Norden hatten aus einer umfassenden Datenbank Informationen von Frauen mit und ohne Pille ausgewertet und verglichen, wie häufig sie an einer Depression erkrankten. Das Ergebnis: Frauen, die hormonell verhüteten, hatten ein 50 Prozent höheres Risiko, sechs Monate später eine Depression diagnostiziert zu bekommen. Die Verschreibung eines Antidepressivums war zu 40 Prozent wahrscheinlicher als bei Frauen, die nicht mit der Pille verhüteten. Beunruhigend waren auch die erhöhten Raten an Suizidversuchen oder Suiziden bei den hormonell verhütenden Frauen, wie Hill schreibt.

Diese Ergebnisse sind jedoch umstritten. So bemängelte etwa die deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, dass die Studien lediglich einen Zusammenhang, aber keine Ursächlichkeit zeigten. Wäre beispielsweise die Depressions- oder Suizidrate tatsächlich auf die Pillenhormone zurückzuführen, so hätten höher dosierte Präparate zu mehr Fällen führen müssen, was aber nicht zutraf. Die Mediziner empfehlen generell Frauen, die durch die Pille Stimmungsveränderungen wahrnehmen, mit ihrer Gynäkologin zu sprechen.

Fazit

Sarah Hill betont in ihrem Buch, dass sie nicht gegen die Pille sei, sie habe selber jahrelang hormonell verhütet. Ihr Ziel sei, Frauen umfassend zu informieren, damit sie für sich entscheiden könnten, wie sie verhüten wollten. Das kann bedeuten, weiter ihre Pille zu nehmen oder ein anderes der mehr als 40 in der Schweiz zugelassenen Präparate auszuprobieren, wenn sie mit einer Pille nicht zurechtkommen. Oder sie könnten andere Verhütungsmöglichkeiten in Betracht ziehen, etwa eine Kupferspirale oder natürliche Messmethoden.

Sehr zu empfehlen ist auch die Hörbuchversion. Dort liest die Schauspielerin Tessa Mittelstaedt grossartig auch die witzigen Kommentare der Autorin mit, Der Hörverlag, Download z.B. bei Random House Audio: www.randomhouse.de, ca. 22 Euro.