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Die Folgen des LockdownWie das Coronavirus die Berner Grossclubs beeinflusst

Kurzarbeit, Kredite und finanzielle Engpässe: YB, der FC Thun, der SCB, die SCL Tigers und der EHC Biel stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Statt gegeneinander kämpfen Langnauer (links Harri Pesonen) und Berner (rechts Andre Heim) nun abseits des Eis mit den gleichen Problemen.
Statt gegeneinander kämpfen Langnauer (links Harri Pesonen) und Berner (rechts Andre Heim) nun abseits des Eis mit den gleichen Problemen.
Foto: Raphael Moser

Eigentlich stünde im Eishockey nun die schönste Zeit des Jahres an: das Playoff! Doch die Saison wurde bekanntlich am 12. März abgebrochen. Und im Moment mutet die Vorstellung von vollen Stadien und packenden Zweikämpfen auf dem Eis sowieso surreal an. Selbiges gilt für den Fussball – wobei die Saison in der Super League erst unterbrochen wurde. Doch was bedeutet es für die Berner Clubs, wenn plötzlich alles stillsteht und kein Geld mehr reinkommt? Ein Überblick.

Was sind die Corona-Massnahmen, abgesehen von der Kurzarbeit?

SCL Tigers: Den (vorerst zinsfreien) Kredit vom Bund über eine halbe Million Franken haben die Langnauer beantragt. Dieser sei wichtig als Liquiditätsreserve, sagt Geschäftsführer Peter Müller. Der Club hat einen Ausgabe- und Bestellstopp verhängt, auch angestellt wird derzeit niemand. Die Trainerfrage hat keine Priorität, beim Sportchef könnte eine interne Lösung zum Thema werden. Ein wenig Geld generieren die Tigers mit der Versteigerung von Matchtrikots.

FC Thun: Der Betrieb ist fast komplett runtergefahren worden. Für alle Angestellten gilt Kurzarbeit – von den Spielern über den Platzwart bis zur Geschäftsleitung, in vielen Fällen gar zu 100 Prozent. Zudem hat der Club einen Covid-19-Kredit über eine halbe Million Franken beantragt.

SC Bern: Der SCB hat den zinsfreien Kredit vom Bund beantragt, sich die Summe aber nicht auszahlen lassen. Es handelt sich um eine Absicherung, sollte die Liquidität des Unternehmens zur Neige gehen. Der Betrieb wird so aufrechterhalten, damit der SCB in den Bereichen Sport und Gastronomie jederzeit wieder loslegen könnte, sollte der Bundesrat die Bestimmungen anpassen. «Zudem sind wir im Prozess, sämtliche Kosten zu reduzieren und alle Bereiche so zu strukturieren, damit mit der Liquidität schonungsvoll umgegangen wird», sagt Geschäftsführer Marc Lüthi. Ein Thema dürften auch die Stadionkosten sein, die inklusive Miete, Infrastruktur und Nebenkosten rund vier Millionen Franken betragen. «All die Gespräche sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt», sagt Lüthi, «aber sie verlaufen positiv.»

YB: Für den gesamten Betrieb mit 180 Vollzeitstellen wurde vorsorglich Kurzarbeit beantragt – in welchem Umfang sie beansprucht wird, hängt von der Dauer der Spielpause ab. Fast alle Mitarbeiter sind im Homeoffice-Modus, wenn sie überhaupt Arbeit haben. In mehreren Bereichen wie Gastronomie, Ticketing und Events gibt es kaum etwas zu tun. Geschäftsleitung, Finanzabteilung und Medienbereich arbeiten noch voll. Die Fussballer trainieren zu Hause und dürfen das Land nicht verlassen.

EHC Biel: Die Seeländer haben für die gesamte Unternehmung Kurzarbeit beantragt. Auf den zinsfreien Kredit vom Bund wurde verzichtet. Der EHCB versucht allerdings, in verschiedenen Bereichen die Kosten zu reduzieren.

Lohnverzicht der Spieler – wie hoch, wie lange?

SCL Tigers: Die Märzlöhne wurden voll bezahlt, ab April gilt Kurzarbeit. 80 Prozent bekommen sämtliche Angestellten von der Arbeitslosenversicherung bezahlt, wer mehr als den maximal versicherten Jahreslohn von 148’200 Franken verdient, erhält die Differenz vom Club beglichen. Auf die 20 Prozent zum versicherten Lohn jedoch müssen die Spieler verzichten, was maximal 2470 Franken pro Monat ausmacht. Langnau zahlt zwar die tiefsten Löhne der Liga – und doch wird ab Mai ein grösserer Lohnverzicht unabdingbar sein. Ob alle Akteure mitziehen werden, ist unklar. Langnau hofft auf einheitliche Regelung in der ganzen Liga.

FC Thun: Die Aufforderung der Spielergewerkschaft SAFP, die Kurzarbeit abzulehnen, hat im Kader des FC Thun für Unruhe gesorgt. Dennoch sind alle Spieler die Vereinbarung eingegangen. Nicht zur Diskussion steht, dass die Mannschaft zugunsten von anderen Angestellten auf Teile ihres Salärs verzichtet. Sportchef Andres Gerber sagt: «Wir haben nicht die riesigen Lohnunterschiede zwischen Spielern und Mitarbeitenden wie zum Beispiel in Deutschland oder England.» Sollte die jetzige Phase aber längern dauern, könnte ein Lohnverzicht der Spieler zur Diskussion gebracht werden.

SC Bern: Auch der SCB hält das Personal auf Kurzarbeit. Die Spieler müssen wegen des verpassten Playoff zudem auf 15 Prozent der Lohnsumme verzichten. Lüthi sagt: «Im Moment äussern wir uns nicht zum Thema Kurzarbeit von Spielern. Wir suchen eine langfristige Lösung innerhalb der Liga.»

YB: Auch hier warten die Young Boys die weitere Entwicklung ab. Sie tun das ebenfalls bezüglich allfälliger Spenden. «Wir beobachten die Situation und treffen keine populistischen Massnahmen, nur damit wir etwas getan haben», sagt CEO Wanja Greuel. YB bezahlt hohe Löhne, allerdings sind die Saläre stark leistungsabhängig, teilweise bis zu 50 Prozent. Und solange es keine Spiele gibt, verdienen die Fussballer auch deutlich weniger. Dauert der Unterbruch allerdings monatelang, dürfte ein Lohnverzicht zum Thema werden.

EHC Biel: Die Spieler werden den Aprillohn noch vollumfänglich ausgezahlt bekommen. Die Bieler wollen zuerst den Bundesratsentscheid am 19. April abwarten, ehe sie allfällige weitere Massnahmen treffen. Bezüglich der Spielergehälter hofft Geschäftsführer Daniel Villard auf eine einheitliche Lösung. Er sagt: «Die Lage ist sehr ernst. Es wird unumgänglich sein, dass die Spieler auf einen Teil ihres Lohns verzichten. Sonst wird die nächste Saison wahrscheinlich nicht mit zwölf Clubs beginnen und ganz sicher nicht mit zwölf Clubs beendet werden.»

Was plant der Club an Aktionen für die Kunden?

SCL Tigers: Den Saisonkartenbesitzern wurde mitgeteilt, dass sie keine Vergütungen erhalten – bis auf wenige Ausnahmen sind negative Reaktionen ausgeblieben. Auch die Sponsoren wurden angeschrieben, mit der Bitte, auf ihre Forderungen zu verzichten. Die Rückmeldungen sind gut, die Partner zeigen sich solidarisch. Hinsichtlich der neuen Saison wird vorderhand nicht verhandelt. Geschäftsführer Müller sagt, es sei momentan nicht der Zeitpunkt dafür.

FC Thun: Derzeit ist nichts geplant. Alle Projekte sind auf Eis gelegt. Der Club hat auch seine Social-Media-Aktivitäten eingestellt – einzig ein Beitrag, der den Fanshop bewirbt, wird noch wöchentlich veröffentlicht.

SC Bern: Der SCB wartet den Entscheid des Bundesrats ab, ob und wie lange der Lockdown nach dem 19. April verlängert wird. «Wir werden uns zu diesem Thema äussern, sobald wir einen Zeithorizont haben», sagt Lüthi. Zurzeit ist der Club auf seinen Onlinekanälen mit diversen Angeboten für die Fans präsent. Spieler äussern sich im Instagram-Talk von zu Hause. Und auf der Club-Homepage werden an fünf Freitagen die letzten fünf Meisterspiele in voller Länge gezeigt.

YB: Die Fussballer posten fleissig witzige Filmchen auf Social Media, leitende Angestellte wie CEO Greuel, Sportchef Christoph Spycher oder Verwaltungsratspräsident Hanspeter Kienberger haben sich in Videobotschaften bei den verschiedenen Kunden gemeldet. VIP-Gäste werden bestimmt entschädigt, sollten Leistungen komplett entfallen. Verpflichtet ist der Club aber zu keinen Erstattungen, weil das Coronavirus eine Art höhere Gewalt ist. Auch hier gilt: Je nach Länge des Lockdowns werden Massnahmen angepasst, wobei die rund 20’000 Dauerkartenbesitzer durch die fairen Preise ohnehin mehrere Gratisspiele pro Saison haben.

EHC Biel: Stand heute möchten die Bieler die Rechnungen für die Saisonabonnemente Anfang Mai verschicken. Zudem sei die Solidarität vieler Sponsoren laut Villard gross. «Aber wir sind keine Träumer. Viele warten auch auf den Entscheid des Bundesrats.»

Was sind die Auswirkungen auf die Mannschaft der nächsten Saison?

Weil das Coronavirus und seine Folgen den Transfermarkt beinahe lahmgelegt haben, könnte selbst der umworbene Torjäger Jean-Pierre Nsame bei YB bleiben.
Weil das Coronavirus und seine Folgen den Transfermarkt beinahe lahmgelegt haben, könnte selbst der umworbene Torjäger Jean-Pierre Nsame bei YB bleiben.
Foto: Claudio de Capitani (Freshfocus)

SCL Tigers: Mit Harri Pesonen und Robbie Earl stehen zwei Ausländer unter Vertrag, weitere werden so schnell keine engagiert, «das wäre in der gegenwärtigen Situation unverantwortlich», sagt Geschäftsführer Müller. Pesonen könnte in die KHL wechseln, als Ablöse würden die Tigers 300’000 Franken erhalten. Ein Transfer aber wird nicht angestrebt. Sollten die Spieler beim Lohnverzicht nicht mithelfen, ist gemäss Müller eine Kaderverdünnung nicht auszuschliessen.

FC Thun: Es sei unmöglich, die nächste Saison zu planen, sagt Gerber. Er führt keine Vertragsgespräche, es ist beispielsweise völlig ungewiss, ob der Club die Kaufoption für Stürmer Simone Rapp ziehen kann und will. Auch für den Sportchef gilt Kurzarbeit, die einzigen Tätigkeiten, die er noch erledigt, betreffen nicht den sportlichen Bereich. Gerber glaubt, dass es in der nächsten Transferperiode kaum Wechsel geben werde, weil sich die Spieler nicht präsentieren könnten und die meisten Clubs vorsichtig wirtschaften müssten.

SC Bern: Zurzeit existiert ein Einstellungsstopp. Offen sind zwei Ausländerpositionen und der Trainerstab. «Kommt es gut, werden wir versuchen, die Positionen so stark wie möglich zu besetzen», sagt Lüthi. «Zieht sich der Lockdown bis in den August, sieht die Welt anders aus.»

YB: Der weltweite Transfermarkt im Fussball ist beinahe lahmgelegt. Grosse Investitionen sind kaum vorgesehen, wobei das möglicherweise gar nicht nötig sein wird, weil auch Abgänge zahlreicher umworbener Leistungsträger wie Torjäger Jean-Pierre Nsame nicht mehr so realistisch sind. Die Marktwerte aller Fussballer sind deutlich gesunken. Die hoch dotierten Verträge der verdienstvollen Altmeister Guillaume Hoarau und Miralem Sulejmani laufen aus – es ist völlig offen, wie es für die beiden weitergeht. Bleiben sie, müssten sie zu massiv geringeren Bezügen unterschreiben.

EHC Biel: Die Mannschaft für die nächste Saison steht mehrheitlich, allerdings hat Biel mit Toni Rajala und Marc-Antoine Pouliot erst zwei Ausländer unter Vertrag. Sportchef Martin Steinegger hat ein gewisses Budget zugesprochen bekommen, um einen dritten Importspieler zu verpflichten. Mit dem Engagement eines vierten Ausländers wird jedoch zugewartet.

Wann ist die Existenz gefährdet?

SCL Tigers: Weil sie in den letzten Jahren stets Gewinne erwirtschafteten, besitzen die Emmentaler etwas Luft – kurzfristig ist die Liquidität nicht gefährdet. Sollte es binnen zwei bis drei Monaten zu keiner Entspannung kommen, also weder Abonnemente verkauft noch mit Sponsoren verhandelt werden können, dürfte es eng werden. Auch bei den Tigers wird es mittelfristig nur ums Überleben gehen. Nicht alle Partner werden an Bord bleiben.

FC Thun: Dank den ergriffenen Massnahmen sei das Fortbestehen bis zu diesem Sommer gesichert, sagt Präsident Markus Lüthi.

SC Bern: Der SCB-Geschäftsführer hofft, bis allerspätestens Ende Mai einen Zeithorizont zu erhalten. «Sollte das nicht der Fall sein, wäre die Existenz zwar nicht kurzfristig gefährdet. Aber irgendwann würde es ohne sich abzeichnende Einnahmen sehr schwierig», sagt Lüthi.

YB: Die Young Boys sind der mit weitem Abstand gesündeste Verein im Schweizer Clubfussball. In den letzten zwei Jahren machten sie rund dreissig Millionen Franken Gewinn – nachdem sie in den sieben Saisons davor allerdings beinahe das Dreifache verloren hatten. Dank den Besitzerfamilien Rihs ist die Existenz langfristig gesichert, wobei die Situation auch für YB unschön werden würde, sollten 2020 gar keine Fussballspiele mehr ausgetragen werden können.

EHC Biel: Der Club konnte dank erfolgreichen letzten Jahren Reserven bilden, weshalb der Verlust für die abgebrochene Saison – ein tiefer sechsstelliger Betrag – die Existenz nicht gefährdet. Sollte der Lockdown aber länger dauern und die Bieler bis zum Spätsommer kein Geld einnehmen, hätten auch sie grosse Probleme.