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Auf der Flucht erwischtWeshalb man den Sexualverbrecher alleine rausliess

Der aus der Psychiatrischen Klinik Rheinau geflohene Straftäter ist nach vier Tagen Flucht in Mailand verhaftet worden. Weshalb konnte er einfach davonlaufen?

Das Psychiatriezentrum Rheinau mit dem Sicherheitstrakt im Vordergrund.
Das Psychiatriezentrum Rheinau mit dem Sicherheitstrakt im Vordergrund.
Foto: Keystone/Alessandro Della Bella

Am Donnerstag veröffentlichte die Kantonspolizei Zürich einen aufsehenerregenden Fahndungsaufruf. Ein wegen Sexual- und weiterer Delikte verurteilter Straftäter sei während eines «unbegleiteten Arealausgangs» vom Gelände des Psychiatriezentrums Rheinau geflüchtet.

Beim Gesuchten handle es sich um einen abgewiesenen Asylbewerber marokkanischer Herkunft, der zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden war und «als gefährlich» gelte.

Mouhamed A. war im Februar 2018 durch das Zürcher Obergericht wegen mehrfacher versuchter Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Brandstiftung zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Aufgrund einer diagnostizierten Schizophrenie ordneten die Richter anstelle eines Gefängnisaufenthalts eine stationäre therapeutische Massnahme an.

Die Flucht nahm am Samstagmittag ein jähes Ende: Der Straftäter wurde nach vier Tagen in Mailand festgenommen.

Die Ärzte sahen keine Rückfallgefahr

Einmal mehr stellt sich nach einem solchen Fall die Frage: Weshalb lässt man einen als «gefährlich» eingestuften Sexualstraftäter unbegleitet ins Freie?

Gemäss Marc Stutz von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in Rheinau hatte der Delinquent seine Strafe bereits abgesessen, da ihm die zwei Jahre Haft vor Prozessbeginn angerechnet worden seien. «Mouhamed A. befand sich nicht im Hochsicherheitstrakt, sondern auf einer normalen geschlossenen Massnahmestation.» Der unbegleitete Arealausgang sei die Folge eines ersten Lockerungsschrittes nach knapp drei Jahren Therapie gewesen, schliesslich sei das Ziel die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. «Unsere Ärzte gingen davon aus, dass der Patient keine unmittelbare Gefahr mehr darstellt.»

Mouhamed A. türmte vom Areal des Psychiatriezentrums Rheinau.
Mouhamed A. türmte vom Areal des Psychiatriezentrums Rheinau.

Der Schritt war vom Zürcher Amt für Justizvollzug und Wiedereingliederung bewilligt worden. Jérôme Endrass, Professor für forensische Psychologie und stellvertretender Leiter des Amts, erklärt den Fall: «Der Patient hatte seine versuchten Vergewaltigungen in einer Psychose ausgeführt. Die Therapie und die Medikamente haben bei ihm gut angeschlagen, gemäss ärztlicher Risikoeinstufung galt er als nicht mehr rückfallgefährdet.» Entsprechend habe die interne Fachkommission der Lockerung zugestimmt.

Patienten laufen oft weg

Der «unbegleitete Arealausgang» bedeutet, dass Mouhamed A. allein hundert Meter von einem Gebäude ins andere zur Therapie gehen durfte. Marc Stutz: «Zuvor hatte man ihn immer begleitet, dabei gab es nie ein Problem.» Offensichtlich hatte der Straftäter seine Therapeuten getäuscht: Bei der erstbesten Gelegenheit ist er getürmt.

Dass Patienten aus der Psychiatrie weglaufen, ist gar nicht so selten – und in der Regel auch unproblematisch, sofern von der Person keine Gefahr mehr ausgeht. «Das passiert zwei- bis dreimal pro Jahr, fast immer kehren die Leute selber wieder zurück oder werden rasch aufgegriffen», so Stutz.

In diesem Fall sieht es aus, als ob man der eigenen Risikoanalyse nicht ganz getraut hat. Sonst hätte man Mouhamed A. nicht international zur Fahndung ausgeschrieben mit dem expliziten Hinweis auf seine Gefährlichkeit. Jérôme Endrass relativiert diese Einschätzung. Das Risiko habe jenem einer regulären Entlassung entsprochen. «Problematisch war die fehlende Medikation, die mit der Flucht einherging. Da steigt mit der Zeit das Risiko, darum war eine zeitnahe Festnahme so wichtig.»

Für Mouhamed A. dürfte der kurze Ausflug in die Freiheit kaum Konsequenzen haben. Da er nicht rückfällig wurde, ist davon auszugehen, dass die Therapie in Rheinau wie zuvor fortgesetzt wird.