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Gartenkolumne «Nachgehackt»Wer hat die grössten Tomaten?

Unsere Kolumnistin hat einen Zusammenhang zwischen Bauernregeln und Anbautipps entdeckt.

Nasse Tomaten: Regnet es während Wochen, regaieren sie empfindlich.
Nasse Tomaten: Regnet es während Wochen, regaieren sie empfindlich.
Foto: Getty Images

Die Nachbarin sagt: «Es wird ein nasser Sommer, die Ameisen bauen hoch.» Das habe sie von einem Bekannten gehört und der sei Bauer. Er kennt sich vermutlich aus mit alten Bauernregeln. Ich selbst habe von dieser Regel noch nie etwas gehört, aber es stimmt, die Ameisen bauen wirklich hoch. In der Wiese ist ihre Behausung so gross, dass man sie nicht übersehen kann. Und beim Tomatenhaus haben sie sich innerhalb eines Tages durch den ganzen Mulch gegraben und einen imposanten Hügel angehäuft. So extrem habe ich das vorher noch nie beobachtet.

Ich hoffe trotzdem, dass er nicht recht hat. Nasse Sommer mögen zwar gut sein für die Erholung des Waldes. Für Salat und Rüebli, für Kabis und Kohl. Sicher aber nicht für mein Lieblingsgemüse: Tomaten. Die mögens lieber trocken und heiss.

«Eigene Tomaten sind besser und billiger.»

Tomaten sind, wie ich an dieser Stelle schon mehr als einmal erwähnt habe, die Königsdisziplin. Sie machen einen grossen Teil meines Gartenehrgeizes aus. Denn gekaufte Tomaten sind entweder teuer oder geschmacklos. Und allzu häufig sogar beides. Eigene Tomaten sind besser und billiger.

Darum säen wir unsere Ende Februar aus, möglichst viele Sorten, grosse und kleine, frühe und späte. Schliesslich wollen wir in der Hochsaison täglich Tomatensalat machen, Ratatouille kochen, Sugo einmachen – und immer wieder naschen. Das braucht Geduld, denn vor Ende Juli ist nicht viel zu wollen. Sind sie jedoch da, so süss, so vielfältig, so weich und sonnenwarm, könnte ich nur von ihnen leben.

Leider mögen sie Nässe überhaupt nicht. Und da hilft das Dach über dem Kopf nur bedingt. Regnet es während Wochen immer wieder, bleiben die Blätter zu häufig feucht. Im schlimmsten Fall entsteht daraus Krautfäule, die Tomaten sind geschwächt und gehen womöglich ganz ein.

So weit ist es bei uns glücklicherweise noch nie gekommen. Und trotzdem ist hier jedes Jahr wieder etwas Aufregung zu spüren. Sollen wir sie nun liegend setzen, damit sie mehr Wurzeln entwickeln? Sollen wir Brennnesseln drunterlegen oder lieber einen toten Fisch, von dem die edlen Pflänzchen den ganzen Sommer über zehren können? Sollen wir alle Seitentriebe ausgeizen oder starke stehen lassen? Es sind Gesinnungsfragen, für die es keine einfachen Antworten gibt.

«Manchmal stimmen die Bauernregeln. Und manchmal ist auch das Gegenteil wahr.»

Der Mann ist eher sanft unterwegs, er hätschelt die Tomatenpflanzen, besucht sie am liebsten mehrmals am Tag. Er bindet sie auf, wässert sie und liest abendelang in Ratgebern oder schaut Videos auf Youtube. Wobei die Verwirrung nur grösser wird: Während einige finden, man solle am besten mit Mist düngen, geben andere gar keinen Dünger. Während die einen nur einen Trieb stehen lassen, brechen die anderen gar nicht aus. Während die einen behaupten, je weniger Tomaten an einer Pflanze wachsen, desto geschmackvoller seien sie, geben die anderen Ratschläge, wie man möglichst grosse Früchte erhält. Und zuletzt treffen wir noch unsere syrischen Freunde, die betonen, dass sie in ihrer Heimat Tomaten gar nicht aufbinden und einfach wuchern lassen.

Das muss ich erst einmal setzen lassen. Ich mache einen Rundgang durch den Garten. Der Ameisenhaufen ist noch höher geworden. Der Himmel blau. Mit den Bauernregeln ist es wohl nicht viel anders als mit den Anbautipps: Manchmal stimmen sie. Und manchmal ist auch das Gegenteil wahr.