Wer das Geld schöpft, und wer es schöpfen soll

Die Vollgeldinitiative will den Einfluss der Banken im Geldsystem einschränken und jenen der Nationalbank stark ausweiten. So funktioniert das System.

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Am 10. Juni kommt die Vollgeldinitiative zur Abstimmung. Sie dreht sich um die Banken, die Nationalbank und die Quelle des täglich verwendeten Geldes. Allerdings dürfte nur eine Minderheit diese Debatte verstehen. Dem wollen wir abhelfen und beantworten im Folgenden die wichtigsten Fragen dazu und zu den Plänen der Initianten.

Als Hüterin des Schweizer Frankens gilt die Schweizerische Nationalbank (SNB). Schafft nicht sie unser Geld?
Die SNB schafft nur das Notengeld und jenes Buchgeld, das sie den Banken für Käufe von Wertschriften oder Devisen gutschreibt. Diese Reserven der Banken bei der Notenbank werden auch Giroguthaben genannt. Weil die SNB in den letzten Jahren sehr viele Devisen von den Banken aufgekauft hat, ist die Summe dieser Reserven entsprechend stark angestiegen. Das ist gemeint, wenn man sagt, die Nationalbank habe die Geldmenge massiv ausgedehnt.

Welches andere Geld gibt es denn noch, und wer schafft es?
Den grössten Teil des umlaufenden Geldes (Ökonomen sprechen von der Geldmenge M1) schöpft nicht die Nationalbank, sondern die Geschäftsbanken. Die Rede ist vom sogenannten Buchgeld. Sein Anteil liegt aktuell bei 86 Prozent. Der Anteil des Bargelds dagegen beläuft sich nur gerade auf 14 Prozent. Das Buchgeld schaffen die Banken, indem sie Kredite vergeben.

Müssen die Banken denn das Geld für die Kredite nicht erst entweder von der Nationalbank, durch die Ausgabe von Obligationen oder über Kundeneinlagen erhalten?
Nein. Obwohl das eine gängige Ansicht ist, verläuft die Geldschöpfung gerade umgekehrt: Indem die Banken Kredite vergeben, schöpfen sie Buchgeld. Die Kredite stehen am Anfang. Sie brauchen nicht erst Einlagen oder speziell dafür bereitgestelltes Geld.

In welchem Zusammenhang stehen diese Kredite zum Buchgeld auf unseren Bankkonten, mit denen wir online oder über Karten Käufe tätigen und auf die wir unseren Lohn erhalten?
Jene, die die Kredite bekommen, erhalten sie auf einem Bankkonto gutgeschrieben. Damit können sie nun Zahlungen tätigen. Als Unternehmen können sie zum Beispiel Löhne damit auszahlen, Investitionen tätigen oder Güter und Dienstleistungen kaufen. Die Empfänger dieser Überweisungen können ihrerseits die Überweisungen auf ihre Konten für Zahlungen nutzen. Aber am Anfang steht die Kreditvergabe durch die Banken. Man kann deshalb sagen, unser Buchgeldsystem baut auf Schulden auf.

Was heisst das, unser Geldsystem beruhe auf Schulden?
Buchgeld besteht aus gehandelten Schulden. Das beginnt schon beim Kredit, der eine Schuld gegenüber der Bank darstellt. Wenn das Geld dann direkt oder indirekt als Gutschrift auf einem Konto landet, stellt es eine Schuld der Bank an die Kontoinhaber dar. Werden die Schulden getilgt, verschwindet das so geschaffene Geld wieder. Am einfachsten zu verstehen ist das, wenn ein Kreditnehmer das ihm auf dem Konto gutgeschriebene Geld für die Rückzahlung des Kredits verwendet, dann verschwindet sowohl die Schuld der Bank ihm gegenüber wie jene, die er gegenüber der Bank hat. Der Mechanismus bleibt gleich, auch wenn das Geld durch Zahlungen über mehrere Konten fliesst.

Ist das denn nicht gefährlich, dass der grösste Teil unseres Geldes auf Schulden basiert?
Das kann ein Problem sein, wenn die Geldschöpfung ausser Kontrolle gerät. Aber es hat auch Vorteile. Durch die Aufnahme von Krediten, ohne dass das Geld dafür den Banken erst zur Verfügung gestellt wird, können zum Beispiel zukunftsgerichtete Investition finanziert werden. Wenn sich diese später auszahlen, können damit die Schulden wieder beglichen werden. Das erhöht die Flexibilität einer Volkswirtschaft.

Können denn Banken beliebig mit Krediten Geld schöpfen?
Nein. Einerseits muss eine Nachfrage nach den Krediten bestehen, andererseits müssen Banken immer einen prozentualen Anteil an den vergebenen Krediten als Reserve auf ihrem Girokonto bei der Nationalbank halten.

Wie kann die Nationalbank die Geldmenge beeinflussen, wenn der grösste Teil davon durch die Geschäftsbanken geschaffen wird?
Einerseits, weil die Banken bei der Nationalbank Reserven halten müssen. Ihr wichtigstes Instrument ist aber der Leitzins. In der Schweiz ist das der Zins, den Banken untereinander für kurzfristige Ausleihungen bezahlen müssen. Diesen beeinflusst die Nationalbank über die Kosten für ihr Notenbankgeld, das die Banken im Alltag benötigen. Wenn die Banken selbst mehr für Notenbankgeld bezahlen müssen, verrechnen sie auch höhere Zinsen für die Kredite – und wenn die Kredite teurer werden, werden sie weniger nachgefragt. Damit reduziert sich der Anstieg der umlaufenden Geldmenge.

Was passiert, wenn alle Inhaber von Konten diese gleichzeitig räumen und Bargeld dafür verlangen.
Das nennt man einen «Bankrun». Ein solcher kann eine Bank insolvent machen. Denn das Geld lagert nicht auf den Konten. Es sind wie ausgeführt nur Gutschriften oder Versprechen an die Kunden, die auf den Konten ausgewiesen werden. Die Bank muss dennoch immer Geld bereithalten, um Kunden auszuzahlen, wenn sie Bargeld abheben wollen. Aber sie hätte nie genügend davon, um alle Kunden auszuzahlen.

Was ist denn die Folge eines solchen Bankruns?
Kommt Unsicherheit über die Solvenz einer Bank auf, führt das zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Denn eine Bank gerät ins Wanken, wenn aus Angst um ihre Einlagen alle ihr Geld von den Konten holen wollen. Vor allem wenn das eine stark finanziell vernetzte Grossbank betrifft, gerät auch das gesamte Finanzsystem in die Krise – und wegen der Bedeutung der Banken in der Geldversorgung auch ganze Volkswirtschaften. Die Angst um die Solvenz der Banken hat 2008 die Finanzkrise ausgelöst.

Was will denn die Vollgeldinitiative an der Geldschöpfung ändern?
Sie will, dass alles Geld im Umlauf von der Nationalbank stammt, wie das jetzt für das Bargeld gilt. Deshalb will sie unterbinden, dass die Banken mit Krediten selbst Geld schaffen können und dass das Buchgeld auf Schulden basiert.

Was bedeutet das für das Geld auf unseren Bankkonten, die wir für tägliche Zahlungen nutzen?
Dieses Buchgeld soll neu genauso von der Nationalbank stammen wie das Bargeld. Es muss deshalb von ihr erst neu geschaffen werden und wird dann von den Banken nur noch verwaltet, wie sie Aktien für Kunden in einem Depot verwalten. Es steht in keinem Zusammenhang mehr mit den Krediten und ist auch keine gehandelte Schuld mehr und auch nicht mehr nur ein Versprechen der Banken.

Was bedeutet denn der Begriff Vollgeld?
Es bedeutet, dass alles Geld auf den Bankkonten Vollgeld sein muss – also vollständig aus Nationalbankgeld bestehen soll. Das aktuelle Geldsystem nennt man im Gegensatz dazu ein fraktionales Reservesystem. Weil die Banken nur für einen Teil der Kundenguthaben auf den Konten Reserven an Notenbankgeld halten müssen.

Wie sicher wäre Vollgeld auf diesen Konten im Vergleich zu heute?
Vollkommen sicher, weil das Geld dann auf den Konten lagert und von der Bank nur verwaltet wird. Heute sind allerdings Einlagen bis 100'000 Franken beim Konkurs einer Bank ebenfalls versichert.

Wie steht es mit den Zinsen auf solchen Konten?
Zinsen wird es auf diesen Konten keine mehr geben, vielmehr ist mit Gebühren zu rechnen, da die Banken nach Annahme der Initiative mit der Verwaltung des Vollgeldes nur noch eine Dienstleistung für die Kunden erbringen.

Wie können denn die Banken neu Kredite vergeben?
Neu können sie nur noch Kredite mit Geld vergeben, das ihnen dazu speziell zur Verfügung gestellt wird. Als wichtige Quelle nennt die Initiative Sparkonten. Bankkunden, die an einem Zins auf ihren Einlagen interessiert sind und das Geld nicht jederzeit für Zahlungen benötigen, können es auf Sparkonten transferieren und es den Banken so für Kredite zur Verfügung stellen. Reicht das aber nicht aus, kann alternativ auch die Nationalbank den Banken Darlehen für Kredite zur Verfügung stellen.

Wie wird denn der Übergang vom aktuellen zum neuen Geldsystem bewerkstelligt?
Die aktuellen Einlagen auf unseren Bankkonten müssen neu durch Vollgeld der Nationalbank ersetzt werden. Die Banken schulden deshalb das Geld, das sie jetzt auf unseren Konten uns schulden, künftig der Nationalbank. Weil es künftig aber kein Schuldgeld mehr geben soll, müssen sie es der Nationalbank über die Jahre zurückzahlen.

Schrumpft denn im Übergang nicht die gesamte Geldmenge?
Sie würde schrumpfen, weil die zuvor vergebenen Kredite zurückbezahlt werden. Die Banken wiederum müssen das Geld, das sie damit selbst geschaffen haben, an die Nationalbank zurückzahlen. Die Initiative sieht deshalb vor, dass die Nationalbank zum Ausgleich direkte Zahlungen an die Bürger oder den Staat leistet, ohne dass der Staat dafür eine Gegenleistung erbringen muss.

Welche Rolle hätte die Nationalbank künftig?
Eine viel grössere als heute. Neben dem Notengeld stammt auch das Buchgeld von ihr. Und auch bei der Kreditvergabe wächst ihr Einfluss. Denn wenn die Spargelder für Kredite nicht reichen, muss sie mit Darlehen einspringen. Da vorgesehen ist, dass sie auch Geld direkt an Staat und Bürger vergibt, droht sie unter politischen Druck zu geraten, um dem Staat finanziell auszuhelfen.

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