Wer das Freestyle zu Grabe trug

In diesem Jahr gibt es keine Freestyle-Party auf der Landiwiese. Der Grund liegt nicht nur bei den fehlenden Hauptsponsoren.

Der vielleicht spektakulärste Programmteil des Freestyle.ch: Die FMX-Motorrad-Konkurrenz. (Archivbild)

Der vielleicht spektakulärste Programmteil des Freestyle.ch: Die FMX-Motorrad-Konkurrenz. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Skifahren und Snowboarden am Ufer des Zürichsees – und das im Spätsommer! Dieses abstrus anmutende Vergnügen fand vergangenes Jahr zum vorläufig letzten Mal statt. Die Hiobsbotschaft erreichte gestern zahlreiche Snowboarder, Freeskier, Mountainbiker, Skateboarder und Motocross-Fahrer: Das Freestyle.ch findet 2015 nicht statt.

Bereits im letzten Jahr wurden folgende Verluste bekannt: Mit der Zurich Versicherung und Hyundai verlor der Anlass zwei seiner Hauptsponsoren. «Die Dreijahresverträge konnten nicht verlängert werden», sagt Freestyle-Geschäftsführer Peter Hürlimann. Man sei nicht im Streit auseinandergegangen, müsse nun aber akzeptieren, dass sich die Sponsoren neu ausrichten.

Zurich: Eishockey statt Freestyle

Der Abgang der Zurich Versicherung trifft den Veranstalter besonders hart. Der Versicherer unterstützte das Freestyle jedes Jahr mit einem «sechsstelligen Betrag», wie Zurich-Mediensprecher Frank Keidel auf Anfrage mitteilt. Von nun an möchte Zurich sein Schweiz-Sponsoring auf das Schweizer Eishockey ausrichten. Damit zielt das Unternehmen auf eine breitere Bevölkerungsschicht. Zudem hat Zurich Aussicht auf eine regelmässigere Medienpräsenz: Eishockey-Spiele finden wöchentlich statt, während sich der Freestyle-Anlass auf zwei Tage beschränkt. «Das ist ein Grund, weshalb wir beim Sponsoring benachteiligt sind», sagt Freestyle-Geschäftsführer Hürlimann.

Hyundai beendete die Zusammenarbeit aus einem anderen Grund. Gemäss Hürlimann wäre der Schweizer Ableger des Autoherstellers gerne weiter als Sponsor präsent. Doch der südkoreanische Mutterkonzern verfolgte andere Pläne und strich das Geld für das Freestyle aus dem Budget. Hyundai unterstützte den Zürcher Grossanlass nicht nur finanziell, sondern belieferte die Organisatoren auch mit Fahrzeugen und führte Materialtransporte durch. Diego Battiston, Direktor von Hyundai Schweiz, umschrieb die Zusammenarbeit vor zwei Jahren: «Mit dem Freestyle finden wir die gewünschte Kombination von internationaler Grösse und einem starken lokalen Bezug. Wir reden also dieselbe Sprache.»

Kostspielige Auflagen der Stadt

Den grössten Kampf führen die Freestyle-Organisatoren allerdings nicht gegen abtrünnige Sponsoren, sondern gegen die Stadt Zürich. «Seit Jahren werden uns neue Gebühren aufgebrummt», sagt Hürlimann. Das Freestyle bekam zwar auch für die Jahre 2015 und 2016 einen Zustupf von 162'000 Franken. Ein Grossteil davon fliesst gemäss Hürlimann in Form von Gebühren wieder zurück an die Stadt zurück. Alleine für die Präsenz der Sponsoren bezahlte das Freestyle jährlich 120'000 Franken an die Behörden.

Der Gemeinderat Zürich macht laufend neue Forderungen für die Veranstalter. So fordert er schon seit ein paar Jahren, dass die ÖV-Fahrkarte im Ticketpreis integriert wird. Ein zusätzlicher Service, der die Besucher auf Kosten der Veranstalter zur Hin- und Rückreise des Anlasses berechtigt. Seit drei Jahren fordert die Stadt zudem eine Partnerschaft mit der Klimaschutz-Stiftung Myclimate. Für die Freestyle-Organisatoren hat dies zur Folge, dass sie alljährlich zwischen 15'000 und 20'000 Franken in Klimaschutzprojekte investieren müssen – je nachdem wie hoch der CO2-Ausstoss ausfällt.

Der Anlass ist nicht selbsttragend

Eine weitere Auflage betrifft das Ticketing. Aufgrund der städtischen Gebührenpflicht müssen die Organisatoren zehn Prozent der Ticket-Erlöse an die Behörden abliefern. Für das ohnehin nicht selbsttragende Freestyle ist das kaum verkraftbar: Ticketverkäufe deckten jeweils nur rund einen Viertel der jährlichen Ausgaben, die rund drei Millionen Franken betragen. In den letzten Jahren hat Hürlimann, der mit seiner Firma Cinerent der grösste Kino-Open-Air-Veranstalter der Schweiz ist, die sechsstelligen Verluste aus der eigenen Tasche bezahlt.

Als ob dies der Erschwernisse nicht genug wäre, macht den Veranstaltern nun noch die Bodenunterlage zu schaffen. Weil sich auf der Landiwiese kein Hartplatz mehr befindet, wären in diesem Jahr für die Wiederherstellung der Wiese und den Auf- und Abbau Zusatzkosten von 150'000 Franken entstanden.

Stadt nutzte Freestyle für Marketing-Zwecke

Die Landiwiese kommt die Veranstalter mit einer Miete von 50'000 bis 80'000 Franken ohnehin teuer zu stehen. Doch für das Freestyle ist sie ein unverzichtbarer Bestandteil: «Unser Erfolg steht und fällt mit dem Standort», sagt Hürlimann. Auch die Stadt Zürich weiss um die Attraktivität des Platzes und nutzt das Freestyle entsprechend für touristisches Marketing. So schreibt die Stadt vor, dass Stadt und See in der TV-Übertragung ersichtlich sein müssen.

Das Fernsehen trug den Anlass über die Schweizer Grenze hinaus: 14 TV-Stationen, darunter solche aus Übersee, sicherten sich im letzten Jahr Live-Übertragungsrechte. Viele weitere strahlen Zusammenfassungen des Events aus.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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