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Berner Ideen (20)«Wer baut, trägt Verantwortung für die Gesellschaft»

Sie sorgt dafür, dass alle Menschen sich wohl- und sicher fühlen in der Stadt: Die Berner Architektin Dominique Plüss baut gendergerecht.

Architektin Dominique Plüss regte einst an, dass beim Bahnhof Bern viele gut sichtbare Treppen und ein Glaslift gebaut wurden.
Architektin Dominique Plüss regte einst an, dass beim Bahnhof Bern viele gut sichtbare Treppen und ein Glaslift gebaut wurden.
Foto: Raphael Moser

Ein Glaslift fährt vom Bahnhof Bern auf die Grosse Schanze. Am Treffpunkt weisen breite Treppen den Weg aus dem Gebäude. Und die Toiletten sind nicht im Untergrund versteckt, sondern ebenerdig neben der Heiliggeistkirche platziert.

Es sind unscheinbare Details, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Verbindung und ihren Sinn preisgeben: Alle sorgen sie dafür, dass die Passantinnen und Passanten sich sicherer fühlen.

Dass bei den diversen Erneuerungen im und um den Bahnhof Bern der letzten 25 Jahre solche Details umgesetzt wurden, ist auch Dominique Plüss zu verdanken. Als Folge eines Vorstosses der SP im Stadtparlament begleitete eine Gruppe von fünf Fachfrauen damals die Planung der Erneuerung des Bahnhofplatzes und die Sanierung der Unterführung.

Der Bahnhof aus den 1970er-Jahren wies mit seinen unübersichtlichen Unterführungen viele Räume auf, in denen sich nicht alle Menschen sicher fühlten. Die mehrheitlich mit Fachmännern besetzte Projektgruppe sollte durch das Know-how der Fachfrauen wie der 53-jährigen Berner Architektin erweitert werden.

Wer Räume plant und baut, legt seinen Entwürfen auch die eigenen Lebenserfahrungen zugrunde. «Ein junger, berufstätiger Mann hat einen anderen Fokus als eine gebrechliche Frau mit Rollator oder ein Kind, das neugierig die Welt entdeckt», sagt Dominique Plüss. Meistens aber sind auch heute noch Erstere zuständig für die Planung der gebauten Umwelt – wodurch die Bedürfnisse von Menschen mit anderen Alltagsrealitäten und den damit verbundenen Bedürfnissen schnell vergessen gehen.

Darum engagiert sich Plüss im Verein Lares. Vor acht Jahren in Bern gegründet, bezweckt er, alltags- und gendergerechtes Planen und Bauen zu fördern. Für Plüss heisst das: «Räume sollen so gestaltet sein, dass sich unterschiedliche Nutzerinnen und Nutzer gleichberechtigt entfalten können.»

Kein reines Frauenthema

Als sich in den 1980er-Jahren die Gleichstellungsbemühungen weiterentwickelten, trat auch der gebaute Raum mehr ins Bewusstsein. Und es zeigte sich: Auch hier herrscht Ungleichheit, sprich: Die räumliche Dominanz von männlichem Alltagsleben wurde sichtbar. Nicht alle Menschen bewegen sich gleich auf Strassen und Plätzen. In den 1980er-Jahren lag der Fokus auf den Bedürfnissen der Frauen. Sicherheit und Lebensqualität standen in öffentlichen Räumen im Vordergrund. Es gingt vor allem um den Schutz vor männlichen Übergriffen, etwa durch Frauenparkplätze, die in Parkhäusern nahe den Eingängen platziert wurden, oder die Vermeidung von dunklen Unterführungen und toten Winkeln.

Rasch hat sich die Perspektive erweitert. Es sei kein reines Frauenthema mehr, obwohl die Sensibilisierung für das Sicherheitsgefühl von ihnen ausging. «Es geht um die Teilhabe an der Gestaltung und an der Nutzung unserer gebauten Räume. Dass man sich beim Aufenthalt in öffentlichen Räumen wohlfühlt, ist ein Thema, das alle betrifft», so Plüss. Es geht um eine ganzheitliche, soziale und partizipative Perspektive, darum, dass eine Planung alle sozialen Rollen beachtet und ihre Bedürfnisse gleichwertig gewichtet.

Dominique Plüss ist Architektin und Kulturwissenschaftlerin und arbeitet, nach Tätigkeiten in Architekturbüros, bei Stadt und Kanton Bern, freischaffend als Architektin, Architekturfotografin und Filmerin. Und sie berät Menschen bei ihrem Bauvorhaben in Bezug auf Alltags- und Genderaspekte.

Aktuell ist sie beim Entwicklungsschwerpunkt Bahnhof Langenthal involviert. Stadtbaumeisterin Sabine Gresch hat sie dazugeholt, um die Projektpläne zu begutachten. Rund um den Bahnhof soll der öffentliche Raum neu gestaltet werden, ebenso die Unterführung, welche die Innenstadt mit dem Gewerbe-, Schul- und Wohnquartier Hard verbindet.

Bei den Plänen für die Unterführung achtete Plüss vor allem darauf, dass die Orientierung leichtfällt: Wer hineinkommt, soll sofort sehen, wo der Weg weitergeht respektive wieder hinausführt. «Niemand soll das Gefühl haben, in ein schwarzes Loch zu gehen.» Plüss ist grösstenteils zufrieden mit dem Vorhaben in Langenthal, regt aber an, eine der beiden Velostationen nochmals zu überdenken, da diese lediglich über einen Zugang verfügt. Dabei wäre es wichtig, dass es mindestens zwei sind. Zwei Ausgänge geben ein sichereres Gefühl.

Spürbare Fortschritte

Es ist ihre eigene Geschichte, die Dominique Plüss zu ihrem Einsatz für gendergerechte Planung geführt hat. In der Lehre zur Hochbauzeichnerin und im darauffolgenden Architekturstudium habe sie als Frau stets einer Minderheit angehört. Auf zehn Studenten kam eine Frau. Nicht anders war das Geschlechterverhältnis später in ihrem Berufsleben als Architektin.

Wie sich behaupten in Männergremien? Warum müssen Frauen mehr leisten, um prestigeträchtige Projekte leiten zu dürfen? Das waren die Fragen, die Plüss beschäftigten und sie in Netzwerke mit anderen Fachfrauen führten und ihren Blick schärften für gesellschaftliche Themen. Themen, die in der Architektur oftmals im Hintergrund blieben: «Es gab damals wenige, die sich für benachteiligte Gruppen einsetzten», sagt sie.

Heute sei das zum Glück besser. Die in die Planung involvierten Personen seien stärker sensibilisiert als noch vor 20 Jahren. Beim Projekt in Langenthal sieht sie ihre Beobachtung bestätigt: «Ich muss immer weniger intervenieren, weil die Themen von Anfang an besser berücksichtigt werden.»

Selten werden ihre Anregungen im effektiv gebauten Werk vollständig umgesetzt. Mal verhindern es technische Vorgaben, mal fehlendes Geld oder fehlender Wille. Plüss sieht das gelassen: «Mit 30 Jahren Berufserfahrung bin ich es mir gewohnt, dass es immer darum geht, im Dialog gemeinsam gangbare Wege zu finden.»

Ein Umstand, der ihre Motivation in keiner Weise schmälert. Denn Dominique Plüss ist sich bewusst: «Wer baut, trägt Verantwortung für die Gesellschaft.»