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Corona und ScheidungWenn der Ehepartner zur Ruhestörung wird

Ein japanischer Unternehmer vermietet Zimmer an Leute, die es mit der vermeintlich grossen Liebe zu Hause nicht mehr aushalten. Für seine eigene Beziehung kommt der Service jedoch zu spät.

Das Stay-Home-Gebot gegen die Verbreitung des Coronavirus setzt Eheleute und Lebenspartner auf der ganzen Welt unter Druck.
Das Stay-Home-Gebot gegen die Verbreitung des Coronavirus setzt Eheleute und Lebenspartner auf der ganzen Welt unter Druck.
Foto: Reuters

Dass das Daheimbleiben einer Beziehung nicht unbedingt guttut, ist für den Unternehmer Keisuke Arai eine schmerzhafte Lehre aus der Coronavirus-Krise. Denn die Klagen genervter Eheleute konnte er ja nicht nur auf Twitter unter dem Hashtag Coronarikon, deutsch: Corona-Scheidung, nachlesen. Er ist selbst ein Betroffener.

«Ich habe mit meiner Freundin zusammengewohnt», sagt Arai, «aber wir haben uns getrennt, weil wir zu viel Stress hatten dadurch, dass wir zusammen zu Hause geblieben sind.»

Immerhin, aus dem Kummer wurde eine Idee, die er seit Anfang April mit seiner Firma, dem Tourismus-Betreiber Kasoku, umsetzt: Er vermietet Zimmer und Wohnungen an Leute, die es mit der vermeintlich grossen Liebe zu Hause nicht mehr aushalten.

Wenig Freiräume, viele Machos

Den Bedarf für die aktive Scheidungsvorbeugung gibt es nicht nur in Japan. Das Stay-Home-Gebot gegen die Verbreitung des Coronavirus setzt Eheleute und Lebenspartner auf der ganzen Welt unter Druck. In den Ballungsräumen Asiens dürfte das Problem aber noch grösser sein, denn Platz ist hier ein seltener Luxus. Die Stadtentwicklung in Japan zum Beispiel diente immer schon dem Zweck, möglichst viele Menschen auf den Flächen zwischen dem mächtigen Bergland unterzubringen. Selbst Häuslebauer leben hier normalerweise auf engem Raum ohne Garten in dicht besiedelten Bezirken mit allenfalls kleinen Parks.

Dazu kommt, dass viele Männer in Japan noch in der Tradition der Machogesellschaft verwurzelt sind und vom Haushalt keine Ahnung haben. Dass sie meistens in der Firma sind, scheint eine Voraussetzung für den Bestand einer Ehe in Japan zu sein. Jeff Kingston, Japan-Experte von der Temple University in Tokio, hat dem US-Sender CNN gesagt, manche japanische Männer wollten mit ihren langen Arbeitszeiten «Hausarbeiten aus dem Weg gehen oder vermeiden, dass ihre Kinder sie wie Ausserirdische sehen».

Aber in Zeiten des Virus-Notstands fällt der Arbeitsplatz als Zufluchtsort aus. Häusliche Gewalt ist die schlimmste Folge der erzwungenen Home-Office-Routine. Andere Scheidungsgründe sind nachzulesen unter #Coronarikon. Vor allem Frauen schildern dort ihre Not. Eine schreibt: «Mein Ehemann trinkt, er läuft rum, wäscht seine Hände nicht und weiss nicht, was in der Küche zu tun ist.» Eine andere beklagt «seine laute Stimme, das Geräusch, wenn er hustet und isst.» Schnarchen tue er auch. Während der Fernseher läuft. Der Gatte als Ruhestörung. «Wie lange geht das noch?», fragt die Frau. «Wird meine Moral das aushalten?»

42 Leute haben das Angebot laut Arai schon genutzt

Die Firma Kasoku antwortet in ihrer Werbung: «Bitte kontaktieren Sie uns, bevor sie an eine Coronavirus-Scheidung denken.» 40 Hotels und 500 Bed & Breakfasts in Städten zwischen Hokkaido und Okinawa kann Keisuke Arai anbieten, ab 4400 Yen (38 Euro) pro Nacht. Sein Unternehmen arbeitet mit der Personalvermittlungsagentur G-Tech zusammen, die Gleichstellung wichtig nimmt und sich mit Scheidungsrecht auskennt – Beratungen bietet Kasoku deshalb auch an.

Von der Idee zur Eherettung erhofft sich Arai auch Erholung in wirtschaftlich schwieriger Lage. Die Coronavirus-Krise trifft den Tourismus hart. «Unsere Einnahmen sind nur noch ein Viertel dessen, was vor dem Ausbruch war», sagt Arai. Aber das neue Angebot werde gut angenommen, 42 Leute hätten es schon genutzt. Und das Konzept für genervte Eheleute wird bleiben. Japans Scheidungsrate steigt, das war schon vor der Pandemie so. Arai will das ändern: «Wir glauben, eine vorübergehende Obhut gibt Eheleuten die Möglichkeit, sich zu beruhigen und einen klaren Kopf zu bekommen.» Für seine eigene Beziehung allerdings kommt der Service zu spät.