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Kornhausforum richtet sich neu ausWeniger Fotomuseum, mehr Forum

Als neuer Leiter will Nicolas Kerksieck das Kornhausforum verändern: Anstelle der Fotografie sollen gesellschaftsrelevante Themen im Fokus stehen.

Nicolas Kerksieck ist der neue Leiter des Kornhausforums – das derzeit während Corona leer steht.
Nicolas Kerksieck ist der neue Leiter des Kornhausforums – das derzeit während Corona leer steht.
Nicole Philipp/Tamedia AG

Es ist ein seltsamer Moment, um eine neue Ära einzuläuten: Mitten im Stillstand. Doch genau das tut Nicolas Kerksieck, der neue Leiter des Kornhausforums. Anfang Jahr trat er seine neue Stelle an, nachdem sein Vorgänger Bernhard Giger das Haus ganze 12 Jahre lang geleitet hatte. Und nun ist das Kornhausforum geschlossen wie alle anderen Museen auch. Natürlich hätte Kerksieck sich Publikum und damit auch Rückmeldungen gewünscht.

«Es ist schon eine Herausforderung, so ganz ohne Resonanz anzufangen», sagt der 42-Jährige. «Aber ich war ja vorgewarnt: Corona war schon da, als ich die Zusage für die Stelle bekommen habe.» Und die Stille habe, wenn man das in der Kulturbranche derzeit überhaupt sagen dürfe, auch Vorteile: «Für interne Prozesse und Veränderungen ist es nicht schlecht, dass wir gerade etwas mehr für uns sind.» Allem voran soll das Kornhausforum digitaler werden. «Das ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft, den wir jetzt gehen müssen», ist Kerksieck überzeugt. Aber auch die Ausstellungsstrategie des Kornhausforums will Kerksieck verändern.

Weg von einzelnen Disziplinen

In seiner langen Amtszeit hatte Kerksiecks Vorgänger, der Filmemacher und Kulturjournalist Bernhard Giger, den Stil des Kornhausforums geprägt und dieses bekannt gemacht: Unter der Leitung des passionierten Fotografen war das Kornhausforum vor allem Fotomuseum, obwohl das Kulturzentrum sich als Ausstellungsort rund um Design, Architektur und Fotografie positioniert.

Mit Kerksieck als neuem Leiter soll sich das ändern. Das Haus soll mehr Forum sein – oder wie Kerksieck sagt, ein Ort, an dem «nicht eine bestimmte Disziplin im Fokus steht, sondern ein gesellschaftlich relevantes Thema». «Ich finde es toll, gewissermassen ein Dreispartenhaus leiten zu dürfen», fügt er an. Er könne sich auch gut vorstellen, mit weiteren Kulturbereichen zusammenzuarbeiten – etwa mit Schauspiel, Tanz, Theater oder den Wissenschaften.

Auch wenn Fotografie nicht mehr der Schwerpunkt des Kornhausforums sein wird: Ganz aufgegeben wird sie natürlich nicht. «Bernhard Gigers Ausstellungen zu historischer und dokumentarischer Fotografie haben eine grosse Fangemeinde», befindet Kerksieck. Darum sind für die kommende Saison zwei dieser Ausstellungen geplant – die Giger auch selbst kuratieren wird.

Von der Hochschule zurück in die Praxis

«Die interdisziplinäre Arbeitsweise liegt mir in der DNA», sagt Kerksieck. Schon während seines Studiums widmete er sich verschiedenen Fächern, studierte Kunstgeschichte, Musik und BWL, «was man heute wohl Kulturmanagement nennen würde». Später hängte Kerksieck ein Zweitstudium in der Bildhauerei an. Und die letzten zehn Jahre war Kerksieck im Hochschulwesen tätig – wo die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen besonders grossgeschrieben wird –, zuletzt als Leiter der Hochschulentwicklung sowie als Dozent an der Hochschule Luzern – Design & Kunst.

Nicht nur in Hinsicht auf andere Disziplinen sei ihm der Austausch wichtig, sondern auch mit anderen Kuratierenden und Expertinnen und Experten. «Oft lohnt es sich, nicht alles selbst zu bestimmen, sondern erst einmal zuzuhören – gerade wenn man neu an einem Ort ist», sagt Kerksieck. Zu diesem Zweck – Zuhören – hat er nun einen ersten offenen Aufruf lanciert: Für eine Ausstellung, die Ende Jahr stattfinden soll, werden Ideen und Konzepte rund um die Nutzung des öffentlichen Raums gesucht.

Wie sich Menschen im öffentlichen Raum bewegen, «die Choreografien», fasziniert ihn. Ebenso: Unorte, die gemieden werden, schöne Orte, die Menschen anziehen. «Die Pandemie hat einen spürbaren Einfluss auf den öffentlichen Raum – zum Beispiel, wenn Seepromenaden, die ja als schöne Orte gelten, gesperrt werden.» Wie werden wir den öffentlichen Raum nach der Corona-Pandemie nutzen? Sehnen wir uns danach, dass alles wieder wird, wie es war? Oder wollen wir den öffentlichen Raum aktiv verändern? Der Open Call richte sich nicht nur an Architektinnen und Designer, sondern an die Bevölkerung – «auch wenn mir gesagt wurde, er sei etwas zu akademisch geschrieben, als dass das ganz klar werde», sagt Kerksieck und schmunzelt. Der Geist der Hochschule scheint noch greifbar zu sein.

Von ähnlichen Fragen handelt ein kleineres, improvisiertes Projekt, das Kerksieck gemeinsam mit seinem Team Anfang Jahr kurzerhand aus dem Boden gestampft hatte. «Ausstrahlungen» heisst es, präsentiert werden vor den Fenstern des Kornhauses musikalisch untermalte Lesungen verschiedener Texte. «Auch die ‹Ausstrahlungen› handeln von Begegnungen, von Sehnsucht nach Austausch und Kontakten», sagt Kerksieck. «Auch da geht es um den öffentlichen Raum – einfach aus einer poetischen Perspektive betrachtet.» Fast 500 Personen verfolgen die Installationen auf den digitalen Kanälen, auf dem Kornhausplatz bleiben die Leute stehen, wenn plötzlich eine Stimme aus den Lautsprechern erschallt. Das ist Kontakt auf Distanz, Kontakt mit einem Publikum, das pandemiebedingt Abstand wahren muss. Aber immerhin – es gibt Resonanz.

Open Call: Für die Ausstellung «Shared Spaces in Change» (Deutsch: «Öffentliche Räume im Wandel») rufen das Kornhausforum und das Architekturforum Bern dazu auf, Projekte einzureichen, die sich um das Verständnis des öffentlichen Raumes und Veränderungen dessen drehen. Im Zentrum stehen Fragen wie «Hat die Corona-Pandemie unser Verständnis von Öffentlichkeit verändert? Wie wollen und werden wir zukünftig zusammenleben?» Einsendeschluss ist der Montag, 15. März 2021. Weitere Informationen finden Sie hier.