Wo gesägt wird, entsteht Kunst

Motorsägenkünstler

Mit 110 Dezibel zum eleganten Adler: Toni Flückiger alias Flugo ist Motorsägenkünstler. Der 38-jährige Berner fertigt mit der Säge Holzskulpturen und tritt als Showschnitzer an Hochzeiten und Geburtstagsfesten auf. Vor fünfzehn Jahren machte er sein Hobby zum Beruf.

Als wären Sie von Hand geschnitzt: Toni Flückiger inmitten seiner Motorsägenobjekte.

Als wären Sie von Hand geschnitzt: Toni Flückiger inmitten seiner Motorsägenobjekte.

(Bild: Maria Künzli)

Hoch konzentriert fährt Toni Flückiger mit der Kettensäge über das Holz. So sanft, als würde er es streicheln wollen und millimetergenau – bis er mit dem Resultat zufrieden ist, bis die Figur vor ihm dem Bild in seinem Kopf entspricht. «Manchmal zeichne ich mir die Dinge vor, aber meistens reicht meine Vorstellung aus», erzählt Flückiger. Als Motorsägenkünstler sägt er Skulpturen aus Holz, die aussehen, als hätte sie jemand von Hand geschnitzt. Beim Adler erkennt man jede Feder, die Eule hat diesen rätselhafen Blick, als würde sie alles wissen. Kaum zu glauben, dass so etwas mit einem Werkzeug zu schaffen ist, das einen Lärm von 110 Dezibel verursacht und normalerweise eher für gröbere Arbeiten eingesetzt wird.

Flückiger wohnt mit seiner Familie in der Nähe von Sumiswald im Emmental. Sein Haus erkennt man sofort: Die Holzskulpturen sind nicht zu übersehen. Hier hat er sich seine Werkstatt eingerichtet, draussen im Freien. Schon lange ist Flückiger von der Motorsäge fasziniert. Als Kind begleitete er seinen Vater, der als Forstwart arbeitete, oft in den Wald. Schliesslich wurde er selbst Forstwart, baute Blockhäuser und begann bereits während der Lehre, hobbymässig Skulpturen zu sägen. 22 Jahre Erfahrung und tausende Stunden Übung stecken hinter der Präzision, mit der Flückiger heute seine Werke fertigt. Beigebracht hat er sich alles selbst. «Es ist ja kein offizieller Beruf, es gibt dafür weder Kurse noch eine Ausbildung.»

Holzberuf von Vorteil

Um zu tun, was er tue, brauche es zum einen handwerkliches Geschick und zum anderen ein gutes Vorstellungsvermögen. Wer einen Beruf gelernt habe, der etwas mit Holz zu tun hat, bringe gute Voraussetzung mit: Forstwartin, Schreiner, Zimmerin. Oder Holzbildhauer. Dieser arbeite aber in der Regel mit der Säge nur, um das Motiv «grob auszublocken». Die grösste Arbeit wird danach mit dem Meissel von Hand gemacht.

Flückiger aber arbeitet ausschliesslich mit Motorsägen. «Sonst hätte ich viel zu lange für ein Objekt und es wäre so teuer, dass es kaum jemand bezahlen würde.» Gerade arbeitet er an einer Sitzbank, deren Seitenenden je ein fast originalgrosser Kuhkopf schmückt. Für die beiden Köpfe samt Bank braucht er knapp einen Tag. Und wie viel kostet das Objekt? «1200 Franken, das stimmt für beide Seiten», so Flückiger. Für seine Arbeiten verwendet er nur Holz aus der Region, grösstenteils Nadelholz: Lärche, Douglasie oder Föhre. Und Tannenholz aus dem eigenen Wald.

Seit fünfzehn Jahren kann der Holzwerker von seinem Handwerk leben. «Ich fertige nur noch nach Kundenwunsch. Für Eigenkreationen bleibt keine Zeit.» Manche bestellen ein Motiv, das sie bei ihm bereits gesehen haben, oder sie kommen mit eigenen Ideen. Auch Showschnitzen bietet der Berner an. Seine mobile Showbühne ist einzigartig in der Schweiz. In der Regel bereitet der Künstler etwas vor, das er auf dem Fest vor Publikum fertig sägt – und dem Hochzeitspaar oder dem Geburtstagskind als Geschenk überreicht. Pro Woche fertigt Flückiger etwa zehn Objekte und bedient pro Tag drei bis vier Kunden. Seine Frau Sandra kümmert sich derweil um die Buchhaltung und alles Administrative.

Herausforderung Kuh

Hat sich der Motorsägenkünstler bei der Arbeit schon mal verletzt? Flückiger schüttelt den Kopf: «Die Arbeit des Forstwarts ist viel gefährlicher als das, was ich heute tue.» Jeder Schnitt sei kontrolliert. Er stehe immer auf ebenem Boden, schütze seine Augen und seine Ohren. Aber aufpassen müsse man natürlich schon. Deshalb will er selbst auch keine Kurse oder Events anbieten, an denen die Teilnehmenden selbst Hand anlegen können. «Das wäre zu gefährlich.»

Die Freude am Arbeiten mit der Motorsäge ist Flückiger bis heute geblieben. Am liebsten sägt er Wildtiere. Den Steinbock, die Eule oder auch den Bären. An der Kuh hingegen hat er sich schon oft die Zähne ausgebissen. «Ich weiss nicht, woran es liegt, aber Kühe werden nicht so, wie ich möchte.» Flückiger hält kurz inne und zeigt auf die beiden Kuhköpfe neben sich. «Wobei, mit denen hier bin ich eigentlich ganz zufrieden.»

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch/topics/gestaltung-design

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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