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Umgang mit sozialer IsolationWas wir jetzt von Astronauten lernen können

Die Erfahrungen von Raumfahrern dürften wohl zeigen, dass die nächsten Wochen und Monate für manche Menschen gefährlich werden könnten.

Analog-Astronauten auf ihrer Mission im Oman. 
(Keystone/ÖWF/Florian Voggeneder)

Wie fühlen sich Kontaktverbot, Isolation und Corona-Quarantäne an? «Als würden wir als blinder Passagier im Bauch eines Schiffes reisen, unsicher über die Dauer der Fahrt und ohne Ausblick auf die Sterne, um unsere Positionen zu bestimmen», schrieb vor Kurzem ein Autor im «New Yorker». Und höchstwahrscheinlich hat er sogar recht.

Weltraummediziner und Isolationsforscher machen gerade darauf aufmerksam, dass sich die Situation von Millionen Menschen mehr und mehr der von Seefahrern angleicht, von Arbeitern auf Ölbohrinseln, Polarforschern oder Astronauten im All: eingekapselt auf engem Raum leben, das Gefühl, isoliert von anderen Menschen zu sein, ohne physischen Kontakt ausserhalb der Familie. «Jedes Zusammenkommen ist unterbunden, weil es gefährlich ist», sagte der Philosoph Anthony Adler im Magazin der «Süddeutschen Zeitung». Und Experten beraten weltweit: Was ist zu tun, falls die Bevölkerung «isolationsmüde» wird? Was kommt da auf uns zu?

«Am krassesten war es beim ersten und zweiten Mal», sagt Gernot Grömer am Telefon in Innsbruck. Grömer ist einer der bekanntesten Analog-Astronauten Europas und regelmässiger Teilnehmer an Weltraumsimulationen. In nachgebauten Raumstationen auf der Erde probt er mit einer Crew, was es bedeuten würde, im All oder auf fernen Planeten zu leben.

Kaum Platz, minimaler Kontakt zur Aussenwelt

Die Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, sind vor allem für die Nasa oder die Esa, die europäische Weltraumorganisation, von Bedeutung, weil die meisten Simulationen sehr realistisch sind: kaum Platz, wenig Menschen um einen herum, minimaler Kontakt zur Aussenwelt.

Grömer machte bei der Hälfte seiner zwölf Missionen die Erfahrung von Isolation. «In kürzester Zeit reagiert man auf die kleinsten Details, stehengelassene Kaffeetassen beginnen einen aufzuregen, oder dass jemand zu lange duscht.» Ein Gefühl der Enge mache sich breit, Stress entstehe, manche Teilnehmer würden mit der Zeit auch verstummen.

Was ein Isolationsexperiment aber von der Corona-Krise unterscheidet: «Die meisten Menschen hatten kein Mitspracherecht und erleben daher möglicherweise eher Isolation, als wenn sie sich in einem ganz anderen Kontext für die Isolation entschieden hätten», schreibt die Epidemiologin Nicole Pitcher vom Centre of Research in Epidemiology and Statistics der Sorbonne Paris Cité in einer Mail.

Pitcher fand 2016 in einer Metastudie heraus, dass isolierte und einsame Menschen mit einem 29 Prozent höheren Risiko leben, an den Herzkranzgefässen zu erkranken. Das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, ist in Isolation um 32 Prozent erhöht. Eine aktuelle Übersichtsstudie von Forschern des Londoner King's College kommt sogar zum Ergebnis, dass eine von aussen angeordnete Quarantäne zu Depressionen, Angst, Wut, Schlaflosigkeit und posttraumatischen Belastungsstörungen führen kann.

Erst später negative Effekte

Was dem entgegengesetzt werden kann? Das war eine der Fragen, die vor zehn Jahren im Mittelpunkt des größten Isolationsexperiments in der Geschichte der Raumfahrt standen. In einem Vorort von Moskau begaben sich damals drei Russen, ein Franzose, ein Italiener und ein Chinese 520 Tage in Isolation – die Zeitspanne eines Flugs zum Mars und wieder zurück. Der Titel des Experiments: Mars-500. Einer der Wissenschaftler, die das Projekt zeitweise begleiteten, war der Neurowissenschaftler Stefan Schneider von der Deutschen Sporthochschule Köln.

«Die Persönlichkeit von Menschen wird in Isolation deutlicher nach oben gespült», sagt Schneider, der in Moskau am Anfang auch positive Effekte wahrgenommen hat. Zunächst genossen die Teilnehmer die Ruhe sogar, erst später kamen negative Effekte hinzu.

Eine von mehreren Gegenmassnahmen, die Schneider mit Astronauten getestet hat und die auch in der Selbst-Quarantäne während der Corona-Krise helfen könnte, ist körperliche Aktivität, also Sport. «Wer sich regelmässig in Isolation bewegt, bleibt emotional stabil», sagt der Neurowissenschaftler. Allerdings muss der Sport auch Spass machen.

Langfristige Isolation beeinträchtigt das Gehirn

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis, die inzwischen eine Reihe von Wissenschaftler gemacht haben, lautet aber: Langfristige Isolation beeinträchtigt auch das Gehirn. «Es würde mich nicht wundern», sagt der Weltraummediziner Alexander Stahn, «wenn in zwei, drei Wochen Veränderungen in der Hirnstruktur der Deutschen zu bemerken wären.»

Stahn arbeitet am Institut für Physiologie der Charité in Berlin. Er war bei mehreren Isolationsexperimenten am Johnson Space Center der Nasa in Houston/Texas beteiligt. Zum selben Thema fortschte er im Jahr 2018 und 2019 in der Antarktis, auf der Neumayer-Station III des Alfred-Wegener-Instituts. Stahn und sein Team begleiteten in einer Studie fünf Männer und vier Frauen, die insgesamt 14 Monate auf der Polarforschungsstation verbrachten: die meiste Zeit in Dunkelheit, auf sich allein gestellt und sozial isoliert, Aussentemperatur: minus 50 Grad.

Das Ergebnis: Isolation wirkt sich negativ auf eine bestimmte Region des Hippocampus aus, die für räumliches Denken und Gedächtnisleistung zuständig ist zum Beispiel dafür, sich bestimmte Ereignisse oder Fakten zu merken, etwa ein Kochrezept. «Isolation ist für unser Gehirn das, was ein Gips für unsere Muskeln ist», sagt Stahn. Der in Gips eingepackte Muskel baut ab. Genauso verhält sich unser Gehirn: Es verkümmert.

Weltraummediziner und Isolationsforscher sagen allerdings, es komme darauf an, wie lange das Kontaktverbot bestehen bleibt - und in welcher Lebenslage man sich befindet: Hat man ein Haus mit Garten oder nur eineinhalb Zimmer? Ist man jung und lebt man mit einer Familie zusammen oder ist man alt und allein?

«Diejenigen, die schon vor Corona an Einsamkeit und Isolation gelitten haben, könnten noch einsamer und isolierter werden», schreibt die Epidemiologin Pitcher in ihrer Mail. Andere Wissenschaftler sind sogar der Meinung, dass sich Krankheitsverläufe etwa bei Demenz jetzt beschleunigen könnten.

«Es braucht Reize für das Gehirn, man muss es weiter fordern», sagt Weltraummediziner Stahn. Er rät: Viel kommunizieren, etwa per Video, so wie es auch Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS handhaben. Und nicht immer alles auf die gleiche Weise machen, die Zahnbürste auch mal in die linke Hand nehmen statt in die rechte.

Wie gefährlich ist Isolation? US-Astronaut Scott Kelly 2015 in einem Sojus-Kapsel-Simulator.
(Keystone/Bill Ingalls/NASA via AP)

«Die Reize sollten möglichst unterschiedlich sein und echt», sagt Stahn. Deshalb könne die digitale Vernetzung die Gefahren für das Gehirn auch nur abpuffern, physischen Kontakt ersetze sie nicht. Davon abgesehen: Manche Menschen, ältere vor allem, können überhaupt nicht mit dem Enkel skypen. Sie haben keinen Computer und kein Smartphone.

Für die Corona-Krise gab es kein Training

Astronauten wissen übrigens im Gegensatz zu den Millionen Menschen in Corona-Isolation sehr genau, wann eine Mission beginnt - und noch wichtiger: wann sie wieder endet. Und sie bereiten sich intensiv auf die Isolationserfahrung vor.

Tom Williams, der als Psychologe am Johnson Space Center der Nasa in Houston arbeitet, berichtet davon, dass jede Crew zwei Jahre zusammen trainiere, bevor es ernst wird. Auch psychologische Betreuung während einer Mission gehört dazu - das ist ein weiterer Unterschied.

Was lässt sich aus der Raumfahrt auf das Leben in der Corona-Krise also übertragen? «Mindestens für eine Mahlzeit am Tag zusammenkommen», sagt Williams. Er rät auch zum Tagebuchschreiben, um seine Gedanken zu sortieren und negative Gefühle aufzulösen. Überhaupt helfe es sehr, den Tagen eine Struktur zu geben. «Das Allerwichtigste ist aber, in Isolation etwas zu tun, was man für bedeutsam hält.»

Unvergessen bis heute ist der 115 Tage lange Aufenthalt von Norman Thagard 1995 auf der russischen Raumstation Mir. Der US-Astronaut verstand sich weder mit den zwei Russen besonders gut, noch fand er genügend Aufgaben, mit denen er sich beschäftigen konnte. So gingen die Mir-Aufenthalte der Amerikaner, wie Thagards Kollege es nannte, als «hardest thing I have ever done» in die Annalen der Nasa ein, als härteste Erfahrung, die ein Astronaut nur machen kann.

Ein Jahr später ermöglichte man der US-Astronautin Shannon Lucid dann, mehr als 100 Bücher mit zur Mir zu nehmen, die ihre Tochter ausgewählt hatte.

Medizin gegen die Isolation.