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Ein Schatten ihrer selbstWas von der Flüchtlingshilfe übrig blieb

Vier Jahrzehnte lang war sie die Partnerin des Kantons, im Umbau des Berner Asylwesens büsste die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe ihren Einfluss ein. Eine Bilanz.

Die Zivilschutzanlage Hochfeld im Berner Länggassquartier war als Notunterkunft und Durchgangszentrum für Asylsuchende in Betrieb. Gegen den «Asylbunker» wurden mehrere Demonstrationen organisiert. Die Einrichtung wurde geschlossen, da das Bundesasylzentrum auf dem Gelände des Zieglerspitals ausreichend Platz bietet.
Die Zivilschutzanlage Hochfeld im Berner Länggassquartier war als Notunterkunft und Durchgangszentrum für Asylsuchende in Betrieb. Gegen den «Asylbunker» wurden mehrere Demonstrationen organisiert. Die Einrichtung wurde geschlossen, da das Bundesasylzentrum auf dem Gelände des Zieglerspitals ausreichend Platz bietet.
Foto: Christian Pfander
  • Während der Flüchtlingskrise verantwortete die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe (HAF) 25 Kollektivunterkünfte im ganzen Kanton mit bis zu 4000 Menschen.
  • Sie entstand, als vor 40 Jahren in Sri Lanka Krieg herrschte und die Heilsarmee sich den Flüchtenden annahm.
  • Aus dem improvisierten Einsatz wuchs die grösste Asylorganisation im Kanton Bern.
  • Im April letzten Jahres hat der Kanton seine Mandate im Asylsozialbereich neu vergeben.
  • Die HAF ist in keiner der fünf Asylregionen direkt zuständig.
  • Eine Massenentlassung war die Folge; seit Ende Juni stehen noch 25 Mitarbeitende in ihren Diensten.

Die meisten Ehen halten weniger lang. Als der Kanton die Leistungsverträge im Asylbereich neu verteilte, kündete er der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe auf Ende Juni nach vier Jahrzehnten seine Liebe. Es war, wie es in langjährigen Beziehungen oft der Fall ist: Die langjährige Partnerin, so treu und beständig sie auch war, zog den Kürzeren gegen eine schneidige Anwärterin, die härter kalkuliert.

«Es war eine sehr emotionale Phase», sagt Lukas Flückiger, Geschäftsleiter der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe (HAF). Zu akzeptieren, dass nach langen Jahren die Dienstleistung nach christlichen Massstäben am Menschen nicht mehr gefragt sei: Das hätten er und seine Mitarbeitenden erst verdauen müssen. Und dann schliesslich 165 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen zu müssen: Das habe wehgetan.

Die Heilsarmee hat einen eigenen Sozialplan entworfen, mit Coachings, Ombudsstelle, einer Regelung für Härtefälle und einer Abgangsentschädigung. Gut die Hälfte der HAF-Mitarbeitenden ist bei den neuen Asylpartnern angestellt worden, drei Viertel hätten eine berufliche Lösung gefunden, sagt Flückiger. Und wirkt dabei erleichtert.

Auch Paul Mori hat der Entscheid des Kantons sehr betroffen gemacht. «Schliesslich habe ich jahrelang gekämpft wie ein Löwe für die Flüchtlingshilfe.» Flückigers Vorgänger als HAF-Geschäftsleiter hat einige Sträusse ausgefochten, heute lobbyiert er im Bundeshaus als Sonderbotschafter der Heilsarmee. Seinen früheren Wirkungsbereich auf den Bestand aus den Anfangszeiten zusammenschrumpfen zu sehen: schmerzhaft, auch für ihn.

Lukas Flückiger (links), aktueller Geschäftsführer der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe (HAF), und sein Vorgänger Paul Mori im Garten der Kollektivunterkunft am Kanonenweg in Bern. Diese Unterkunft wird die HAF als Subunternehmerin der Stadt Bern im August in Betrieb nehmen.
Lukas Flückiger (links), aktueller Geschäftsführer der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe (HAF), und sein Vorgänger Paul Mori im Garten der Kollektivunterkunft am Kanonenweg in Bern. Diese Unterkunft wird die HAF als Subunternehmerin der Stadt Bern im August in Betrieb nehmen.
Foto: Adrian Moser

Die Firma

Mori und Flückiger sitzen in einem schmucklosen Besprechungszimmer im Untergeschoss des Territorialen Hauptquartiers der Heilsarmee an der Laupenstrasse in Bern. Von hier aus werden die Geschicke der Wohlfahrtsorganisation in der ganzen Schweiz, Österreich und Ungarn gelenkt.

Hinter der bunt beflaggten freikirchlichen Fassade verbirgt sich eine nicht gewinnorientierte Firma mit knapp 2000 Angestellten, 400 Millionen Franken Organisationskapital und gigantischem Immobilienbesitz. Locker würde sich die Heilsarmee mit diesen Kennzahlen in die Liga der 500 grössten Unternehmen der Schweiz einreihen, schrieb die «Bilanz» vor zwei Jahren. Sie spielt in der gleichen Liga wie der Zahnbürstenhersteller Trisa, die Optikerkette Visilab oder das Gastrounternehmen Bindella.

Der angestaubte Auftritt der musizierenden Salutisten in den weihnachtlichen Fussgängerzonen weltweit vermag nicht darüber hinwegzutäuschen: Die Heilsarmee ist eine breit diversifizierte und bestens strukturierte Nonprofitorganisation.

Eine Gruppe der Heilsarmee musiziert in der Altstadt von Bern.
Eine Gruppe der Heilsarmee musiziert in der Altstadt von Bern.
Foto: Peter Klaunzer/Keystone (Archiv)

Inzwischen seien bei der Flüchtlingshilfe weniger als 1 Prozent der Mitarbeitenden Mitglieder der Kirche, schätzt Flückiger. Das Kader selbstredend; bei allen anderen reicht es, wenn sie sich mit christlichen Grundwerten wie Nächstenliebe konform erklären.

Das Image der marineblauen Wohltäter ist intakt. Es sorgt dafür, dass sich die Kollektentöpfe der Freikirchler füllen – in einer Zeit, da sich die Kirchenbänke zusehends leeren. In Bern kamen gemäss «Bilanz» schon 3800 Franken in einer Stunde zusammen, in der ganzen Schweiz eine Viertelmillion innert sechs Tagen. Während des Lockdown spendeten Schweizerinnen und Schweizer übrigens in praktisch derselben Grössenordnung.

Der Anfang

Es war auch eine Krise, welche die Flüchtlingshilfe vor vier Jahrzehnten gebar. In Sri Lanka herrschte Krieg, vor dem junge tamilische Männer in die Schweiz flüchteten. Zwei Stockwerke über dem Besprechungszimmer, in dem Mori und Flückiger an diesem Nachmittag sitzen, klingelte das Telefon. Ob die Heilsarmee die Flüchtlinge aufnehmen könne, wollte der damalige Leiter des stadtbernischen Fürsorgeamtes wissen.

Theo Stettler, zu diesem Zeitpunkt Chef der Berner Division der Heilsarmee, nahm sich dieser Aufgabe an. Er legte den Grundstein für das Asylstandbein der Heilsarmee im Kanton Bern. Man erzählt sich noch heute, dass er auch später als prägende Figur in der Leitung der Heilsarmee weiterhin Asylunterkünfte besuchte und in deren Logbüchern blätterte.

Die ersten Flüchtlinge wurden in Kirchengebäuden und im Passantenheim an der Taubenstrasse in Bern einquartiert. Im selben Jahr eröffnete die Flüchtlingshilfe das erste Durchgangszentrum in einer ehemaligen Gastarbeiterunterkunft an der Weissensteinstrasse. Ein einfacher Anfang war es keineswegs, gab es doch auch Demonstrationen gegen die Unterbringung.

Der Aufstieg

Aus dem improvisierten Einsatz wuchs die grösste Asylorganisation im Kanton Bern, die seither mehr als 100’000 Flüchtlinge begleitete. Mit Asylkoordinatorinnen und Jobcoaches wurden in den letzten vier Jahren 1000 Personen in den ersten Arbeitsmarkt integriert – ein Ziel, von dem man glaubte, es zu erreichen, sei fast nicht möglich.

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise vor vier, fünf Jahren weitete die HAF ihre Zuständigkeit aus: Sie betreute bis zu 25 Kollektivunterkünfte im ganzen Kanton mit bis zu 4000 Menschen. Gleichzeitig erkannte sie den Bedarf in der Arbeitsintegration, baute die kantonal grösste Sprachschule für Migrantinnen und Migranten auf und beständig weiter aus. Früh band sie Gruppen der Landeskirchen ein, sodass Freiwillige Integrationsarbeit leisteten, indem sie mit Flüchtlingen beispielsweise Ausflüge organisierten. Sie professionalisierte den Betrieb, liess sich zertifizieren, baute ihre Vorreiterrolle aus, die auf Improvisationsgeschick und Erfahrung beruhte.

Die Heilsarmee betreibt die grösste Sprachschule für Migrantinnen und Migranten im Kanton Bern. An den Lernpunkt-Standorten in Bern, Langenthal und Burgdorf wurde das Angebot kontinuierlich ausgebaut, es gibt hier auch Eltern-Kind- oder Wohnintegrationskurse.
Die Heilsarmee betreibt die grösste Sprachschule für Migrantinnen und Migranten im Kanton Bern. An den Lernpunkt-Standorten in Bern, Langenthal und Burgdorf wurde das Angebot kontinuierlich ausgebaut, es gibt hier auch Eltern-Kind- oder Wohnintegrationskurse.
Foto: Adrian Moser

Die Wertmassstäbe der Gesellschaft und die politischen Bedingungen: Sie sind in ständiger Bewegung. Für Mori als Sozialpädagoge ist das kein Ärgernis, im Gegenteil. Das sei die Realität. «Früher war eine Scheidung eine Katastrophe, heute sind viele Leute geschieden und bereits wieder verheiratet.» Das Bild der langjährigen Ehe, die mit der neuen Ausschreibung und dem Entscheid des Kantons für andere Asylsozialhilfepartner in die Brüche ging, lässt Mori nicht los. Flückiger widerspricht: Das Verhältnis mit den kantonalen Zuständigen sei eigentlich nach wie vor sehr gut.

Während einer Pressekonferenz im Sommer 2012 wehrte sich Paul Mori (Mitte) gegen den Vorwurf, die Flüchtlingshilfe arbeite intransparent.
Während einer Pressekonferenz im Sommer 2012 wehrte sich Paul Mori (Mitte) gegen den Vorwurf, die Flüchtlingshilfe arbeite intransparent.
Foto: Stefan Anderegg

Die Krisen

Die Organisation, die sich den Menschen in Not verschrieben hat, ist nicht skandalfrei. Im Kanton Bern musste sie sich Kritik an den Unterkünften stellen, sich Seilschaften und intransparente Buchführung vorwerfen lassen. Es sei wohl schon so, dass die bernische Administration nicht immer verstanden habe, was im Flüchtlingsbereich bei ihnen genau abgehe: So erklärt Mori die Auseinandersetzung heute. «Eine Art Ehekrise auf verschiedenen Ebenen, die über die Zahlen ausgetragen wurde.»

«Als Gutmenschen sind wir natürlich immer ein wenig verdächtig.»

Paul Mori

Kritisiert wurde die Heilsarmee auch dafür, dass sie Leistungen der zentralen Dienste in Bern an die Aussenposten verrechnet. Oder dass sie 800’000 Weihnachtsbriefe billiger in Tschechien mit Suppenbeuteln ausrüsten liess als in der Schweiz. «Als Gutmenschen sind wir natürlich immer ein wenig verdächtig», stellt Mori fest. Weil man nicht durchschaue, was jemanden bewege, für den halben Lohn zu arbeiten.

Auch personelle Zwiste machten Schlagzeilen und sorgten für breiten Protest: Eine Heimleiterin musste 2012 gehen, weil die Heilsarmee im Kaderpersonal keine gelebte Homosexualität duldet.

Der Ausblick

Auch der Markt ist im Wandel. Die Aufträge zur Integration und Betreuung von Asylsuchenden gehen weg von den Hilfswerken hin zu städtischen Organisationen oder gewinnorientierten Firmen. Flückiger glaubt, dass dieses Pendel auch wieder in die andere Richtung ausschlagen wird. «Man wird feststellen, dass jene Businessmodelle, die auf dem Buckel der Menschen versuchen Geld zu machen, auf lange Sicht nicht funktionieren werden.» Auch die Hoffnung, man könne im Flüchtlingsbereich noch weiter optimieren, habe sich immer wieder zerschlagen. Flückiger geht davon aus, dass das neue Modell nicht günstiger wird als das alte. «Wir sind bereits am Limit gelaufen.»

Aufschrift vor der Kollektivunterkunft in Herrenschwanden, für welche die Heilsarmee bis Ende Juni zuständig war.
Aufschrift vor der Kollektivunterkunft in Herrenschwanden, für welche die Heilsarmee bis Ende Juni zuständig war.
Foto: Raphael Moser

«Man wird feststellen, dass jene Businessmodelle, die auf dem Buckel der Menschen versuchen Geld zu machen, auf lange Sicht nicht funktionieren werden.»

Lukas Flückiger

Den Verlust der HAF sieht er nicht darin, den 40-Millionen-Franken-Auftrag des Kantons verpasst zu haben. In der alten Struktur habe die Heilsarmee eine prägende Rolle gespielt, als Subakkordantin sei das nicht im selben Ausmass möglich. In Zollikofen und Köniz betreut die HAF im Auftrag der Stadt Bern Unterbringungen für je 70 Personen, dazu kommt nächsten Monat der Standort am Kanonenweg in der Stadt Bern.

Die HAF mag wohl auf den Personalbestand aus ihrer Gründerzeit geschrumpft sein – 25 Mitarbeitende sind es noch. Doch das Know-how, das dadurch in die kleinere Struktur zu retten gelungen sei, sagt Flückiger, mache es möglich, in neuerlichen Krisen den Betrieb wieder hinaufzufahren.