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Gastkommentar zur PandemieWas tun in der Stunde null nach Corona?

Wie nach dem Zweiten Weltkrieg müssen wir den Neuanfang nach der Katastrophe nutzen, um Gesellschaft und Wirtschaft neu auszurichten.

Nach Corona eine nachhaltige Wirtschaft als solide Basis für das Wohlbefinden von Menschen und Erde. Und der Abschied von Rekorden: Skyline von Dubai.
Nach Corona eine nachhaltige Wirtschaft als solide Basis für das Wohlbefinden von Menschen und Erde. Und der Abschied von Rekorden: Skyline von Dubai.
Foto: Ali Haider (Keystone)

Es ist Anfang 2021. Viele erwarten, dass das ein besseres Jahr wird. Aber wir können nicht einfach davon ausgehen – nach diesem Schreckensjahr, das uns in die grösste Gesundheitskrise und die tiefste Rezession in einem Jahrhundert gerissen hat. Es ist, wie nach dem Zweiten Weltkrieg, eine «Stunde null». Diese Chance müssen wir nützen. Wir müssen einen höheren Grad an gesellschaftlicher Reife anstreben und eine solide Basis für das Wohlbefinden der Menschen und der Erde schaffen.

Ich sehe drei Pfeiler, auf denen wir aufbauen müssen. Zuerst einmal könnte 2021 das Jahr sein, in dem wir Covid-19 unter Kontrolle bringen. Mehrere Impfstoffe sind bereits verfügbar oder stehen kurz davor. Wenn sie es uns ermöglichen, die Pandemie abzuwehren, sollten wir nachdenken, was wir aus dieser Krise gelernt haben.

Vor allem liegt es an uns allen, sicherzustellen, dass unsere Wohlfahrts- und Gesundheitssysteme für die nächste Generation robuster werden. Die Pandemie hat uns daran erinnert, dass wir nicht ausschliesslich nach einem höheren Wohlstand und höheren Gewinnen streben können, in der Annahme, dass eine Maximierung dieser Indikatoren automatisch zum Nutzen der Gesellschaft gereicht. Das ist nicht der Fall, und deshalb muss das kommende Jahr einen grossen Umbruch in unserer Herangehensweise an Wirtschaftswachstum und Ordnungspolitik bringen.

Zweitens wird 2021 das Jahr sein, in dem sich bedeutende Regierungen und breite Koalitionen im Privatsektor zum Netto-null-Ziel beim Treibhausgasausstoss verpflichten. Dies bedeutet, dass die Welt von einem positiven Zyklus der Dekarbonisierung profitieren kann, anstatt in einem Wettlauf nach unten zu verharren und ein ständiges «Trittbrettfahrer»-Problem zu befürchten.

Die im Pariser Abkommen gesetzten Ziele sind nun erreichbar auf einzelstaatlicher und internationaler Ebene.

Die EU hat bereits vereinbart, die Klimaneutralität bis 2050 gesetzlich festzuschreiben, China hat zugesichert, bis 2060 klimaneutral zu werden, und Japan hat eine ähnliche Zusicherung für 2050 gegeben. Mit Joe Biden als neuem Präsidenten treten die USA dem Klimaschutzabkommen von Paris wieder bei und werden bis 2050 eine saubere Energieversorgung und Netto-null-Emissionen anstreben.

Diese Zusicherungen sind eine historische Entwicklung. China, Japan, die USA und Europa machen zusammen weit mehr als die Hälfte aller Treibhausgasemissionen aus sowie mehr als die Hälfte des globalen Wohlstandes. Die im Pariser Abkommen gesetzten Ziele sind nun erreichbar auf einzelstaatlicher und internationaler Ebene.

2021 wird schliesslich das Jahr sein, in dem die Unternehmen von einer kurzfristigen Gewinnorientierung auf Strategien umschwenken, die sich mehr auf den langfristigen Bestand ihrer Geschäftstätigkeit und auf die Interessen und Beiträge aller Interessengruppen konzentrieren. Zwar haben die Unternehmenslenker bereits 2019 mit der Zusicherung des Business Roundtable und dann im Davoser Manifest 2020 das Konzept des Stakeholder-Kapitalismus angenommen. Aber sie hatten keine Mittel, um diese grundsätzlichen Bekenntnisse in messbare Ziele und die nicht finanzielle Berichterstattung zu übertragen.

Das ist ein historischer Durchbruch, der weltweite Auswirkungen haben wird.

Das ist heute nicht mehr der Fall. Mit der Entwicklung klarer Messgrössen des Stakeholder-Kapitalismus 2020 stehen allen Unternehmen die erforderlichen Instrumente zur Verfügung, um ökologische, soziale und Governance-Zusagen in messbare Massnahmen umzusetzen. Das ist ein historischer Durchbruch, der weltweite Auswirkungen haben wird.

Die drei grossen Entwicklungen – eine erneuerte Konzentration auf öffentliche Gesundheit und Krisenbeständigkeit, Netto-null-Zusicherungen und die Formulierung der Messgrössen des Stakeholder-Kapitalismus – gewährleisten, dass 2021 die neue Stunde null sein wird. Wie nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Bausteine bereits vorhanden und bilden das Fundament für ein neues Zeitalter mit verbessertem Wohlstand, nachhaltigem Wachstum und Klimaschutz.

42 Kommentare
    jean-Luc Gerard

    Ein Paradigmenwechsel ist die Ablösung des Finanzkapitalismus und seiner Varianten, nicht durch den Sozialismus, sondern durch ein nachhaltiges und partizipatorisches System.

    Weit entfernt von den kleinen Reformen und der individuellen Verantwortung für das eigene Handeln, die seit 25 Jahren zu keiner Veränderung geführt haben.

    Die Laptopkonservativen sind damit zufrieden.

    Der eigentliche Paradigmenwechsel ist eine Veränderung der individuellen UND kollektiven Mentalität, also auch der Machtstrukturen.