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«Mehrzahl vo Heimat»Akuter Sommerhitsverdacht aus Bern?

Der soulige Pop von Tuwan war schon hinreissend. Jetzt haben Collins Uzondu und Michel Pi­angu einen Song geschrieben, der zum Hit werden muss.

Beste Freunde auf dem besten Weg zu einer vielversprechenden Popkarriere: Michel Pi­angu (l.) und Collins Onoha Uzondu.
Beste Freunde auf dem besten Weg zu einer vielversprechenden Popkarriere: Michel Pi­angu (l.) und Collins Onoha Uzondu.
Nicole Philipp

«Was isch d Mehrzau vo Heimat? Wo söui häre weni hei ga? Hie bini dä vo dört. Dört bini dä vo hie

Schöner kann man ein Lebensgefühl kaum zusammenfassen. Geschrieben haben diese schlichten und unaufgeregten Zeilen Collins Onoha Uzondu (25) und Michel Pi­angu (25). Sie wissen sehr genau, wovon sie singen.

Das Restaurant Treff in der Bernen Altstadt wählten sie als Ort für das Gespräch. «Von hier aus», sagt Collins Uzondu, «kommen die Dinge in Bewegung.» Hier treffen sie sich jeweils mit ihrem Manager, um ihre noch junge Karriere als Popduo Tuwan voranzutreiben.

Woher kommst du?

Seit gut zwei Jahren machen sie mit souligem und sinnlichem, von R ’n’ B getragenem Mundart-Pop auf sich aufmerksam. Bislang sangen sie vor allem über Flirts und Verführung, über Liebe, Schmerz und Trennung.

Ein Album fehlt noch. Dafür soll im Herbst ihre zweite EP erscheinen. Letztes Wochenende hätten sie auf der Camp-Fire-Bühne am Gurtenfestival gespielt. Stattdessen veröffentlichten sie die Single «Mehrzahl vo Heimat». Entstanden ist der Song bereits Anfang dieses Jahresnoch vor den Black-Live-Matters-Protesten in den USA.

Die Frage nach der Heimat ist eine, die sich die beiden immer wieder selbst stellen und die ihnen auch schon oft gestellt wurde. «Wenn mich die Leute fragen, woher ich komme, stört mich das nicht. Schliesslich meinen sie es in den allermeisten Fällen nicht böse», sagt Collins Uzondu. «Es kommt immer auf die Art und Weise an, wie jemand fragt.» Ob aus Interesse oder doch nur, weil er eine Art Rechtfertigung, eine Erklärung verlange. «Man will etwas von mir hören, was ich eigentlich nicht beantworten kann», ergänzt Michel Piangu. Für sich selber hat er eine Antwort: «Heimat ist dort, wo ich mich gerade geliebt fühle. Punkt.»

Keine Anklage

Collins Uzondu und Michel Pi­angu sind nicht zu dem Gespräch gekommen, um zu wettern und schon gar nicht, um sich als Opfer zu gebaren. Auch im Text von «Mehrzahl vo Heimat» schwingt kaum Anklage, ja nicht einmal Wut mit. Das Lied stellt eigentlich nur Fragen. «Es geht uns darum, dass sich, wer das Lied hört, Gedanken über das Thema macht», sagt Collins Uzondu. «Es sollen sich alle angesprochen fühlen. Nicht nur Mischlinge, wie wir es sind.»

Beide sind im Kanton Bern aufgewachsen, gingen zusammen in die Steinerschule in Ittigen, wo sie den Mittelschulabschluss in Musik machten. Um ganz auf die Musik setzen zu können, begannen beide bei einer Sicherheitsfirma zu arbeiten.

Collins Uzondus Vater stammt aus Nigeria. Michel Piangus Vater aus dem Kongo. Beide haben Schweizer Mütter. Collins Uzondu hat das Geburtsland seines Vaters erst einmal besucht. Piangu war noch nie im Kongo. «Klar spüre ich eine Verbundenheit zu Nigeria», sagt Collins Uzondu. Er wolle das aber nicht überbewerten. Dort werde er ja auch der Cousin aus der Schweiz genannt. «Und ja, wir essen zu Hause auch ab und zu nigerianisch. Aber das Lieblingsessen meines Vaters ist Raclette.»

Schweizer Distanziertheit

Weder Uzondu noch Piangu fühlte sich je fremd in der Schweiz. Beide erlebten eine typische Berner Jugend, wie sie sagen, in der aus Collins «Gölu» wurde und Michel «Mischu» hiess. Und doch haben sie ihre konkreten Erlebnisse mit Rassismus. Collins Uzondu wurde als 10-Jähriger an Halloween von der Polizei in Handschellen abgeführt, nur weil er Eier an eine Hauswand geworfen hatte. Michel Piangu musste zuhören, wie ein älteres Paar im Bus unangemessen über ihn sprach, weil es dachte, er verstehe sowieso kein Deutsch.

«Aber dass jemand sich nicht neben mich in den Bus setzen will, hat meist nichts mit Rassismus, sondern mit der Schweizer Distanziertheit zu tun», sagt Collins Uzondu. «Ich war mir keines Rassismus bewusst», ergänzt Michel Piangu. Erst jetzt bemerke er hie und da seltsame Reaktionen. Wenn, dann spürten sie den Rassismus nonverbal, durch Körpersprache, wie sie sagen. Eine Form von Rassismus, die oft unbewusst passiere.

«Für uns, die wir hier geboren sind und zum Beispiel keinen Akzent haben, ist es viel einfacher geworden»

Collins Uzondu

Noch sein Grossvater habe das N-Wort benutzt, sagt Collins Uzondu. «Er meinte das nicht böse. Er kannte es nur nicht anders. Und ich sage ja auch ‹dort unten›, wenn ich von Afrika spreche.» Oftmals seien das einfach unbewusste, aber schlechte Angewohnheiten. «Und die kann man sich abgewöhnen.»

Deshalb finden es beide wichtig, dass durch die Proteste in den USA auch in der Schweiz wieder über Rassismus diskutiert wird. «Für uns, die wir hier geboren sind und zum Beispiel keinen Akzent haben, ist es viel einfacher geworden», sagt Uzondu. «Mein Vater sagte während der Black-Lives-Matter-Demonstration in Bern zu mir: ‹Wir haben das alles schon hundert Mal durchgemacht. Jetzt ist es an euch Jungen, weiterzumachen.›»

Die Mehrzahl von Heimat ist übrigens Heimaten. Jedoch wurde der Plural erst 2016 offiziell in den Duden aufgenommen. Collins Onoha Uzondu hat das am 19. Juni 2020 aus dem Fernsehen erfahren: in der zweiten Arena-Sendung zu den Black-Lives-Matter-Protesten.

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