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Warum Pink stinkt

Viele Mädchenzimmer sind ein Meer aus Plüsch, Glitzer und Rosa. Woher kommt der Rückfall in Geschlechterstereotype, wo doch ansonsten überall Gleichbehandlung gepredigt wird?

Viele Mädchenzimmer erinnern an ein Prinzessinnen-Reich. Die meisten Eltern beruhigen sich damit, dass dies nur eine Phase sei. Doch leider sind Pink, Plüsch und Co. mehr als nur Farben und Materialien.
Viele Mädchenzimmer erinnern an ein Prinzessinnen-Reich. Die meisten Eltern beruhigen sich damit, dass dies nur eine Phase sei. Doch leider sind Pink, Plüsch und Co. mehr als nur Farben und Materialien.
iStock

Die meisten Mütter und Väter knicken irgendwann ein. Spätestens wenn die Tochter in den Kindergarten kommt und die pinkfarbenen Spielsachen und Kleider ihrer Gspändli entdeckt. Dann will auch sie Anna-und-Elsa-Pullis sowie Prinzessin-Lillifee-Bücher.

Seufzend betrachten die Eltern das Kinderzimmer, das immer mehr zu einem Reich der Elfen, Einhörner und Edelfrauen wird. Aber wenn sie das Strahlen in den Augen der Tochter sehen, wenn diese das x-te Glitzermalbuch auspackt, fühlen sie sich wieder versöhnt. «Und sowieso», beruhigen sie sich, «das ist nur eine Phase. Die geht wieder vorbei.»

Verengte Perspektive

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Das Problem sind aber nicht etwa die Farben Pink und Rosa sowie Materialien wie Plüsch, welche die meisten Mädchen begeistern. Das Problem sind die Geschichten, die mit ihnen erzählt werden: Kinderbuchprinzessinnen zeichnen sich mehrheitlich durch ihre Fürsorge für andere aus und ihren Wunsch, hübsch zu sein. Buben­figuren wie etwa der beliebte Käpt'n Sharky dagegen strotzen vor Abenteuerlust und Entdeckergeist – und vor allem sind sie Anführer.

Sogar auf alltäglichen Produkten wie etwa Duschmitteln sieht man die entscheidenden Unterschiede zwischen Mädchen- und Jungensujets. «Die Prinzessinnen und Elfen schauen in der Regel direkt zum Betrachter, sie sind also stets auf ein Gegenüber fixiert», sagt Stevie Schmiedel. Sie ist Genderforscherin und Gründerin der deutschen Organisation Pinkstinks, die sich ­dafür einsetzt, dass Spielsachen geschlechtsneutraler werden. Stevie Schmiedel betont: «Fussballer und andere männliche Vorbilder gucken meist in die Ferne. Die Botschaft ist: Ich bin aktiv und orientiere mich an mir selbst.»

Solche Rollenbilder widersprechen dem heutigen Ideal der Gleichstellung von Mann und Frau. Allerdings hapert es auch bei den Erwachsenen damit. Die mangelnde weibliche Präsenz in politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen ist eine Tatsache. Die Vermutung liegt nahe, dass die ­Klischees, welche Kindern vermitteln werden, mit ein Grund für den Nachhol­bedarf sind.

Frühe Konditionierung

Woher kommt die krasse Einteilung in Buben- und Mädchenwelten? Es gibt zwei Erklärungen. Die erste ist banal, aber sie zeigt erschreckend die Macht der Märkte: Wenn Spielzeugkonzerne alles doppelt verkaufen können, weil sie es einmal in der Jungen- und einmal in der Mädchenvariante anbieten, dann liegt es in ihrem Interesse, genau dies zu tun. Gendermarketing nennt sich dieses Phänomen.

Es ist rund zwanzig Jahre alt, wie Dominique Grisard von der Universität Basel festhält. Die Sozialforscherin und Historikerin arbeitet an einer Habilitation zur Farbe Pink und ihrer Bedeutung in Konsum, Kultur und Politik. «Seit den späten 1990er-Jahren werden Geschlechterdifferenzen bereits ab der Geburt über die Farbe Pink systematisch hergestellt», sagt sie. Besonders perfid ist, dass so schon Kleinkinder für die verschiedenen Konsumwelten «konditioniert» werden. «Bevor ein Kind sich für Prinzessinnen- oder Piratengeschichten interessiert, lernt es die für sie oder ihn bestimmten Farben und Materialien lieben», erklärt Dominique Grisard. «So werden die Mädchen und Buben über eine sinnliche, emotionale Ebene an geschlechtsspezifische Verhaltensweisen gewöhnt.»

Sehnsucht nach Eindeutigem

Die zweite mögliche Erklärung für den Backlash in den Kinderzimmern hat viel mit der Verunsicherung heutiger Frauen und Männer zu tun: In einer Welt, in der alte Regeln zwischen den Geschlechtern hinterfragt werden und Unterschiede teilweise verschwimmen, sehnen sich viele nach Klarheit. Wenn man diese zumindest bei den Mädchen und Jungen wieder herstellen kann, dann erfüllt man sich damit eine nostalgische Sehnsucht.

Es überrascht dennoch, dass viele Mütter bereitwillig mitmachen. Die meisten Frauen, die in den 70er- und 80er-Jahren aufgewachsen sind, dürften sich daran erinnern, wie sie noch kämpfen mussten, wenn sie zum Beispiel eine Barbiepuppe wollten. Damals waren solche Spielsachen bei vielen Erwachsenen verpönt. Eine Rolle bei der neuen Grosszügigkeit spielt sicher auch die gestiegene Kaufkraft. Früher hätten die meisten Familien wohl gar nicht genug Geld übrig gehabt, um Sohn und Tochter zum Beispiel unterschiedliche Lego-Steine zu kaufen. Da gab es einfach ein Set für alle. Rein auf Mädchen ausgerichtete Angebote wie Lego Friends hätten kaum eine Nachfrage gefunden.

Bubensachen sind wertvoller

Gleichzeitig wollen viele Eltern bewusst fortschrittlich sein und bemühen sich, auch Mädchen für Spielsachen zu begeistern, die ­ansonsten eher Knaben ansprechen. Die Tochter bekommt dann zum Geburtstag das Forscherlabor in Rosa oder den Chemiebaukasten in Pink. Viele Spielzeugkonzerne werben explizit für ­solche aufgepeppten Produkte. Doch auch dies ist letzten Endes ein reines Marketinginstrument und vor allem eine zusätzliche Einnahmequelle. Denn häufig ist das Spielzeug wegen der Spezialanfertigung teurer.

Schwerer wiegt jedoch, dass solche Aktionen das Grundproblem verschärfen. Die implizite Botschaft lautet: Bubensachen sind erstrebenswerter als traditionelle Mädchenspiele. «Diese werden in unserer Gesellschaft in der Regel als oberflächlich und konsumistisch abgetan und auch sonst abgewertet», betont Dominique Grisard. Beleg dafür ist, dass Eltern Jungs selten ermutigen, sich doch mal als Prinzessin zu verkleiden oder mit Spiegel, Glitzer und Puppen zu spielen. So verinnerlichen Mädchen die Vorstellung: Womit sie sich beschäftigen, ist weniger wert als das, was Buben tun. Wenn man die Erwachsenenwelt anschaut, kommt einem das irgendwie bekannt vor.

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