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Mamablog: Debatte um UnterhaltszahlungenDie neue Ehe-Rechtsprechung ist ein Hohn

Unsere Autorin plädiert dafür, frauenverachtende Muster zu reflektieren, statt sie unter dem Deckmantel des vermeintlichen Feminismus zu reproduzieren.

Das würde viel eher zur Gleichstellung beitragen: Care-Arbeit soll endlich entschädigt werden, fordert unsere Bloggerin.
Das würde viel eher zur Gleichstellung beitragen: Care-Arbeit soll endlich entschädigt werden, fordert unsere Bloggerin.
Foto: Getty Images

Feminismus hat ein Imageproblem (lesen Sie dazu auch den Mamablog «Gleichberechtigung einfordern, aber nicht selbst Geld verdienen?»). Einer der Gründe dafür wird wohl sein, dass mitunter sehr vieles unter dem Branding «Feminismus» verbreitet wird, so auch patriarchales Gedankengut und Frauenverachtung. Das zeigten die jüngsten Debatten um die neue Ehe-Rechtsprechung des Bundesgerichts. Es entschied, dass Ex-Partnerinnen künftig weniger Unterhaltszahlungen erhalten sollen. Man sprach in der Folge vom «Auslaufmodell der Hausfrauen». Es wurden schadenfreudige Bilder von «bösen Ex-Frauen» gezeichnet und alle schienen sich dabei einig: Dieser Entscheid würde endlich zur Gleichberechtigung beitragen. Dieses Narrativ macht mich unfassbar wütend.

Wütend, weil niemand davon spricht, dass die logische Folge nun wäre, dass es einen Aufschwung an Hausmännern geben müsste. Wütend, weil diejenigen, die in diesen Diskussionen zu kurz kommen, einmal mehr jene sind, die eine viel zu kleine Lobby haben, nämlich die Kinder. Wütend auch, weil es zeigt, wie verachtend unsere Gesellschaft zu Frauen und auch Care-Arbeit steht und das noch unter dem Deckmäntelchen der vermeintlichen Gleichberechtigung tun will.

«Eine Rechtsprechung, die viele Frauen in die Armut treiben könnte, als einen grossen Schritt zur Gleichberechtigung zu bezeichnen, ist ein Hohn.»

Was viele bei diesen Diskussionen scheinbar vergessen: Wir leben noch lange nicht in einer gleichberechtigten Gesellschaft. Vor 50 Jahren war es für viele noch eine Utopie, dass Frauen in der Schweiz wählen können. Kein Wunder fehlen uns heute die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder besser gesagt: für lebenswerte Modelle des Frauseins. In diesem Kontext eine Rechtsprechung, die viele – weniger privilegierte und gutgebildete – Frauen in die Armut treiben könnte, als einen grossen Schritt zur Gleichberechtigung zu bezeichnen, ist ein Hohn.

Nein, es hat nicht viel mit Gleichberechtigung zu tun, dass unsere Wirtschaft und Politik darauf ausgelegt sind, dass eine Frau sich unbezahlter Care-Arbeit widmet, während ihr Mann Karriere macht und sie dann im Falle einer Scheidung von Armut betroffen sein soll. Es hat auch nicht viel mit Gleichberechtigung zu tun, dass Frauen möglichst schnell nach der Geburt ihrer Kinder berufstätig sein müssen und die Care- sowie Hausarbeit an eine andere, um einiges schlechter bis gar nicht bezahlte Frau (Kita-Lehrtochter, Nanny – oft aus dem Ausland, Au Pair) bis gar nicht bezahlte Frau (Grossmutter, Tante) zu delegieren.

Care-Arbeit endlich entschädigen

Was also tun? Neben familienfreundlichen Arbeitgebern, Lohngleichheit, zahlbaren und hochwertigen Kitas sowie der Individualbesteuerung für Paare, müssen wir endlich über eine weitere feministische Forderung reden: die Entschädigung von Care-Arbeit bzw. einer Elternzeit, die ihren Namen verdient hat. Es kann nicht sein, dass Kinder die Leidtragenden sein müssen. Es kann nicht sein, dass Mütter sich dafür schämen müssen, länger als vier Monate bei ihren Kindern sein zu wollen. Viele Eltern wollen ihre Kinder länger selber betreuen als die lächerlichen vier Monate Mutter- bzw. zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Bindungsforschung zeigt, wie wichtig die ersten drei Lebensjahre sind.

Mit bezahlter Care-Arbeit wären viele Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Altersarmut von Frauen, die prekären Situationen von Alleinerziehenden und die Verschuldung der geschiedenen Zahlväter. Geht es einem Elternteil nicht gut, werden die Kinder nicht danebensitzen können, zuschauen und fröhlich sein, schreibt die Berliner Rechtsanwältin und Paartherapeutin, Nadja von Saldern in Ihrem Ratgeber «Glücklich getrennt»: «Zu Hause können wir uns immer nur so glücklich fühlen, wie das schwächste Glied in der Kette.» Statt Männer und Frauen mit patriarchaler Rhetorik gegeneinander auszuspielen, reden wir also lieber über Win-Win-Lösungen für alle, davon hat Feminismus nämlich einige zu bieten.

Dieser Text erschien zuerst auf Instagram bei @chezmamapoule.

326 Kommentare
    G. Wüthrich

    Im Spital, nach einer schweren Operation sagt der Assistenzarzt: «Sie sind jetzt im Spital und Ihr Mann muss arbeiten.» Er hat nicht erwähnt, ob ich die Kinder seiner Meinung nach hätte in den Kühlschrank stellen sollen, damit sie in der Zwischenzeit frisch bleiben. Unsere Gesellschaft hat schon lange entschieden, dass die Arbeit mit und an Kindern etwas weniger wichtig ist und sie darum auch weniger kosten soll. Kinder haben ist schliesslich freiwillig. Das System profitiert maximal von Personen, die Kinderbetreuung unbezahlt und freiwillig durchführen. Für Kinder sind regelmässige Bezugspersonen eminent. Am besten wird das durch die Eltern gewährleistet, weil der kindliche Bezug zu ihnen am einfachsten zu machen ist. Am schlechtesten sind ständig wechselnde Betreuungspersonen. Das weiss man schon ganz lange. Das sollten wir zu stützen versuchen! Oder wollen wir eine Generation von Menschen grossziehen, die während der Kindheit allen lästig war und zu viel gekostet hat?