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Gerüchte auf TwitterWar Beethoven schwarz?

Der Komponist soll nordafrikanische Wurzeln haben. Das behaupten Aktivisten in sozialen Medien – und befeuern eine uralte Diskussion.

Fast wie das Original: Diese Bearbeitung von Beethovens berühmtem Porträt kursiert derzeit in den sozialen Medien.
Fast wie das Original: Diese Bearbeitung von Beethovens berühmtem Porträt kursiert derzeit in den sozialen Medien.
Foto: Twitter

Es ist gerade einiges los unter dem Hashtag #BeethovenIsBlack. Rapper freuen sich über den unerwarteten «Brother», manche posten Selfies mit erstauntem Gesichtsausdruck, Sinfonien werden mit schwarzen Strassenchoreografien zusammengeschnitten, historische Porträts verfremdet.

Tatsächlich, es wird doch noch lustig in diesem seltsamen Beethovenjahr 2020. Und dies ausgerechnet wegen eines Gerüchts, das eigentlich uralt ist. Denn dass Ludwig van Beethoven (17701827) schwarz gewesen sei, wurde spätestens 1907 erstmals öffentlich diskutiert. Damals vertrat der Komponist Samuel Coleridge-Taylor, selber Sohn einer britischen Mutter und eines Vaters aus Sierra Leone, diese These.

Zu den vielen, die sie später wieder aus der Schublade holten, gehörte auch der Bürgerrechtler Malcolm X, 1963 in einem Interview mit dem «Playboy». Selbst bei den «Peanuts» wurde sie diskutiert, Beethoven-Fan Schroeder reagierte verblüfft: «Was, dann habe ich jetzt die ganze Zeit Soul gespielt?» Das letzte Mal ging das Thema 2015 durch die Medien – aber so weit unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit, dass der schwarze Beethoven jetzt erneut als Entdeckung präsentiert werden kann.

Waren Beethovens Haare nun kraus oder nur wirr? Seine Porträtisten waren sich nicht einig.

Aber was ist denn nun dran an dem Gerücht? Sicher ist, dass Beethoven einen dunklen Teint hatte. Als «klein, braun, voller Blatternarben» beschrieb ihn die Schriftstellerin Bettina von Arnim. Darüber, ob sein Haar nun kraus oder einfach wirr gewesen sei, waren sich seine Porträtisten dagegen nicht einig. Und wer aus der Nasenform der Totenmaske Rückschlüsse ziehen will, gerät rasch in ziemlich unappetitliche Physiognomie-Diskussionen.

Also anders gefragt: Wie hätte es denn überhaupt sein können, dass er schwarz gewesen wäre? Vertreter der These berufen sich auf Beethovens Mutter, Maria Magdalena Keverich. Man weiss wenig über sie, es existiert auch kein Porträt. Aber es ist möglich, dass ihre Wurzeln nach Flandern reichten, das zeitweise unter spanischer Herrschaft stand; Teile Spaniens wiederum waren lange von den «Mohren», also den nordafrikanischen Mauren, besetzt.

Als Beleg ist das nun allerdings nicht gerade zwingend. Und selbst wenn es alle diese Verbindungen tatsächlich gegeben haben sollte, wäre das maurische Blut sehr stark verdünnt durch Beethovens Adern geflossen. Dass seine katholische, in Ehrenbreitstein bei Koblenz geborene Mutter eine «afrikanische Muslimin» gewesen sei, wie derzeit auf den sozialen Medien kolportiert wird, ist definitiv falsch.

Was dagegen stimmt: Beethoven war mit dem schwarzen Geiger George Bridgetower befreundet, ist oft mit ihm aufgetreten und hat ihm die Kreutzer-Sonate gewidmet. Wenn er in seiner 9. Sinfonie «Alle Menschen werden Brüder» vertont hat, meinte er mit «alle» also zweifellos nicht nur die Weissen.

Und das wäre eigentlich das, was von der aktuellen Twitter-Debatte übrig bleiben sollte: Dass Beethoven nicht den Weissen gehört. Und dass es schon zu seiner Zeit erfolgreiche schwarze Musiker gab – auch wenn er selbst wohl eher keiner von ihnen war.

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